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Amerika

US Journalisten tauschen Unabhängigkeit gegen Zugang

In den USA opfern Journalisten ihre Neutralität für Zugang zu Spitzenpolitikern. Die Praxis ist in Deutschland seit langem üblich, wo Interviews vor der Veröffentlichung oft genehmigt werden müssen.

In den demokratischen Gesellschaften haben sich die Medien lange Zeit mit der politischen Klasse darüber auseinandergesetzt, welche Informationen veröffentlicht werden dürfen. Während die Journalisten zur Informationsbeschaffung Zugang zu hohen Politikern suchen, versuchen die Staatsorgane, den Informationsfluß zu kontrollieren, um die öffentliche Meinungsbildung in ihrem Interesse zu formen.

In den Vereinigten Staaten hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Journalisten und Politikern zunehmend zum Vorteil der politischen Klasse verschoben. Laut einem Bericht der New York Times von Jeremy W. Peters vom 15. Juli nehmen politische Journalisten in Washington immer mehr Einschränkungen ihrer redaktionellen Freiheit hin, um dafür besseren Zugang zu Mitgliedern der Obama-Regierung zu bekommen.

Von Regierungsvertretern eingeholte Zitate werden nicht nur vom Chefredakteur der jeweiligen Publikation redigiert. Häufig werden die Journalisten dazu angehalten, sich die Zitate auch von den zitierten Regierungsvertretern selbst genehmigen, und manchmal auch noch redigieren zu lassen, bevor sie veröffentlicht werden dürfen.

Laut Stephen Ward nimmt der Leistungsdruck für Journalisten und Nachrichtenagenturen immer mehr zu - "der Druck, Informationen schnellstens zu liefern - und zwar als erster." Er ist der Dekan des Zentrums für Journalistische Ethik an der Universität von Wisconsin-Madison.

"Die Regierungsvertreter sind sich sehr wohl darüber bewußt, dass in diesem Zeitalter der schnellen Informationsbeschaffung rund um die Uhr der Zugang zu Informationen der Schlüssel zum Erfolg ist," sagte Ward der DW. "Hier dreht sich alles um den Zugang - dieses Spiel ist wohl genau so alt wie der Journalismus selbst."

Kontrolle von Informationen

In Deutschland ist es schon seit langem üblich, vor der Veröffentlichung den Interviewpartnern Manuskripte zur Genehmigung und Redigierung zu unterbreiten. Dieses Vorgehen kann den Journalisten den Zugang zu hochrangigen Politikern durchaus erleichtern. Aber gleichzeitig schafft es auch ernsthafte Interessenskonflikte.

Wie Uwe Kammann, Direktor des Grimme Instituts, der DW sagte, wollen Politiker und andere Interviewpartner so viel Kontrolle ausüben wie möglich.

Olaf Scholz Foto: Axel Heimken/dapd

Scholz Büro wollte ein Interview in seinem Sinne abschwächen.

"Weil sie natürlich an ihren Worten gemessen werden, und weil ja oft bei wichtigen Konflikten oder in wichtigen Arbeitsfeldern schon ein gesprochenes Komma oder ein geschriebenes Komma mitzählen kann, um etwas auszulegen, um einen politischen Willen zu interpretieren," sagte Kammann.

Deshalb bestehen die Interviewpartner darauf, dass das Interview so exakt wie möglich wiedergegeben wird.

Die gesäuberte Version

Jedoch kann die Kontrolle von Informationen, die angeblich nur der Korrektheit dienen soll, auch in die Manipulierung der Wahrheit ausarten. Die Berliner Tageszeitung führte 2003 ein Interview mit Olaf Scholz durch, zu dieser Zeit SPD-Generalsekretär. Im Interview ging es um sein schwaches Auftreten während seiner Wiederwahl-Kampagne zum gleichen Posten.

Scholz drohte an, das Interview nicht zu genehmigen, falls nicht große Teile davon in seinem Sinne abgeschwächt werden würden. Die damalige Chefredakteurin der Tageszeitung Bascha Mika reagierte auf diese Drohung, indem sie das Interview in voller Länge auf der Titelseite abdruckte, und zwar mitsamt den ausgeschwärzten zensierten Stellen. Es folge ein Aufschrei in den Medien.

Verschlechterung der Situation in den USA

In den Vereinigten Staaten ist das Phänomen relativ neu. Laut Ward werden Journalisten durch eine Kombination von Parteinahme, finanziellen Nöten und der Einführung neuer Medien dazu gebracht, ihre Unabhängigkeit gegen besseren Zugang zu Informationen einzutauschen.

Politiker geraten zunehmend in Verteidigungszwänge, da Parteilichkeit zu einer Situation geführt hat, in der nur noch das Gewinnen der eigenen Seite zählt, wobei die Zerstörung der Gegenseite angestrebt wird. Ein einziger Ausrutscher kann eine ganze Wahlkampagne vermasseln - weshalb die Kandidaten nicht gerade darauf erpicht sind, offen zu Journalisten zu sprechen.

"Diese Sensationen schürende Maschinerie ist so wichtig und so mächtig - man muß einfach absolute Kontrolle über die Informationen haben," sagte Ward. "Man sagt nur noch etwas ganz spezifisch zu einer ganz bestimmten Sache, man weicht nie davon ab."

"Das Resultat von all dem ist eine gekünstelte politische Diskussion in diesem Land," sagte er.

Der verschwindende Nachrichtenraum

Illustration - Verschiedene deutsche Tageszeitungen, wie Mitteldeutsche Zeitung, Sächsische Zeitung, Die Welt, Frankfurter Allgemeine, Foto: Jan Woitas

Zeitungen in Deutschland müssen zwischen Zugang und Unabhängigkeit abwägen.

Laut Ward gehen die finanziellen Verluste traditioneller Medien Hand in Hand mit ihrer abnehmenden Unabhängigkeit im redaktionellen Bereich, vor allem der Fähigkeit, Beiträge ohne Einflußnahme von außen zu veröffentlichen.

"Früher konnten die Informationsquellen mit ihren Manpulationsversuchen nicht so leicht davonkommen. Weil wir in sehr großen, wirtschaftlich stabilen Organisationen gearbeitet haben. Wir konnten zu diesen Quellen sagen: 'Nein, dieses Spielchen machen wir nicht mit', sagte Ward, 'ganz im Gegenteil werden wir es öffentlich bekannt machen, dass Sie versucht haben, die Presse zu manipulieren.' Das hat in Kanada und den Vereinigten Staaten mehr oder weniger funktioniert.

Letzten Endes müssen die Journalisten selbst einen großen Teil der Verantwortung für die Schwächung ihrer redaktionellen Unabhängigkeit schultern, meinte Ward. Er argumentiert, dass sich die Journalisten in zunehmendem Maße von einem System der Parteinahme haben einverleiben lassen, ein System, dass Skandale hochputscht zum Nachteil von echtem Inhalt.

"Die Sensationshascherei rund um die Uhr werden wir nie los, diesen Fast- Food-Journalismus," sagte Ward. "Aber wenn es um die politische Diskussion geht, sollten wir auf Quellen von Informationen und Analysen zugreifen, die informiert sind, und nicht einfach nur atemlos - die ernsthaft sind."

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