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Kultur

Urteil im Eichmann-Prozess in Bonn zu sehen

Vor 50 Jahren wurde das Todesurteil gegen den Organisator des Holocaust vollstreckt. Ruth Levy-Berlowitz erlebte den Prozess als Dolmetscherin. Ihr Exemplar des Urteils hat sie dem Haus der Geschichte überreicht.

Adolf Eichmann vor dem Jerusalemer Gericht: Wie versteinert in seinem Glaskäfig, flankiert von stummen Wächtern (Foto:AP/dapd)

Adolf Eichmann: "Wie versteinert in seinem Glaskäfig, flankiert von stummen Wächtern"

Es sind nur zwei unscheinbare Packen Papier: der eine in hebräischer, der andere in deutscher Sprache. Doch ihre Bedeutung ist immens. Sie zeugen von einem internationalen Medienereignis, das damals ohne Beispiel war: dem Prozess gegen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der im April 1961 begann und in der Nacht vom 31. Mai auf den 1. Juni 1962 durch die Vollstreckung des Urteils, Tod durch den Strang, endete.

Ruth Levy-Berlowitz übergibt das Urteil an Hans Walter Hütter, Chef des Hauses der Geschichte (Foto: DW)

Ruth Levy-Berlowitz übergibt das Urteil an Hans Walter Hütter

Sie spielte damals eine besondere Rolle: Ruth Levy-Berlowitz, Jahrgang 1925, in Dresden geboren und 1936 mit ihren Eltern geflohen. Nüchtern und in ihren Erinnerungen extrem präzise, schildert sie, wie sie reagierte, als man ihr den Auftrag antrug. "Ich bat mir etwas Bedenkzeit aus und erzählte meinem Mann davon. Er sagte: ‚Du bist nicht normal'. Wobei das noch gelinde ausgedrückt ist." Die Familie wollte es ihr ausreden, doch sie sah es als Herausforderung an. Schließlich war sie professionelle Dolmetscherin. Und ja, Neugier sei auch dabei gewesen und eine gewisse Portion "Abenteuerlust", wie sie zugibt.

Das Grauen atmen

Ruth Levy-Berlowitz beschloss, sich selbst zu testen. Sie besorgte sich Unterlagen aus der Vernehmung Eichmanns und kasernierte sich in ein Hotel in Tel Aviv ein: "Ich lebte, aß, trank Eichmann. Ich zog mich von allen anderen Gästen zurück. Ich versuchte festzustellen, ob mich das alles belastete, ob es mich im Schlaf, im Traum verfolgte."  Das tat es nicht, stellt die rüstige Frau mit der ihr eigenen, lakonischen Art fest, und so sagte sie zu, die Zeugenaussagen der Anklage für Eichmann und seinen Verteidiger vom Hebräischen ins Deutsche zu dolmetschen.

Adolf Eichmann: Kein Schreibtischtäter, sondern Überzeugungstäter (ddp images/AP Photo)

Ruth Levy-Berlowitz: "Ich flüsterte Adolf Eichmann ins Ohr"

Über Monate hinweg, acht Stunden am Tag, immer 20 Minuten am Stück flüsterte sie Eichmann über Kopfhörer ins Ohr: professionell, ohne emotionale Regung, Worte für das Grauen findend. Lediglich in den 20 Minuten, in denen der Kollege übernahm, habe man das Gesagte tatsächlich erfassen können. Doch sie blieb stets unerschüttert. Und Eichmann, welche Regung zeigte er? "Da kam nichts. Da saß eine Figur, wie versteinert in einem Glaskäfig von beiden Seiten flankiert von zwei stummen Wächtern." Das sei unwirklich, fast surrealistisch gewesen. "Die Tatsache, dass meine Worte ihm im Flüsterton ins Ohr kamen und keinerlei Widerhall erweckten, das war oftmals etwas störend."

Die historische Bedeutung des Eichmann-Urteils

Ruth Levy-Berlowitz schottete sich innerlich ab: Wenn sie das Gerichtsgebäude verließ, begann für sie ein anderes Leben. "Nachdem der Prozess vorbei war, schwor ich mir, ich will nichts mit mehr Eichmann zu tun haben." Es habe Jahre gedauert, bis sie wieder bereit war, sich mit dem Holocaust zu beschäftigen. "Ich stand auf dem Standpunkt, dass ich meine Pflicht vor der Shoa getan hatte."

