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Wirtschaft

US-Gesundheitssystem in der Krise

Knapp 50 Millionen US-Amerikaner haben keine Krankenversicherung oder sind unterversichert. Krankheit bedeutet oft sozialen Abstieg. Kann das amerikanische Gesundheitssystem reformiert werden?

US-Präsident Obama im Wahlkampf 2008, in Columbus, Ohio. (Foto: AP Photo/Rick Bowmer)

Obama im Wahlkampf: Versicherungsschutz für alle

Eine Auswertungskurve, Tabletten und eine Spritze stehen Pate für das Symbolbild zur medizinischen Behandlung (Foto: DW)

Medizinische Behandlung: Nicht für jeden Amerikaner erschwinglich

Präsident Obama hat die Reform des Gesundheitssystems zu einem seiner wichtigsten Ziele erklärt. Er will eine staatliche Krankenversicherung einführen, damit künftig niemand mehr unversichert bleibt. Bis es tatsächlich so weit kommt, boomt in US-amerikanischen Drogeriemärkten und Supermärkten eine neue Geschäftsidee: Kleine Arztpraxen als Shop im Shop. Das medizinische Personal dort behandelt leichte Beschwerden wie Erkältungen, Grippe, leichte Verletzungen oder Hautausschlag. Eine Art "Doctor to go" – ganz einfach zu erledigen, zwischen dem Lebensmitteleinkauf und der Reinigung.

Behandlung im Drogeriemarkt

Die 24-jährige Liz ist krank. Doch statt beim Arzt, sitzt sie nun in einer Drogeriemarktfiliale am New Yorker Times Square. Dort wartet sie darauf, dass sie ins Behandlungszimmer darf. "Es ist dringend, ich will nicht, dass es schlimmer wird", erzählt sie, "deshalb bin ich hierher gekommen: Einfach weil es schnell geht.“

Immer mehr solcher Instant-Arztpraxen eröffnen seit geraumer Zeit in den USA. Das neue Geschäftsmodell basiert auf Menschen wie Liz. Menschen, die nur leichte gesundheitliche Beschwerden haben, für die sie zwar einen Arzt brauchen, der sie untersucht und ihnen ein Medikament verschreibt, für die man jedoch nicht unbedingt zu einem Spezialisten gehen muss. Die klassische Hausarztuntersuchung also. Doch was in Deutschland allgemein üblich ist, ist für viele US-Amerikaner ein Luxus, den sie sich nicht leisten können: 150 Dollar, nur dafür, dass der Arzt einen sieht, sind da ganz normal. So sitzt auch Liz nicht nur deshalb im Drogeriemarkt, weil es schneller geht als beim Arzt. Sondern auch, weil es billiger ist.

Versicherungspflicht ist unbekannt

Ein Patient wird auf einem Operationstisch operiert (Foto: Peter Endig, dpa)

Ein Luxus in den USA: Behandlung im Krankenhaus

So wie Liz geht es vielen Amerikanern. Wenn es um ihre Gesundheit geht, müssen sie genau kalkulieren. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es in den USA keine gesetzlichen Krankenkassen und auch keine Versicherungspflicht. Stattdessen ist die Krankenversicherung in den USA an den Arbeitgeber gekoppelt. Wer keinen Arbeitgeber hat, oder nur einen, der die Krankenversicherung nicht bezahlen will oder kann, der muss sich selbst um seine medizinische Versorgung kümmern. Die Beiträge variieren je nach Leistung und sind nicht, wie in Deutschland, abhängig von der Höhe des Gehalts. Allen Beiträgen ist jedoch gemeinsam: Sie sind teuer. Eine Familie muss im Schnitt 2500 Dollar monatlich für die Krankenversicherung ausgeben, also fast 1800 Euro. Nicht selten ist die Krankenversicherung teurer als die Miete.

Kein Wunder, dass sich viele US-Amerikaner eine private Krankenversicherung nicht leisten können. Staatliche Gesundheitsleistungen gibt es nur für Rentner und die Ärmsten der Bevölkerung. Deshalb bleiben viele einfach ohne Krankenversicherung und müssen darauf hoffen, dass ihnen nichts passiert. So wie Liz.

