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Europa

Urteil gegen Frankfurter Flughafenattentäter

Vor knapp einem Jahr wurde auf dem Frankfurter Flughafen ein Anschlag auf US-Soldaten verübt. Jetzt soll das Urteil gegen den Attentäter, ein in Frankfurt aufgewachsener Kosovo-Albaner, verkündet werden.

Oft sitzt er regungslos da, die Tischkante fixierend. Fast immer hat er dem Gesagten nichts hinzuzufügen. Dem Vertreter der Nebenklage fällt einmal auf, dass er sich bei der Zeugenaussage eines Journalisten etwas interessierter zeigt. Es geht um seinen angeblichen Aufenthalt in einem terroristischen Ausbildungslager. Darauf angesprochen reagiert der sonst schweigsame Arid Uka etwas gereizt: "Ich bin kurz davor gewesen, einzuschlafen!“, sagt der junge Mann mit dunklem nach hinten gekämmtem Haar. "Ich weiß, wo ich war!"

Der Attentäter, 21 Jahre alt, ein in Frankfurt aufgewachsener Kosovo-Albaner, tötete zwei US-Soldaten, zwei weitere überlebten schwerverletzt den Anschlag. Seit August 2011 steht Arid Uka wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Mordes in drei Fällen und zweifacher schwerer Körperverletzung vor Gericht. Die Bundesanwaltschaft spricht von einem dschihadistischen Anschlag und fordert lebenslange Haft. Das Urteil wird am 10. Februar erwartet.

Eine Filmszene als Auslöser

Nach dem tödlichen Anschlag von Arid Uka auf zwei US-Soldaten am Frankfurter Flughafen am 02.03.2011 werden die Leichen der Opfer abtransportiert (Foto: dpa)

Der Schauplatz des Anschlags am 2. März 2011

Durch seine Rechtsanwältin lässt er erklären, dass er in Sommer 2010 nicht in einem Dschihadistenlager in Bosnien gewesen sei, sondern zeitweise im Kosovo, wo er sich unter anderem auch um die nötigen Papiere für die deutsche Staatsangehörigkeit bemühte. Den Rest der Zeit, wie aus den Ermittlungen hervorgeht, verbrachte er meist in der Wohnung seiner Eltern in Frankfurt, wo er Ballerspiele im Internet spielte oder dschihadistisches Propagandamaterial herunterlud.

So auch am Vorabend seines Attentats am 2. März 2011. Er sah sich damals ein Video über eine angebliche Vergewaltigung einer muslimischen Frau durch amerikanische Soldaten in Afghanistan an. Die Szene stammte zwar aus einem Hollywoodfilm, wurde jedoch von der Islamischen Bewegung Usbekistans zu Propagandazwecken verwendet.

Am nächsten Tag packte der damalige Hilfsarbeiter am Flughafen neben seinem Pausenbrot noch eine Pistole, Patronen und zwei Messer in seinen Rücksack und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Auf seinem MP3-Player hörte er noch dschihadistische Lieder als er den ersten US-Soldaten fand und ihn, um sich zu vergewissern, ansprach. Erst als fast alle 15 Soldaten in den Bus Richtung US-Militärbasis Ramstein eingestiegen waren, stieg der Attentäter ein und fing an zu schießen. Er tötete zwei, und verletzte zwei weitere Soldaten schwer. Bei seinem fünften Opfer hatte seine Pistole eine Ladehemmung. Kurz darauf konnte er verhaftet werden.

Amokläufer oder Gotteskrieger?

Plastikblumen und ein Holzschild mit der Aufschrift Wut, Trauer + Warum?vor dem Terminal 2 des Flughafens in Frankfurt am Main (Foto: dpa)

Trauer um erschossene US-Soldaten am Frankfurter Flughafen

Sein Pflichtverteidiger Jens-Jörg Hoffmann beschreibt diese Tat als einen "Amoklauf eines unreifen, depressiven, jungen Mannes mit tragisch-tödlichem Ausgang". Ein Terrorist sei er nicht, meint auch die Rechtsanwältin Michaela Roth: "Es ist eine Tat, die er selbst nicht begreift", so Roth gegenüber der DW.

