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9/11 und die Folgen

US-Muslime: integriert, aber nicht beliebt

Seit dem 11. September 2001 haben Muslime in den USA ein Imageproblem. Dabei sind sie als Einzelne meist gut integriert. Sie begegnen den negativen Schlagzeilen mit Offenheit und aktiver Nachbarschaftshilfe.

Frau mit Kopftuch

"Wir haben ein hervorragendes Verhältnis zum FBI, dem Finanzministerium, dem Außenministerium und verschiedenen anderen Strafverfolgungsbehörden." So steht es auf der Webseite des ADAMS-Zentrums. ADAMS steht für "All Dulles Area Muslim Society". Es ist der religiöse Mittelpunkt für mehr als 5000 muslimische Familien und damit nach eigenen Angaben eine der größten muslimischen Gemeinden in den USA.

Rizwan Jaka (Foto: DW)

Rizwan Jaka legt Wert auf Freizeit-Angebote - nicht nur für Muslime

"Wir wollen sicherstellen, dass die Menschen wissen, wer wir sind und dass wir Extremismus und Terrorismus ablehnen", erklärt Rizawn Jaka, der Pressesprecher der Gemeinde. Deshalb stehe auf der Internetseite auch, dass hier Frauen gleichberechtigt seien, man Wert auf Zusammenarbeit mit anderen religiösen Gemeinden lege und Wohltätigkeitsarbeit groß geschrieben werde.

Aus gutem Grund. Der muslimischen Gemeinde, westlich der US-Hauptstadt Washington gelegen, ist seit dem 11. September 2001 viel Hass entgegengeschlagen. Noch am Abend der Terroranschläge wurde in die alte Moschee eingebrochen, die Bauschilder für das damals neu geplante Gelände wurden niedergebrannt. Allerdings, betont Jaka, hätten sich die anderen Religionsgemeinschaften in der Gegend sofort solidarisch erklärt, hätten Wache gestanden oder angeboten, die Frauen der Gemeinde zu begleiten, sollten sie sich unsicher fühlen.

Vandalismus und Gewalt gegen Muslime

Das ADAMS-Center, ein religiöses und kulturelles Zentrum (Foto: DW)

Das ADAMS-Center, ein religiöses und kulturelles Zentrum

Nach Ansicht von Robert Marro, der wie Jaka zum Vorstand des ADAMS-Zentrums gehört, sind die öffentlichen Diskussionen wie die um das geplante islamische Zentrum in der Nähe von Ground Zero in New York politisch motiviert: "So lassen sich leicht Stimmen fangen." Auch die Koranverbrennung durch einen Pastor in Florida hält er für einen Publicity-Aktion. Die Medien seien an der Aufregung oft nicht unschuldig.

Dennoch ist er optimistisch: Über kurz oder lang würden die amerikanischen Muslime in die Gesellschaft integriert werden, genauso wie die Katholiken, die Italiener oder die Iren im vergangenen Jahrhundert. Marro erinnert an die Debatte, als mit John F. Kennedy zum ersten Mal ein Katholik Präsident wurde. Damals sei auch diskutiert worden, ob Kennedys erste Loyalität dem Papst oder den USA gelten würde.

Doch es wird offensichtlich noch dauern, bis es in den USA keine Rolle mehr spielt, ob jemand Katholik oder Moslem ist. Samira Hussein jedenfalls möchte sich noch immer nicht vor ihrem Auto fotografieren lassen. Die gebürtige Palästinenserin lebt in Gaithersburg in Maryland, nördlich der US-Hauptstadt, und sie hat schlechte Erfahrungen gemacht. Es begann mit dem ersten Golfkrieg: "Am Anfang haben sie unsere Autos beschädigt, die Reifen zerstochen, die Haustüren kaputt gemacht, uns mit Müll und toten Vögeln beworfen, unsere Pflanzen herausgerissen." Ihre Kinder seien jeden Tag in der Schule verprügelt und auf dem Schulweg verfolgt worden. Die Terroranschläge vom 11. September 2001 führten zu noch mehr Problemen, plötzlich wurde die Sozialarbeiterin auch auf der Arbeit diskriminiert.

