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Globale Zusammenarbeit

US-Veteran hilft Agent-Orange-Opfern

In Vietnam kämpfte er in einem Krieg, über den er wenig wusste. Chuck Palazzo sah die Zerstörung durch das Entlaubungsmittel Agent Orange und schwor, den Opfern zu helfen. 40 Jahre später löst er sein Versprechen ein.

Mit einem Knopfdruck starteten Vertreter der USA und Vietnams im April in der Stadt Danang eine weitere Etappe eines Versöhnungsprojekts zwischen beiden Ländern. Es geht um die Reinigung verseuchten Bodens auf dem Gelände einer ehemaligen Militärbasis, auf der früher eine der bittersten Altlasten des Vietnamkriegs gelagert wurde: Agent Orange.

Chuck Palazzo ist einer der zahlreichen Amerikaner, die an der Zeremonie in Vietnam teilnahmen. Vor mehr als 40 Jahren war er hier US-Elitesoldat und sah, wie die Militärflugzeuge ihre geheimnisvolle Fracht ausluden. Heute sitzt der 61-Jährige in einem Café in der Altstadt von Danang und erzählt von der "Nebelwolke", die versprüht wurde und "nach verfaultem Obst" roch.

"Ich habe es mehrmals erlebt, dass wir im Dschungel im Einsatz waren und über uns plötzlich Flugzeuge auftauchten und irgendwas versprühten. Wir hatten keine Ahnung, was es war", sagt der Ex-Marinesoldat. "Als wir dann einen halben Tag oder einen Tag später über dieselben Pfade zurückkamen, waren alle Blätter verschwunden. Alle Bäume und Büsche waren kahl und verwelkt. Ich fragte mich: Wenn die Pflanzen so reagieren, was passiert dann mit den Menschen?"

Herbizid mit Nebenwirkungen

In den 1960er und 70er Jahren versprühten die USA rund 45 Millionen Liter Agent Orange, um das Blätterdach des Urwalds zu zerstören, unter dem die Freiheitskämpfer der Vietcong sich versteckten. Den Namen erhielt das Unkrautvernichtungsmittel wegen der orangefarbenen Banderole um die Fässer.

Sein hochgiftiges Nebenprodukt Dioxin steht im Verdacht, Diabetes, Herzkrankheiten und Krebs zu verursachen. Nach offiziellen Angaben leiden mehr als drei Millionen Vietnamesen an Geburtsfehlern, die auf Dioxin zurückzuführen sind.

Agent Orange Einsatz Vietnam 1966

US-Flugzeuge versprühen das Entlaubungsmittel Agent Orange über Vietnam (1966)

Vom Regen in die Traufe

Chuck Palazzos Eltern gehörten zur ersten Generation von italienischen Einwanderern in die USA. Er wuchs in einem der sozial schwierigsten Viertel von New York auf: in der Bronx. Um dem harten Leben auf der Straße und seiner zerrütteten Familie zu entkommen, verpflichtete er sich als 17-Jähriger für den Militärdienst. Nach einem Jahr Ausbildungslager kam er 1970 nach Danang, wo er 13 Monate im Einsatz war. Obwohl er sich überhaupt nicht für Politik interessierte, wusste er schon bald, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Als das Flugzeug in Vietnam landete, sah er auf dem Flugfeld Särge, fein säuberlich nebeneinander aufgereiht. Darin die Leichen von Kameraden, die im Einsatz getötet worden waren. "Es verging kein Tag, an dem ich nicht dachte 'Warum um alles in der Welt mache ich das hier?'", erzählt Palazzo. Vor allem das Leid der Einheimischen berührte ihn. Er schwor sich, eines Tages zurückzukehren und "den Vietnamesen etwas Gutes" zu tun.

Die (Alt-)Last des Krieges

Nach seiner Rückkehr in die USA schloss sich Palazzo der Antikriegsbewegung an und trat der Vereinigung "Veteranen für den Frieden" bei. Er schloss seine Ausbildung ab und arbeitete in einer Software-Entwicklungsfirma. Doch schon bald bemerkte er, dass viele der anderen Veteranen an mysteriösen Gesundheitsproblemen litten und einige ihrer Kinder mit Fehlbildungen geboren wurden. Schnell brachten sie das mit ihrem Kontakt zu Agent Orange in Verbindung. Palazzo wurde zu einem der eifrigsten Kämpfer für die Opfer dieses Giftes.

