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Politik

US-Bürger unter Verdacht der Kindsentführung

In Haiti sind zehn US-Bürger wegen mutmaßlichen Kindesraubes im Chaos nach dem Erdbeben festgenommen worden. Die UN richten gesonderte Lebensmittelausgaben für Frauen ein.

Waisenkinder auf Haiti (Foto: AP)

Waisenkinder auf Haiti

Der haitianische Sozial- und Arbeitsminister Yves Christallin teilte am Samstag Ortszeit (30.01.2010) in Port-au-Prince mit, den US-Bürgern – fünf Männern und fünf Frauen – werde vorgeworfen, insgesamt 33 Kinder im Alter zwischen zwei Monaten und zwölf Jahren entführt zu haben, um sie außer Landes zu bringen. Sie seien nahe der Grenze zur Dominikanischen Republik festgenommen worden. Die Kinder wurden in ein Heim in der Nähe von Port-au-Prince gebracht. Nach Angaben von Minister Christallin gehören die Festgenommenen zu der US-Hilfsorganisation "New Life Children's Refuge". Unabhängig von ihrer Motivation hätten die US-Bürger gegen Gesetze Haitis verstoßen, so die Behörden in Port-au-Prince weiter. Nur das Sozialministerium habe das Recht zu entscheiden, ob Minderjährige das Land verlassen dürften.

Offenbar christlich motivierte Gruppe

Auf einer Internetseite der Organisation heißt es nach Agenturberichten, einhundert haitianische Kinder sollten in der Dominikanischen Republik in Sicherheit gebracht werden, die sich mit Haiti die Karibikinsel Hispaniola teilt. Es gehe um die "Rettung haitianischer Waisenkinder", die in Straßen alleingelassen, in Behelfskrankenhäusern untergebracht worden seien oder aus bei dem Erdbeben vom 12. Januar zerstörten Waisenhäusern stammten. Dafür werde der "Segen Gottes" erbeten.

Bei dem Erdbeben verletzter Junge (Foto: AP)

Bei dem Erdbeben verletzter Junge

Nach dem Erdbeben hatte es immer wieder Berichte über Menschenhändler gegeben, die mit der Vermittlung haitianischer Waisen an Paare vor allem in den USA und Europa Geschäfte machen wollten. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, UNICEF, hat damit begonnen, die Waisenkinder im Erdbebengebiet zu erfassen, um sie besser schützen zu können. Die Zahl der Waisen oder von ihren Eltern getrennten Kinder wird auf eine halbe Million geschätzt. Vermutlich rund 200.000 Menschen kamen durch das verheerende Beben ums Leben.

Separate Versorgungsstellen für Frauen

Die Versorgung der Überlebenden gestaltet sich weiter schwierig. Wegen der Rangeleien an den Verteilstellen für die Nothilfe will das Welternährungsprogramm, WFP, umgehend für Frauen reservierte Ausgabestellen einrichten. WFP-Sprecher Marcus Prior sagte: "Bislang waren wir in einer Phase der schnellen und ungeregelten Verteilung … mit dem robusteren Verteilungssystem werden wir mehr Menschen schneller erreichen."

US-Soldaten verteilen Lebensmittel (Foto: AP)

US-Soldaten verteilen Lebensmittel

An den 16 neuen Verteilstellen sollten grundsätzlich nur Frauen zum Zuge kommen. Sie erhalten Gutscheine für 25-Kilo-Säcke Reis. Das neue System soll innerhalb von zwei Wochen rund zwei Millionen Haitianern zugute kommen. Es sei wichtig, in der Lebensmittelverteilung eine Phase der "Stabilisierung" zu erreichen, betonte Prior. Das Welternährungsprogramm will auch mit der UN-Mission in Haiti und der US-Armee eng zusammenarbeiten, um Ausschreitungen bei den Verteilungen zu verhindern

Vorerst eine Verletzten mehr in die USA

Medien in den Vereinigten Staaten berichteten unterdessen, das US-Militär habe Evakuierungsflüge von verletzten Erdbebenopfern aus Haiti in die USA vorläufig eingestellt. Hintergrund seien finanzielle Unstimmigkeiten darüber, wer die Behandlung bezahle. So habe der Gouverneur von Florida, Charlie Crist, bei der Regierung in Washington bereits um finanzielle Hilfe nachgefragt. Wie die "New York Times" berichtete, hat das US-Militär seit dem Beben mehr als 500 verletzte Erdbebenopfer allein nach Florida ausgeflogen.

Ein amerikanischer Arzt, der in Port-au-Prince im Hilfseinsatz ist, forderte die sofortige Wiederaufnahme der Evakuierungsflüge. "Wir haben hier 100 Patienten in kritischem Zustand, die in ein oder zwei Tagen sterben werden, wenn sie nicht ausgeflogen werden", klagte Dr. Barth Green, der an der Universität Miami in Florida ein medizinisches Institut leitet. In Haiti selbst wurden nach Angaben der Regierung in Washington bisher 18.500 Kranke oder Verletzte von US-Teams medizinisch versorgt

Präsident entschuldigt sich

Der haitianische Präsident René Préval hat sich bei der Bevölkerung für sein langes Schweigen nach dem Erdbeben entschuldigt. "Ein Präsident ist auch nur ein Mensch und der große Schmerz ist stumm", sagte Preval am Samstag in seinem ersten Interview mit dem einheimischen Sender TVC. Er selbst sei dem Erdbeben nur entkommen, weil er den Präsidentenpalast wegen eines Termins früher als sonst verlassen habe.

Autor: Michael Wehling (dpa/rtr/afp/apn)

Redaktion: Hans Ziegler

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