Informieren und gemeinnützige Arbeit leisten

Muslime in den USA

Trotz Diskriminierung setzt sich Samira Hussein für ihre Gemeinde ein

Samira Hussein reagierte, indem sie ihr gesellschaftliches Engagement noch verstärkte: in der Elternvertretung, in Schulen und in der Gemeinde. Sie erklärte Schülerinnen und Schülern, warum sie ein Kopftuch trägt. Ihre Waffe, so sagt sie, sei Bildung: "Ich möchte die Menschen informieren und am besten fängt man mit den Kindern an." Wenn die Kinder ihre Kultur und Religion verstünden, dann würden auch die Eltern ihre Ansichten ändern. Ihre Arbeit habe Früchte getragen, sagt Samira Hussein heute. 2002 wurde sie vom Bezirk für ihren Einsatz gegen Intoleranz ausgezeichnet. Unter einer Bronzestatue in der Halle vor dem Versammlungsraum des Behördenzentrums ist ihr Name eingraviert.

Auch Tufail Ahmad fordert, dass sich die amerikanischen Muslime stärker sozial engagieren, um sich so zu integrieren. "Die Inder und Pakistanis haben den Ruf, dass sie in großen Häusern leben und sich nicht um die Armen kümmern", sagt er. Ahmad wurde in Indien geboren, hat dann in Pakistan gelebt und wanderte 1973 in die USA aus. Als Gemeindeältester beschloss er noch am 11. September 2001, aktiv zu werden. Zunächst organisierte er Diskussionsrunden und dann die gemeinnützige Hilfe.

Besser als in anderen Teilen des Landes

Im ADAMS-Center wird auch Badminton gespielt (Foto: DW)

Mittwochs wird Badminton gespielt, freitags gebetet

Seit 2001 sammeln die Muslime in Montgomery County Lebensmittel. Auch Ahmad selbst scheut sich nicht, sich vor den Supermarkt zu stellen und um Spenden zu bitten. Tausende Kilo Lebensmittel kommen so jedes Jahr zusammen. Sogar Kühe haben sie schon geschlachtet und das Fleisch an Bedürftige verteilt. Ahmad ist nachdenklich: "Die Minderheiten sind hier in der Gegend mittlerweile schon in der Mehrheit, aber ist Ihnen aufgefallen, dass alle gemeinnützige Arbeit in dem Bezirk von den Weißen gemacht wird?", fragt er. Ahmad arbeitet weiter daran, dass sich das ändert.

Dabei sei die Diskriminierung der Muslime in Montgomery County gar nicht so ausgeprägt, erklärt Waled Hafiz. Der Syrer hat 20 Jahre lang in Deutschland gelebt und arbeitet seit gut zehn Jahren in den USA. Er ist Mitglied der Montgomery County Moslem Foundation, der gemeinnützigen Organisation der Muslime vor Ort. 300 bis 400 aktive Mitglieder helfen bei ihren Aktionen. "In dieser Gegend sind die Leute besser informiert," sagt Hafiz. "Wenn man nach Texas geht oder West-Virginia, dann wissen die Menschen dort immer noch nicht, wo Syrien liegt und wo Jordanien, und wer für den 11. September verantwortlich war."

Guled Kassim kam 1985 im Alter von zehn Jahren aus Somalia nach Montgomery County. Er ist gerade Präsident der muslimischen Stiftung geworden. Was antwortet er, der in der US-Armee gedient hat, auf die Frage, ob er sich zuerst als Muslim oder als Amerikaner sieht? Zunächst einmal erklärt er: "Einem Christen würden Sie diese Frage gar nicht stellen, das ist eine Fangfrage." Doch dann fährt er fort: "Ich bin beides." Seine Generation habe keine Probleme damit zu sagen: "Ich bin Amerikaner und Muslim oder Muslim und Amerikaner." Und er fügt hinzu: "Die Reihenfolge ist egal."

Autor: Christina Bergmann
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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