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Kultur

Urteil im Kunstfälscherprozess

Vier Angeklagte wurden beschuldigt, Fälschungen von Malern der Klassischen Moderne in den internationalen Kunstmarkt eingeschleust zu haben. Jetzt ging der spektakuläre Prozess zu Ende.

Der Angeklagte Wolfgang Beltracchi bei der Urteilsverkündung im Landgericht Köln (Foto: dpa)

Der Hauptangeklagte Wolfgang Beltracchi

Der letzte Prozesstag begann mit Blitzlichtgewitter und der Hauptbeschuldigte Wolfgang Beltracchi posierte mit seiner schulterlangen, grauen Lockenmähne gewohnt genussvoll vor den Kameras. Der Mann arbeitet an seiner nächsten Karriere. Es kursieren Gerüchte, dass er in der Untersuchungshaft bereits begonnen habe, seine Memoiren zu schreiben. Dafür wird er jetzt auch weiterhin Zeit haben: Er wurde zu sechs Jahren Haft verurteilt, seine Ehefrau Helene Beltracchi zu vier Jahren, der Komplize Otto Schulte-Kellinghaus zu fünf Jahren. Wolfgang Beltracchi war der Maler und intellektuelle Kopf, die beiden anderen die Verkäufer. Nur in drei Einzelfälle involviert war die Schwester der Ehefrau, deshalb bekam sie nur ein Jahr und neun Monate auf Bewährung.

Deutlich mildere Strafen

Der Angeklagte Wolfgang B. (l.) und sein Anwalt Reinhard Georg Birkenstock (Foto: dpa)

Der Angeklagte und sein Anwalt

Damit blieb das Gericht deutlich unter der möglichen Höchststrafe von zehn Jahren, die auf "gewerbs- und bandenmäßigen schweren Betrug tateinheitlich mit Urkundenfälschung" steht, wie es in der Anklageschrift heißt. Aber dieses vergleichsweise milde Urteil hat niemanden überrascht, der den Prozess beobachtet hat. Denn bereits am dritten Verhandlungstag ist es zu einer so genannten "Verständigung" gekommen, die die Strafprozessordnung neuerdings vorsieht, wenn ein besonders langes Verfahren mit aufwändiger Beweisführung zu erwarten ist.

Richter, Staatsanwaltschaft und Verteidiger einigen sich dabei auf ein niedrigeres Strafmaß, im Gegenzug müssen die Angeklagten Geständnisse ablegen: Ein "Deal" also, auch wenn die Juristen dieses Wort ungern hören – vor Gericht soll es schließlich um Gerechtigkeit gehen, und nicht darum, Zeit und Steuergelder zu sparen und dafür Täter milder zu bestrafen.

Ein "Deal" mit Konsequenzen

Verurteilt: Wolfgang und Helene Beltracci (Foto: dpa)

Verurteilt: Wolfgang und Helene Beltracci

Tatsächlich hat der "Deal" im größten Kunstfälscherprozess der Nachkriegszeit Konsequenzen: Ursprünglich war der Prozess auf 40 Verhandlungstage angelegt, 168 Zeugen und Sachverständige sollten gehört werden. Das hätte dieses Verfahren zu einem Lehrstück über die Schwachstellen des Kunstmarktes gemacht. Schließlich hat das Quartett über viele Jahre hinweg gefälschte Gemälde der Klassischen Moderne, etwa von Max Ernst, Max Pechstein oder Heinrich Campendonk, in den internationalen Kunsthandel eingeschleust und dabei Millionen kassiert.

Da fragt sich jeder: Wie konnte es gelingen, angesehene Galeristen, renommierte Auktionshäuser wie Christie’s, Sotheby’s und das Kölner Kunsthaus Lempertz derart zu täuschen? Auch namhafte Kunsthistoriker haben sich hinters Licht führen lassen, sogar in einige Museen haben die Bilder Eingang gefunden. Und unisono betonen die Fälscher, wie "absurd leicht" es war, an Echtheitszertifikate heranzukommen.

"Interessenfreie Experten sind der einzig wirksame Schutz gegen Fälschungen", sagte ausgerechnet der Hauptangeklagte Wolfgang Beltracchi, der zugab, alle Bilder gemalt zu haben und dabei betonte, es habe ihm "echt Spaß gemacht", hochrangige Experten an der Nase herumzuführen und so dem Kunstmarkt einen Spiegel vorzuhalten. Zu gern hätte man den einen oder anderen dieser Experten im Zeugenstand gesehen. Nun können sie den Angeklagten beinahe dankbar sein: Mit ihren Geständnissen haben sie ihnen die öffentliche Blamage erspart - darauf wies sogar der Vorsitzende Richter bei der Urteilsbegründung hin. Aber für das Gericht war der Fall mit den Geständnissen aufgeklärt, Zeugen wurden nicht mehr gehört. Der Prozess ist nun nach nur neun Verhandlungstagen beendet.

Nur die Spitze des Eisbergs

Für Kunstsammler, Museumsleute oder auch Ausstellungsbesucher ist der Fall aber noch lange nicht geklärt. Vor dem Kölner Landgericht ging es nur um die Spitze des Eisbergs: Um 14 gefälschte Gemälde, die das Quartett in den letzten zehn Jahren in den Kunstmarkt eingeschleust hat. In 41 weiteren Fällen wurde bislang noch ermittelt. Diese Ermittlungen werden nun eingestellt, auch das ist Teil des "Deals". Denn für eine Verurteilung reichen 14 Bilder aus, außerdem ist ein Großteil der anderen Fälle verjährt.

Wie viele unentdeckte Fälschungen möglicherweise noch im Umlauf sind, darüber kann man nur spekulieren. Aus den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft ging hervor, dass Wolfgang Beltracchi und sein Komplize Otto Schulte-Kellinghaus bereits in den 1980er Jahren aktiv waren. Das wirft ein noch fahleres Licht auf den Kunsthandel, dessen Ruf auch ohne einen langwierigen Prozess nun ziemlich ramponiert ist.

Autorin: Christel Wester

Redaktion: Klaus Gehrke

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