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Wirtschaft

Ursachensuche nach Kursverlusten in China

Ein Jahr lang kletterten die Kurse an Chinas Börsen immer höher, zahlreiche Menschen spekulierten mit - teilweise auf Pump. Doch nach den deutlichen Kursverlusten der vergangenen Handelswoche steigt die Nervosität.

Sind es die ersten Anzeichen dafür, dass die Spekulationsblase an Chinas Festlandbörsen platzt? Oder ist es nur eine ganz normale Korrektur, ausgelöst durch Gewinnmitnahmen von Anlegern, die durch die Kursrallye in Shanghai und Shenzhen kräftig verdient haben?

Als am Donnerstag (28.05.) die Kurse an der Börse in Shanghai um fast sieben Prozent einbrachen, breitete sich Nervosität aus unter den Anlegern. Von einem 'schwarzen Donnerstag' war die Rede, vom bösen Erwachen nach dem seit rund einem Jahr ungebrochenen Aufwärtstrend an Chinas Aktienmärkten.

Nicht nur Pessimisten glauben, dass die längst überfällige Korrektur noch weiter gehen könnte. China-Investment-Pionier Mark Mobius sagte gegenüber dem "Handelsblatt", er rechne mit einem Minus von 20 Prozent in den kommenden Wochen. Der Manager der US-Fondsgesellschaft Franklin Templeton hatte bereits im April mit einer Korrektur an den chinesischen Märkten gerechnet.

China Stadt Skyline von Shenzhen

High-Tech-Metropole und Börsenzentrum Shenzhen

In etwas mehr als einem Jahr sind die Kurse an der Börse in Shanghai um 120 Prozent in die Höhe geschossen. In Shenzhen, der High-Tech-Metropole im südchinesischen Perlflussdelta, waren die Aktienkurse im selben Zeitraum sogar um mehr als 150 Prozent gestiegen.

Zocken auf Pump

Mittlerweile haben viele chinesische Durchschnittsbürger das Zocken mit Aktien für sich entdeckt. In den vergangenen Monaten wurden Millionen neuer Aktiendepots eröffnet, und wer nicht genug Geld übrig hatte, der nahm einen Kredit auf, um zu spekulieren.

Aktienhändler, die von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragt wurden, vermuten die aktuelle Verschärfung der Regeln für die Vergabe solcher Kredite durch mehrere Wertpapierhandelsfirmen als einen Grund, warum so viele Anleger in der vergangenen Woche Kasse gemacht haben und die Kurse damit auf Talfahrt schickten.

Ein weiterer Grund für die Kurseinbußen seien die für die erste Juni-Woche angekündigten Börsengänge von insgesamt 23 chinesischen Unternehmen, darunter das Schwergewicht China National Nuclear Power. Wenn so viele Unternehmen den Sprung aufs Börsenparkett wagen, entziehe das dem Markt natürlich viel Liquidität, sagte Clement Chang, der in Hong Kong als Aktienhändler für RBC Investment Management tätig ist, der Nachrichtenagentur afp.

China Börse Anleger Hongkong Shanghai

"Spielinstinkt der Chinesen": Kleinanleger verfolgen Aktienkurse in einem Wertpapierhandelshaus in Shanghai

Chinas Finanzmärkte entwickeln sich weiter

Die Begeisterung chinesischer Kleinanleger für riskante Investitionen am Aktienmarkt habe allerdings eine einfache Erklärung, sagt Sandra Heep, die sich beim Mercator Institute for China Studies (MERICS) in Berlin mit dem chinesischen Finanzsystem beschäftigt. "Die meisten Produkte zum Vermögensmanagement stehen nur sehr wohlhabenden Chinesen zur Verfügung. Kleinanleger haben zudem kaum die Möglichkeit, im Ausland zu investieren."

Allerdings arbeite Chinas Zentralbank zurzeit Pläne aus, die dies bald erleichtern sollen, erklärt Heep gegenüber der DW: "Die zunehmende Öffnung und Liberalisierung des chinesischen Finanzsystems wird die Anreize für Risiko-Investitionen schwächen."

Heep sieht es positiv, dass zur Zeit viel Geld in die Aktien chinesischer High-Tech-Firmen fließt, die vor allem an der Börse in Shenzhen gehandelt werden. "Chinas High-Tech-Firmen haben lange unter mangelnden Finanzierungsmöglichkeiten gelitten. Da viele von ihnen großes Entwicklungspotential haben, ist es begrüßenswert, dass sie nun über Börsengänge an Kapital kommen können."

Demnächst soll die Börse in Shenzhen für internationale Anleger geöffnet werden. Viele Chinesen hoffen daher auf weiter steigende Aktienkurse. Die Gefahr, dass damit noch mehr spekulatives Kapital in chinesische High-Tech-Aktien gepumpt wird, sieht Finanzmarktexpertin Sandra Heep nicht: "Damit ist nicht zu rechnen, da mit der Öffnung vor allem institutionelle Investoren aus dem Ausland in Shenzhen aktiv werden, die einen längerfristigen Investitionshorizont haben."

Investment-Plattform oder Spiel-Casino?

Die Kleinanleger allerdings scheinen eher auf den schnellen Gewinn zu schielen. Asien-Kenner Mark Mobius spricht vom "Spielinstinkt der Chinesen", wenn er darüber spricht, was Kleinaktionäre im Reich der Mitte dazu treibt, an der Börse zu investieren.

Dass der Aktienmarkt dabei manchmal einer Spielhölle gleicht – darüber hatte sich schon Investment-Legende André Kostolany beim Blick auf den Handel mit High-Tech-Aktien ausgelassen: Für ihn war der Neue Markt in Frankfurt eine Spielhölle mit gezinkten Karten. Das Platzen der High-Tech-Blase an der Börse im März 2000, das allein in Deutschland Milliardenwerte vernichtete, sollte Kostolany Recht geben.

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