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Finanzmärkte

US-Finanzmärkte: Droht ein neuer Crash?

An der Wall Street könnte die Stimmung zur Zeit kaum besser sein, doch Experten warnen schon vor dem nächsten Crash. Nicht toxische Finanzprodukte seien diesmal das Problem, sondern die Struktur der Finanzmärkte selbst.

Anfang Juli gab es Grund zum Jubeln an der New Yorker Börse: Der Dow Jones Index erreichte erstmals in der Geschichte die 17.000-Punkte-Marke. Die Erinnerung an die große Krise schien in diesem Moment weit weg. Zu Unrecht, sagen viele. 2008 waren es toxische Finanzprodukte, die das System zum Einsturz brachten – heute könnte die Struktur der Finanzmärkte selbst den nächsten Crash erzeugen.

Das Argument der Warner: Der Finanzmarkt besteht nicht mehr nur aus den großen Börsen, sondern ist in viele kleine Märkte zerstückelt. Das macht die Kontrolle schwieriger. Ein Beispiel dafür sind die so genannten Dark Pools. Das sind Privatbörsen von Banken, Versicherungen oder Hedgefonds. Hier findet der Handel außerhalb der regulären Börsen statt. Verkaufs- und Kaufabsichten werden nicht öffentlich bekannt gegeben, nur das Ergebnis des Geschäfts.

Zersplitterter Markt

Fünfzehn Prozent des US-amerikanischen Aktienhandels werden schon in Dark Pools abgewickelt. Zählt man nicht nur die Dark Pools, sondern alle weiteren Plattformen dazu, wird deutlich, wie fragmentiert der Handel inzwischen ist. Neben den regulären 13 Börsen gibt es inzwischen rund 50 Aktienhandelsplattformen allein in den USA, auf denen laut Schätzungen über 50 Prozent des weltweiten Handels stattfinden soll. Doch je mehr Handel jenseits der Börsen abgewickelt wird, desto geringer wird die Aussagekraft der öffentlichen Kurse.

John C. Coffee, Professor für Finanzrecht an der Columbia University Law School

John C. Coffee, Professor für Finanzrecht an der Columbia University Law School

John C. Coffee ist Professor an der Columbia Universität in New York und war Berater der Börsenaufsicht SEC. Er betont, dass Dark Pools durchaus ihre Legitimation haben. Sie seien dazu da, große Investoren zu schützen, die ihre Verkaufs- oder Kaufabsichten nicht zu früh öffentlich bekannt machen wollen. Aber im Schutz der Dark Pools finden eben auch unerwünschte Praktiken statt, warnt Coffee: "Wir wissen zu wenig darüber, was sich in den Dark Pools eigentlich abspielt, wir brauchen mehr Transparenz."

Kontrolle wird schwieriger

Zu wenig Wissen heißt auch: zu wenig Kontrolle. Der New Yorker Oberstaatsanwalt ermittelt zur Zeit gegen die britische Barclays Bank – wegen unsauberer Praktiken in ihrem Dark Pool. Die Bank ließ unter anderem High Frequency Trading in dem Pool zu – obwohl sie ihren Kunden zugesichert hatte, sie seien genau davor geschützt. John C. Coffee fürchtet, dass die Hochfrequenzhändler in den Dark Pools privilegiert werden, schneller Informationen bekommen als die anderen Teilnehmer. "Es gibt keinen Grund, warum wir in den Dark Pools einzelne Parteien privilegieren sollten, die vielleicht mehr zahlen und dann den Dark Pool zu ihren Gunsten ausnutzen können. Wir brauchen da mehr Transparenz und bessere Regeln."

Vor kurzem warnte die Vorsitzende der US-amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Mary Jo White, die Dark Pools könnten den ganzen Markt beeinträchtigen. Die Zersplitterung des Aktienhandels macht die Kontrolle schwieriger, sagt auch der Analyst Larry Tabb. Zusammen mit der Digitalisierung und Beschleunigung des Handels entstünden unabsehbare Gefahren.

Larry Tabb, Analyst und Gründer der Tabb Group

Larry Tabb, Analyst und Gründer der Tabb Group

"In einem fragmentierten Markt wird Regulierung immer schwieriger - schwieriger, als wenn alle Papiere an einem Ort gehandelt werden", erläutert Tabb. "Wenn man den Handel für noch mehr Anbieter öffnet, wird es schwieriger zu verstehen, wie alle diese Transaktionen zusammen hängen. Und wenn man von Menschen auf Computer übergeht, dann kann man hunderte Computer haben und es wird immer schwieriger zu verstehen, was diese Computer auf dem Markt tun."

Droht ein neuer "Flash Crash"?

Dass es sehr schnell gehen kann, hat der sogenannte "Flash Crash" von 2010 gezeigt. Binnen Minuten stürzte der Dow Jones um fast 1.000 Punkte - der größte Einbruch, den die Wall Street je an einem Handelstag erlebt hatte. Es waren die Hochfrequenzhändler, die sich auf einen Schlag massenhaft aus dem Markt zurückzogen, um ihr Kapital zu retten. Was man gegen einen neuen Flash Crash tun kann, weiß immer noch niemand.

Zu den strukturellen Problemen kommen die altbekannten: Der Markt der Derivate, die mitverantwortlich für die Krise waren, wächst. Und die Regulierungsmechanismen, die seit der Finanzkrise entwickelt wurden, mussten bisher keinen größeren Test bestehen. Viele davon sind noch nicht einmal in Kraft, andere seien von den Lobbyisten der Finanzindustrie verhindert worden, kritisiert John C. Coffee.

"Die Samen einer neuen Krise sind da", sagt der Professor. Die Reformen von US-Präsident Obama seien in die richtige Richtung gegangen – nur seien sie bereits wieder verwässert worden. Erst die Hälfte der neuen Regelungen sei bisher überhaupt umgesetzt worden.

Handelsstopp als Notbremse

Analyst Larry Tabb will trotz der strukturellen Probleme keine neue Krise vorhersagen. Im Gegenteil, er hält Optimismus für angebracht. Der Markt sei zur Zeit sehr investorenfreundlich. "Er ist schnell und man braucht viel Technologie", räumt Tabb ein, "aber all dieser Aufwand regelt schliesslich die Preise. Ich sehe keinen wirklichen Crash in nächster Zukunft."

Und falls doch etwas passiert, schlägt der Analyst vor, einfach die Notbremse zu ziehen. "Wenn es darum geht, einen Crash zu verhindern, wäre es am besten, man macht einen Handelsstopp. Wenn zuviele Parteien gleichzeitig verkaufen wollen, hält man den Handel für ein paar Sekunden an und öffnet ihn danach wieder."

Ob das im Ernstfall helfen wird, wenn eine Panik entsteht und alle, Menschen und Computer, auf einmal verkaufen wollen, das weiß niemand. Denn das ist das Problem mit Crashs und Krisen: sie lassen sich nicht mit letzter Sicherheit vorhersagen – und wenn sie kommen, ist es für Vorsichtsmaßnahmen zu spät.

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