Am ersten Verhandlungstag im August 2011 distanzierte sich Arid Uka von seiner Tat, äußerte jedoch gegenüber den Angehörigen und Überlebenden keine Zeichen des Bedauerns. "Wenn auch ein Wort der Entschuldigung fehl am Platz wäre, so wäre doch zumindest Verständnis für die Haltung der Angehörigen angebracht", sagt Marcus Steffel, der die Angehörigen der beiden Getöteten vertritt.

Für den Bundesanwalt Jochen Weingarten ist die Tat dschihadistisch motiviert und von besonderer Schwere. "Dies folgt im wesentlichen aus den beiden Toten, den beiden Schwerstverletzten und des Umstands, dass er weitere Amerikaner erschossen hätte, wenn es nicht zu einer Ladehemmung gekommen wäre", argumentiert Weingarten und fordert die Höchststrafe. Nach deutschem Gesetz bedeutet das, dass Uka auch nach 15 Jahren nicht vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen werden kann.

Ein antiamerikanischer Kosovo-Albaner

Arid Uka sitzt im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichtes in Frankfurt am Main zwischen seinen Anwälten Jens Jörg Hoffmann und Michaela Roth (Foto: AP/dapd)

Arid Uka (Mitte) im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichtes in Frankfurt

Arid Uka wurde im Kosovo geboren, einem Land, wo zwar die überwiegende Mehrheit muslimisch ist, doch die USA eine große Sympathie genießen und wo nicht nur Straßen, sondern auch Kinder Namen wie Clinton oder Albright tragen - als Zeichen der Dankbarkeit für die Unterstützung während des Krieges im Jahre 1999. Als im vergangenen Jahr die Nachricht über das Attentat von Frankfurt von den albanischen Medien verbreitet wurde, zeigten sich Arid Ukas kosovarische Cousins in Mitrovica sehr überrascht und beteuerten die proamerikanische Grundeinstellung der Familie.

Der Vater von Arid Uka, der laut Medienberichten seine in Deutschland aufgewachsenen Kinder gläubig, jedoch nicht streng, erzogen haben soll, entschuldigte sich sofort bei den Amerikanern. Inzwischen haben sich aber seine Eltern zurückgezogen und verweigern sowohl Interviews als auch Aussagen vor Gericht.

Im Internet radikalisiert

Obwohl er als gläubiger Moslem erzogen wurde, scheint seine Familie keinen wesentlichen Einfluss auf seine dschihadistische Orientierung gehabt zu haben. "Es gibt keine Hinweise auf eine Radikalisierung in der Familie. Es gibt noch nicht einmal einen Hinweis auf andere Verbindungen", sagt Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Zwar tauchte Arid Uka in Facebook unter dem Kampfpseudonym Abu Reyyan (Wächter der Himmelspforte) auf und sei mit den prominentesten Salafisten Deutschlands verbunden gewesen - er soll aber, so die Ermittlungsergebnisse, keinen von ihnen persönlich gekannt haben. Auch vereinzelte Hinweise auf seinen möglichen Aufenthalt in einem Ausbildungslager in Bosnien konnte eine Zeugin des Bundeskriminalamtes zum größten Teil widerlegen.

Für die Experten ist diese Erkenntnis überraschend. "Die meisten Spezialisten sind davon ausgegangen, dass man irgendeine Art von Training braucht, um erfolgreich terroristisch aktiv zu werden. Es hat schon vorher ähnliche Fälle gegeben, die aber nicht zum Erfolg geführt haben", sagt Terrorismus-Experte Steinberg. Das Attentat von Arid Uka sei somit wahrscheinlich nicht nur der erste terroristisch-dschihadistische Anschlag in Deutschland, sondern auch das erste vollendete Attentat eines Täters, der sich durch das Internet zum gewaltbereiten Islamisten radikalisiert hat.

Autorin: Anila Shuka
Redaktion: Zoran Arbutina/tko

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