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Asien

"US-Kritik ist unverschämt"

Die Kritik an dem von der Bundeswehr angeforderten Luftangriff nahe Kundus wird lauter. Wilfried Stolze, Sprecher des Bundeswehrverbandes, nennt die US-Vorwürfe "nicht nur unfair, sondern unverschämt."

Wilfried Stolze, Sprecher des Deutschen Bundeswehrverbandes (Foto: ap)

Wilfried Stolze, Sprecher des Deutschen Bundeswehrverbandes

DW-WORLD.DE: Die Washington Post schreibt von 125 Toten und beruft sich dabei auf Schätzungen einer NATO-Untersuchungskommission. Unter diesen Toten seien nach Angaben der Zeitung auch mindestens zwei Dutzend Zivilisten. Eine örtliche Menschenrechtsgruppe im Raum Kundus spricht von 60 bis 70 getöteten Zivilisten und afghanische Behörden gehen von mindestens 90 Toten, darunter 65 Zivilisten, aus. Welche Zahlen sind ihnen bekannt?

Wilfried Stolze: Das ist eine fatale Geschichte, dass man aus der Ferne und aus den USA über die Zahl der Todesopfer spekuliert. 125 ist mit Sicherheit zu hoch gegriffen. Wir gehen eher von den deutschen Zahlen aus. Man bedenke, es war 2 Uhr nachts: Da schart sich nicht eine ganze Dorfbevölkerung um zwei Tankwagen, die im Graben stecken geblieben sind.

Auch Verteidigungsminister Jung räumt mittlerweile ein, dass unter den Opfern nicht nur Taliban, sondern auch Zivilisten sein könnten. Was wissen Sie darüber?

Auch das wird weiter untersucht. Und das ist auch richtig so. Es dürfte sehr schwierig sein bei sehr vielen Opfern, die unkenntlich sind, zu unterscheiden, wer könnte Taliban gewesen sein und wer Dorfbewohner. Es ist zu befürchten, dass bei einer solchen Aktion leider auch Zivilisten getötet werden. Da hat Herr Jung am Anfang zu selbstbewusst gesagt, das sei völlig ausgeschlossen. Ich nehme an, das muss er korrigieren. Aber aus 'sehr internen Kreisen' weiß man, es war nicht diese hohe Anzahl, sondern es geht eher um eine Zahl unter zehn.

Oberst Georg Klein (Foto: ap)

"Sehr besonnener Mann": Oberst Georg Klein forderte den Luftangriff an

Der afghanische Präsident Karsai hat in einem Zeitungsinterview scharfe Kritik an dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff geübt. Er sagt, es war eine Fehleinschätzung. Er spricht sogar von mehr als 90 Toten. Es seien einfache Tankwagen gewesen, die in dem Flussbett außerdem noch fest steckten. Karsai fragt, warum man keine Bodentruppen geschickt hat. Die Bodentruppen waren ja auch in Gefechte verwickelt. Es ging ja nicht nur um den Luftschlag gegen den Tankwagen. Im Übrigen hat der Kommandeur - das ist für uns festzustellen - richtig gehandelt. Er hat die Lage richtig beurteilt. Die Sicherheit seiner eigenen Soldaten steht im Vordergrund. Ein voll beladener Tankwagen in der Hand von Taliban-Terroristen, die gegen ein Bundeswehrlager eingesetzt werden könnten: Das wäre eine Katastrophe geworden. Wie wäre die Diskussion jetzt in Deutschland, wenn der Tanklaster in das Bundeswehrlager gerast wäre und wir hätten dort eine hohe Anzahl von Toten? Jetzt geht die Diskussion in eine andere Richtung, aber es muss auch festgestellt werden: Der deutsche Oberst, der die Luftunterstützung angefordert hat, ist ein sehr besonnener Mann. Er ist sehr umsichtig. Das weiß jeder, der ihn kennt. Und auch ihm wird diese Entscheidung sehr schwer gefallen sein. Denn auch er weiß, dass es Menschenleben bedeutet und wir bedauern das sehr, wenn Zivilisten umgekommen sind.

Was von amerikanischer Seite nun kommt, das ist nicht nur unfair, das ist schon unverschämt, nun den deutschen Truppen Kollateralschaden zuzuweisen. Aber das könnte eine kleine Retourkutsche sein, denn es war vor der Amtszeit von Präsident Obama ja genau andersrum: Da haben wir kritisiert, dass die Luftschläge der Amerikaner zu viele zivile Opfer forderten. Die Amerikaner wären gut beraten, uns das nicht zuzuweisen, und die deutsche Regierung sollte so etwas auch aufs Schärfste zurückweisen. Das haben unsere Soldaten nicht verdient, dass man jetzt mit den Fingern auf sie zeigt, als wären sie dort falsch vorgegangen.

Deutsche Soldaten (Foto: ap)

"Was die Soldaten erleben, ist Krieg"

Aber müsste die Bundesregierung nicht spätestens jetzt zugeben, dass es sich in Afghanistan um einen Krieg handelt?

Das ist so. Wir verurteilen die beschönigenden Worte seit etlichen Monaten. Unsere Soldaten stecken in einer fatalen Situation: Wenn sie nach dem Einsatz nach Deutschland zurück kommen, müssen sie sich rechtfertigen, dass sie da waren. Sie werden in ihren Familien und von ihren Freunden manchmal fast schon aggressiv angesprochen. Wir möchten, dass die Regierung der Bevölkerung erklärt, warum deutsche Soldaten in Afghanistan sind und welchen Auftrag wir da haben. Wir sagen: In Kundus und Umgebung ist Krieg! Was die Soldaten da erleben, ist Krieg. Das sind Gefechte. Das empfinden unsere Soldaten so. Da hilft es nicht, das zu beschönigen.

Interview: Ralf Buchinger

Redaktion: Thomas Kohlmann