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Amerika

US-Zeitungsbranche: Milliardäre auf dem Vormarsch

Die geplante Übernahme der Washington Post durch Amazon-Gründer Jeff Bezos ist ein Paukenschlag für die US-Medienbranche. Auch für europäische Verleger könnte der Verkauf zum Weckruf werden.

Nur wenige Stunden, bevor der Verkauf der Washington Post an Jeff Bezos bekannt wurde, machte ein anderer Milliardär einen Antrittsbesuch bei seiner neuen Redaktion. John Henry, Eigentümer des Baseballclubs Boston Red Sox und des britischen Traditionsvereins FC Liverpool, stellte sich am Montag (05.08.2013) den Journalisten des Boston Globe vor. Nur drei Tage zuvor hatte sich der Milliardär mit der New York Times Company auf die Übernahme der vor 141 Jahren gegründeten Zeitung für rund 70 Millionen Dollar geeinigt. Zum Vergleich: Die New York Times hatte das Traditionsblatt vor 20 Jahren für 1,1 Milliarden Dollar gekauft.

Der Verfall des Verkaufspreises einer mit 21 Pulitzer-Preisen dekorierten Zeitung sagt mehr über den Niedergang der großen amerikanischen Tageszeitungen aus als alle Statistiken über Auflagenrückgänge und Anzeigenverluste zusammen. Er spiegelt den noch immer anhaltenden Trend wider, dass die US-Qualitätspresse von wenigen Ausnahmen abgesehen noch immer keinen Weg gefunden hat, ihre Produkte auf Dauer gewinnbringend oder wenigstens verlustfrei zu betreiben.

Reißleine gezogen

Amazon-Gründer Jeff Bezos(Foto: AP Photo/Reed Saxon, File)

Amazon-Gründer Jeff Bezos

Jetzt geht also die Washington Post - ein Blatt, das gemeinsam mit der New York Times und dem Wall Street Journal zu den traditionellen Leitmedien des Landes gehört - an den Milliardär Jeff Bezos. Dass die Washington Post in Schwierigkeiten steckt, war bekannt. Seit langem versuchte die Graham-Familie, die die Zeitung seit mehr als 80 Jahren mehrheitlich besitzt, den finanziellen Niedergang des Blattes zu stoppen: Investitionen in den Internetauftritt, Personalabbau, journalistische Neuausrichtung der Zeitung als Blatt für die Hauptstadtregion - nichts konnte den Abwärtstrend umkehren. Erst vergangene Woche hatte die Washington Post Company für das zweite Quartal 2013 einen erneuten Verlust in Höhe von 14 Millionen Dollar für den Printbereich bekanntgegeben. Jetzt zog die Familie die Reißleine und verkauft die Zeitung für 250 Millionen Dollar an Jeff Bezos.

Robert Picard, Professor am Reuters Institut für Journalismusforschung an der Oxford University, gewinnt dem Kauf der Washington Post durch Bezos vorläufig nur Positives ab. "Es ist für den Journalismus zumindest kurzfristig gut, dass jetzt Eigentümer in die Branche einsteigen, die über die Mittel verfügen, eine Zeitung zu betreiben und gleichzeitig auch eine neue Perspektive für die wirtschaftlichen Belange einbringen."

Zeitungen gelten als Verlustgeschäft

aufgeklappter Laptop mit einem Bild von zusammengerollten Zeitungen auf dem Bildschirm (Foto: Fotolia)

Weg vom Print, hin zu Online-Journalismus

Inzwischen habe sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, so Picard, dass Zeitungen sich nicht mehr als Geschäftsmodelle eignen, um hohe Renditen zu generieren, wie das noch in den 1990er Jahren der Fall war. Selbst die wichtigste Zeitung des Landes, die ebenfalls unter Druck stehende New York Times, hat schon seit Jahren mit dem reichsten Mann der Welt, dem Mexikaner Carlos Slim, einen branchenfremden Großinvestor.

"Ein Kauf aller großen Zeitungen in den USA, besonders der Metropolenblätter, macht wirtschaftlich keinen Sinn", betont der selbst aus den USA stammende Picard. Deshalb sei es auch logisch, dass Bezos als Privatperson und nicht das Unternehmen Amazon die Washington Post erwerbe. Was der Kauf durch Bezos für den Journalismus der weltweit bekannten Zeitung bedeutet, ist für Picard wie für seinen Kollegen Christian Fuchs, Professor für Soziale Medien an der University of Westminster, noch offen.

Unklare Ziele

Denn im Gegensatz zu anderen Milliardären, die sich im Medienbereich engagieren - wie dem liberalen Investor Warren Buffett oder dem konservativen Medienmogul Rupert Murdoch - hat sich Bezos bisher politisch zurückgehalten. Buffets Holding Berkshire Hathaway hielt bisher die meisten Anteile nach der Graham-Familie an der Washington Post Company.

Absehbar ist jedoch, dass Amazon-Gründer Bezos die Digitalisierung des Blattes vorantreiben wird. So hatte Bezos im Interview mit der Berliner Zeitung Ende vergangenen Jahres bekundet, in 20 Jahren werde es keine gedruckten Zeitungen mehr geben. "Ich persönlich glaube schon, dass es die gedruckte Zeitung in 20 Jahren noch geben wird", meint Medienwissenschaftler Fuchs. Aber natürlich gehe die Tendenz dahin, verschiedene Formate des Produkts als Online, Print- oder E-Book anzubieten. Bezos habe durch Amazon große Erfahrung mit digitaler und analoger Distribution, ergänzt Picard. "Er wird sehr aufmerksam untersuchen, was sie mit ihrer digitalen Verbreitung machen können."

Weckruf für Deutschland

Ein Verkaufskasten der Washington Post auf einer Straße (Foto: REUTERS/Jonathan Ernst/Files)

Zeitung aus Papier: Ein Bild der Vergangenheit?

Für Verleger und Journalisten in Europa, aber speziell in Deutschland, ist der Bezos-Kauf ein Alarmzeichen. Über die vergangenen 40 Jahre betrachtet, hänge die europäische Zeitungsbranche den Entwicklungen in den USA immer rund zehn Jahre hinterher, so Picard. "Deshalb glaube ich, dass wir ein Muster einer sich wandelnden Branche sehen - der Anzeigen und der Leserschaft - und dieser Trend schlägt in Deutschland sehr stark durch."

Bis vor wenigen Jahren sei die deutsche Presselandschaft noch relativ beschützt gewesen. Doch diese Zeiten sind laut Picard vorbei. "Ich erwarte einen großen Umbruch in der Branche in den nächsten Jahren, besonders bei den Verlagen, die Konzernen oder zu börsennotierten Gesellschaften gehören."

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