In den 1980er Jahren reichte er gemeinsam mit Zehntausenden Vietnam-Veteranen und deren Angehörigen eine Sammelklage gegen sieben Hersteller von Agent Orange ein. Obwohl die Produzenten keine Verantwortung übernahmen, endete der Fall außergerichtlich mit einem Vergleich in Höhe von 180 Millionen Dollar (etwa 132 Millionen Euro). Die höchste Auszahlung an eine Einzelperson habe allerdings nur 2000 Dollar (1460 Euro) betragen, sagt Palazzo.

Agent Orange Spätfolgen Vietnam

Viele Kinder von Agent-Orange-Opfern haben geistige und körperliche Behinderungen

Der Ex-Soldat wurde immer wieder von Angstattacken und Albträumen heimgesucht, hatte Angst vor Menschenansammlungen und vor lauten Geräuschen. Später wurde das als posttraumatische Belastungsstörung anerkannt.

Den Wendepunkt erreichte er 2001, als ein Freund von ihm starb, mit dem er in Vietnam gedient hatte. "Er war mein bester Freund. Wir waren in der Ausbildung zusammen, wir kamen zusammen nach Vietnam. Als er mir das Leben rettete, wurde er angeschossen und schwer verletzt." Sein Freund war danach gelähmt und wurde nach Hause geflogen. Dort wurde er drogenabhängig und starb an einer Überdosis. Sein Tod erschütterte Chuck Palazzo tief.

Ein Jahrzehnte altes Versprechen

Er beschloss, nach Vietnam zurückzukehren und die Dämonen der Vergangenheit auszutreiben. Er war unsicher, wie er seine Rückkehr erleben würde. Überrascht und erleichtert stellte er fest, dass die Leute ihn freundlich aufnahmen - und ihm sogar vergaben. Palazzo traf auch Vietnamesen, die Agent Orange ausgesetzt waren und deren Kinder geistig und körperlich extrem geschädigt waren. "Ich erinnerte mich an meinen Schwur, dass ich zurückkommen und hier etwas Gutes tun wollte. Und genau das habe ich dann gemacht, so gut ich es eben konnte."

2006 verlegte er seine Softwarefirma nach Vietnam und zog nach Danang, das sich von einem Trümmerfeld zu einer modernen, fortschrittlichen Metropole entwickelt hatte. Gemeinsam mit zwei anderen Veteranen, die ebenfalls in Vietnam lebten, gründete er die lokale Gruppe der "Veteranen für den Frieden". Sie bieten Touren für ehemalige Soldaten an, organisieren die Reise und helfen mit ihnen bei Projekten, die der Aufarbeitung des Krieges dienen. In diesem Jahr hatten sie 17 Teilnehmer.

Chuck Palazz Vietnam Agent Orange Aktivist

Die ehemalige Militärbasis ist verseucht und wird abgeriegelt

Schreckgespenst Agent Orange

Die US-Regierung hat niemals eine Verbindung zwischen dem Einsatz von Agent Orange und Gesundheitsproblemen zugegeben. 2012 begann sie mit den

Aufräumarbeiten auf der Militärbasis von Danang

, die als einer von 28 besonders mit Dioxin belasteten Orten ausgewiesen wurde. 45.000 Kubikmeter verseuchten Erdreichs wurden abgetragen und sollen jetzt hocherhitzt werden, um das Dioxin zu zerstören. Die Kosten für die Sanierung sind mittlerweile auf mehr als 84 Millionen US-Dollar gestiegen.

Chuck Palazzo unterstützt das Projekt, findet aber, die US-Regierung könnte noch mehr tun, vor allem für die Menschen, die direkt von Agent Orange betroffen sind: "Es geht nicht nur darum, ihnen zehn oder 20 Dollar pro Monat mehr zu ihrem Gehalt zu geben. Es geht um Erholungsheime, Sozialarbeiter und körperliche Rehabilitation."

Im modernen Vietnam zu leben habe geholfen, einige der Geister aus der Vergangenheit zu beruhigen, sagt der Veteran, der vor Kurzem Großvater geworden ist. Aber das Schreckgespenst des Krieges werde ihn sicher für den Rest seines Lebens verfolgen, seelisch und körperlich. "Ich sage oft, dass der schönste und der schlimmste Tag meines Lebens der Tag war, an dem meine Tochter geboren wurde. Und genauso habe ich die Geburt meines Enkels empfunden. Man weiß nie. Denn wir haben gesehen, wie das Gift Generationen übersprungen hat. Es ist eine große Angst, mit der wir leben."

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