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US-Wahl 2016

US-Wahlbeobachtung nach Kenias Modell

Am Wahltag sollen alle US-Bürger die Möglichkeit haben, Auffälliges über eine Webseite zu melden. Die Software dahinter ist krisenerprobt und schon um die ganze Welt gereist. Ihre Geburtsstunde hatte sie in Kenia.

Kenia im Dezember 2007. Die Bürger haben gewählt. Präsidentschaftskandidat Raila Odinga führt bei ersten Hochrechnungen deutlich. Dann gibt es technische Probleme, weitere Hochrechnungen bleiben aus. Als die Wahlkommission das Ergebnis verkündet, ist plötzlich Amtsinhaber Mwai Kibaki der Sieger - und wird überstürzt als Präsident vereidigt. Proteste brechen aus, Jugendbanden verschiedener ethnischer Gruppen ziehen mordend durch die Straßen. Beobachter sprechen im Februar 2008 von mindestens 1000 Toten. Doch das wahre Ausmaß von Gewalt und Gegengewalt lässt sich gerade in ländlichen Gebieten schwer feststellen.

Es ist die Stunde für eine Gruppe kenianischer Software-Programmierer und Blogger. Sie entwickeln die Internetplattform Ushahidi, um Menschen im ganzen Land die Möglichkeit zu geben, Gewalttaten zu melden. Dafür führen sie das Prinzip des Crowdmapping ein: Smartphone- und Internetnutzer können die Vorfälle darüber direkt auf der Karte verorten. So ergibt sich ein sehr präzises Bild der Ereignisse.

Für Ushahidi - was auf Kisuaheli "Zeugnis" bedeutet - ist es der Anfang einer Erfolgsgeschichte, die bis heute anhält. Die Open-Source-Software kommt wenig später zum Einsatz, um rassistische Gewalt in Südafrika zu melden. In mehreren Ländern der Region können Nutzer mitteilen, wenn Medikamente ausgehen. 2010 wird Ushahidi bei den Erdbeben in Haiti und Chile angewandt, um die Zerstörung von Gebäuden und die Gefährdung von Menschen zu lokalisieren. Auch nach der Explosion auf der Ölbohrinsel Deepwater Horizon kommt sie zum Einsatz. Bis heute konnten die Entwickler mit ihrer gemeinnützigen Organisation mehrere renommierte Preise gewinnen, darunter den Hauptpreis bei den internationalen Weblog-Awards The BOBs der Deutschen Welle im Jahr 2010.

Juliana Rotich (AFP/Getty Images)

Die Geschichte von Ushahidi begann in Nairobi, Kenia

Von Kenia in die USA, von Menschen für Menschen

Mit der Website USA Election Monitor gibt das Unternehmen nun auch den US-Wählern die Möglichkeit, jede Art von Unregelmäßigkeiten oder Problemen zu melden. Ob Wahlzettel ausgehen oder Menschen mit Behinderung keinen Zugang zu Wahlbüros erhalten - oder ob tatsächlich alles glatt läuft: Solche Informationen können die Bürger schnell bekanntmachen. Ushahidi führt die Daten zusammen, um ein Gesamtbild der Wahlen zu zeichnen.

"Eigentlich hoffe ich ja, dass wir uns die Ergebnisse am Mittwoch ansehen und feststellen, dass 99,9 Prozent gemeldet haben: 'Alles ist super gelaufen!'", sagt Nat Manning, der Chief Operating Officer von Ushahidi, der selbst in San Francisco lebt. Er gibt sich überzeugt, dass die Plattform einen Beitrag leisten kann - auch wenn die Wahlüberwachung der Bundesstaaten und Parteien und unabhängiger Beobachter im "Mutterland der Demokratie" eine sichere Sache zu sein scheint. "Ushahidi erlaubt es normalen Bürgern, sich zu Wort zu melden. Damit gibt es viel mehr wachsame Augen. Und vor allem schafft es ein Gefühl der Transparenz", so Manning im DW-Gespräch.

USA Election Monitor Screenshot (Ushahidi)

Auch in den USA können Bürger Unstimmigkeiten melden

Wahlbetrug in den USA?

Dass die US-Wahlen manipuliert sein könnten - diesen Vorwurf führte der republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump im Wahlkampf gegen seine Gegenspielerin Hillary Clinton ins Feld. Wiederholt hatte Trump proklamiert, die demokratische Kandidatin gehöre ins Gefängnis und nicht ins Weiße Haus. Die steilen Thesen und Absurditäten des kontroversesten Wahlkampfs der US-Geschichte regten Twitter-Nutzer in Nigeria dazu an, die scheinbar afrikanischen Verhältnisse in den USA aufs Korn zu nehmen. Tatsächlich gibt es bisher kaum Anzeichen für Wahlbetrug in größerem Ausmaß in den Vereinigten Staaten. So befand eine Studie, dass es zwischen 2000 und 2014 unter einer Milliarde abgegebener Stimmzettel nur 31 Betrugsfälle gab. Diese Diskrepanz zwischen nachweisbaren Fakten und öffentlich geschürtem Misstrauen war für die Köpfe hinter Ushahidi nur ein weiterer Grund, zu größtmöglicher Transparenz beizutragen.

Nat Manning formuliert das so: "Wir konnten nicht dasitzen und zusehen, wie Menschen unbegründete Zweifel streuen an dieser wunderbaren Sache - dass wir alle wählen gehen und damit alle vier bis acht Jahre einen friedlichen Machtwechsel herbeiführen können." Ushahidi, die Internetplattform aus Kenia, kann dieser demokratischen Errungenschaft der USA jetzt durch mehr Transparenz zu noch mehr Glaubwürdigkeit zu verhelfen - ganz gleich, wie das Ergebnis lautet.

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