Für die deutsche Nachkriegsgesellschaft jedoch war der Prozess erst der Anfang: Nach 15 Jahren erfolgreicher Verdrängung kamen die Menschen in der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr an der braunen Vergangenheit vorbei. "Zum ersten Mal waren die menschenverachtenden Verbrechen Thema in der breiten Öffentlichkeit", sagt Hans Walter Hütter, Direktor des Hauses der Geschichte in Bonn.

Im Bonner Haus der Geschichte zu sehen: das Urteil in hebräischer und deutscher Sprache (Foto: DW)

Im Bonner Haus der Geschichte zu sehen: das Urteil in hebräischer und deutscher Sprache

So ist das Eichmann-Urteil gleich in dreifachem Sinne ein geschichtliches Zeugnis: Es erzählt die Geschichte des Holocaust und seiner Aufarbeitung - in Israel ebenso wie in Deutschland. Als Hütter Anfang des Jahres erfuhr, dass dieses einzigartige Schriftstück ins Haus der Geschichte nach Bonn kommen sollte, war er wie elektrisiert: "Mein Kollege, Dr. Dietmar Preißler, kam mit einer gewissen Aufregung zu mir ins Büro und berichtete, dass es wohl möglich sei, diese Dokumente zu übernehmen." Daraufhin habe man alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Übergabe möglich zu machen.

Die Banalität des Bösen?

Das Urteil wird schon bald in der Dauerausstellung des Hauses der Geschichte seinen festen Platz bekommen - zusammen mit einem Videointerview von Ruth Levy-Berlowitz. Hat sie während des Prozesses Hannah Arendt kennengelernt? 1961 hatte die Publizistin und Philosophin mit deutsch-jüdischen Wurzeln den Prozess für die Zeitschrift The New Yorker beobachtet und ihre Beobachtungen in dem Buch "Eichmann in Jerusalem, Ein Bericht von der Banalität des Bösen" zusammengefaßt.

Sah in Eichmann einen Hanswurst: Hannah Arendt (ddp images/AP Photo)

Sah in Eichmann einen "Hanswurst": Hannah Arendt

"Es war die einzige Panne des ganzen Prozesses", holt Ruth Levy-Berlowitz aus. Am Vorabend der Prozess-Eröffnung sei sie erkrankt: akute Mandelentzündung, dolmetschen unmöglich. Die schnell herbeigeschaffte Vertretung habe ihren Job mehr schlecht als recht gemacht. Ausgerechnet in dieser Zeit sei Hannah Arendt zugegen gewesen. "Sie hörte nie die volle Übersetzung, irgendetwas von dem, was nachher kam. Ihr Buch basierte auf dieser einen einzigen Woche", schildert die Dolmetscherin.

Wie war Eichmann?

Und sie selbst? Erschien ihr Eichmann als "banal"? "Nein", sagt Ruth Levy-Berlowitz, banal sei nicht das rechte Wort. "Er war ein kleiner grauer Mann." Dr. Dietmar Preißler ist Sammlungsdirektor des Hauses der Geschichte. Eichmann sei nicht der "Hanswurst" gewesen, wie Hannah Arendt schrieb. "Ich bin in vielen Dingen ein Bewunderer von Hannah Arendt, aber in diesem Punkt stimme ich ihr nicht zu. Da gibt es viele andere Historiker, die eher meiner Meinung sind." Eichmann sei voll involviert gewesen in die Vorbereitung des Holocaust. Der Prozess habe gezeigt, dass er Verantwortung trug, nicht nur als Schreibtischtäter. "In der Gerichtsverhandlung versuchte er, sich als Rädchen in einer Maschinerie darzustellen, als Befehlsempfänger. Aber aus anderen Äußerungen wird deutlich, dass er ein Überzeugungstäter war."

Habe sie Genugtuung empfunden, als sie Eichmann das Todesurteil überbrachte? "Ich tat meine Pflicht", antwortet Ruth Levy-Berlowitz nüchtern. Ihre Rolle der distanziert-professionellen Dolmetscherin behält sie offenbar bis heute bei.