Schlechte Chancen für Kranke

Doch nicht nur die hohen Kosten seien der Grund dafür, dass fast 50 Millionen Amerikaner keine Krankenversicherung haben, sagt Tanya Acker, Anwältin und Publizistin: “Außerdem sollte man bedenken, dass auch viele Menschen keinen Zugang zu einer privaten Krankenversicherung haben, einfach deswegen, weil sie aufgrund einer bestimmten Krankengeschichte nicht versicherbar sind. Es gibt Fälle, in denen ein Unternehmen jemanden nicht versichert, weil er in der Vergangenheit Krebs hatte. Was passiert mit diesen Menschen?“

In der US-amerikanischen Gesellschaft besteht deshalb seit langem Konsens darüber, dass mit dem Gesundheitssystem grundlegend etwas nicht stimmt. Das Dilemma sei geradezu paradox, sagt Acker. “Die Vereinigten Staaten geben etwa 50 Prozent mehr Geld pro Person für die Gesundheitsversorgung aus, als jedes andere Land der Welt." Gleichzeitig müsse man bedenken, dass viele Amerikaner überhaupt nicht versichert oder unterversichert seien und deshalb keinen Zugang zur richtigen Behandlung hätten. "Wir geben außergewöhnlich viel Geld aus für ein System, das nicht alle abdeckt“, bringt es Acker auf den Punkt.

Für den Wirtschaftsprofessor Terrence Martell an der City University of New York gehört ein bezahlbares Gesundheitssystem zu den wichtigsten Problemen der us-amerikanischen Gesellschaft. "Wer diese Frage löst, wird alle Nobelpreise bekommen“, ist sich Martell sicher.

Widerspruch zum American Dream

Frau mit amerikanischer Flagge im Bikini (Foto: AP Photo/Ivan Sekretarev)

Besondere Mentalität

Bereits Präsident Bill Clinton hatte versucht, das US-amerikanische Gesundheitssystem zu reformieren, jedoch ohne Erfolg. Nun hat auch Präsident Obama einen Reformansatz präsentiert. Seine zentrale Forderung: Es soll künftig neben den privaten Versicherungen auch eine staatliche Krankenversicherung geben, in die all jene eintreten können, die im Moment durch das Raster fallen. Doch diese Lösung ist in den USA stark umstritten. Viele Amerikaner befürchten, dass der Staat mit einem solchen Schritt zu viel Einfluss auf ihr Leben bekommen könne.

Eine Frage der Mentalität, wie Wirtschaftsprofessor Martell sagt. Denn die US-Amerikaner wollen nicht, dass sich der Staat zu sehr in ihr Leben einmischt. "Die Leute hier glauben, zu Recht oder zu Unrecht, dass sie eine Chance haben, die soziale Leiter zu erklimmen", erklärt der Professor den Unterschied zwischen den USA und dem Rest der Welt. "Und so lange man daran glaubt, dass man nach oben kommt, tut man lieber etwas für sich selbst und hat weniger Interesse daran, dass die Regierung etwas für einen tut.“

Pharmaindustrie fürchtet Verluste

Zwei Pillendosen in Großaufnahme (Foto: AP Photo/Mark Lennihan)

Nicht zu unterschätzen: Die Macht der Pharmaindustrie

Aber es geht nicht nur um die Mentalität, es geht auch ums Geld. Vor allem die Pharmakonzerne und Versicherungsgesellschaften sind gegen eine staatliche Krankenversicherung. Sie fürchten, dass sie die neue Konkurrenz einen Teil ihrer Gewinne kosten könnte.

Auch Ärzte und Klinikbetreiber halten nichts von Obamas Vorhaben. Denn eine staatliche Krankenversicherung ist teuer. Eine Billion, also tausend Milliarden Dollar, hat Obama für die nächsten zehn Jahre dafür veranschlagt. Kürzen will er vor allem an zwei Stellen: Bei Ärzten und Krankenhäusern. Diverse Studien belegen, dass Ärzte in den USA viele unnötige Behandlungen vornehmen, die teuer sind, die die Patienten aber eigentlich gar nicht brauchen. Und bei den Krankenhäusern gibt der Staat in der aktuellen Situation gerade dann viel Geld aus, wenn unversicherte Amerikaner in der Notaufnahme behandelt werden müssen.

Der Widerstand gegen die Reform ist also groß, und ob Obama seinen Vorschlag durch den Kongress bringen kann, ist fraglich. Bis dahin müssen sich unversicherte Amerikaner weiterhin selbst helfen. Gut für die "Doctors to go" im Drogeriemarkt. Deren Umsätze dürften weiterhin steigen.

Autorin: Marlene Halser/New York

Redaktion: Klaus Ulrich

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