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Wirtschaft

Ursachenforschung nach dem Börsenbeben

Eine Horrorwoche liegt hinter den Weltbörsen. Die Talfahrt war rasant, die Verluste riesig. Schuldenberge und Rezessionsängste sind die Ursachen. Sehen wir die Vorboten einer neuen Wirtschaftskrise?

Börsenmakler vor DAX-Anzeigetafel (Foto: fotolia)

Weltweit kannten die Börsenkurse in den letzten Tagen nur eine Richtung: Nach unten. Ob in Amerika, in Europa oder in Asien. Es ging steil bergab, viele Indizes fielen auf Jahrestiefststände. Erst, als am Freitagnachmittag (05.08.2011) überraschend positive Daten vom US-Arbeitsmarkt veröffentlicht wurden, hatte der Spuk zumindest kurzzeitig ein Ende: Das wichtigste deutsche Börsenbarometer, der Deutsche Aktienindex DAX, drehte ins Plus. Aber nur für eine kurze Zeit, dann ging es wieder in die andere Richtung: Am Ende des Tages stand zum achten Mal in Folge ein dickes Minus von fast drei Prozent. Über die Handelswoche gesehen hat der DAX rund 13 Prozent oder gut 1000 Punkte eingebüßt - die schwärzeste Woche seit der Lehman-Pleite vor bald drei Jahren.

Verzweifelter Börsianer an der Wall Street (Foto: AP)

Wie konnte das passieren Und: Wo soll das noch hinführen?

Einigkeit über die Ursachen

Wann der Abwärtstrend gestoppt wird, kann im Moment niemand sagen. Aber auf die Frage, wie es überhaupt zu diesem "Crash auf Raten" kommen konnte, gibt es Antworten. Es sind im Wesentlichen zwei Motive, die Beobachter und Analysten nennen: Einerseits eine Eintrübung der Konjunktur in den aufstrebenden Volkswirtschaften und Rezessionsängste in den Industriestaaten. Andererseits werden politische Gründe für die globale Börsentalfahrt genannt: Die Schuldenkrisen in Europa und den USA.

Rezessionsängste

Börsentafel in Japan (Foto: AP)

Weltweiter Absturz, auch in Asien

Die Financial Times Deutschland hatte für ihre Freitagsausgabe fünf Börseninsider gefragt, worin sie die Gründe für die aktuelle Baisse sehen. Die Befragten machen als politische Ursachen die "unbefriedigenden Beschlüsse des EU-Gipfels vor zwei Wochen" und die "Schuldendiskussionen" in Europa und den USA aus. Diese Indikatoren und die trüben Konjunkturaussichten in den Volkswirtschaften des Westens seien für die maladen Börsen verantwortlich.

Andreas Rees, Chef-Ökonom Deutschland bei UniCredit, ist dagegen der Überzeugung, dass es auch bei gesunden Staatshaushalten in den USA und Europa zum gegenwärtigen Börsenstolpern gekommen wäre. "Auch ohne Schuldenkrise wäre es zu einer Abkühlung der Weltwirtschaft gekommen", schreibt Rees in seiner Analyse und begründet das mit einer "schrittweisen Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern". Dafür verantwortlich seien unter anderem die Zinserhöhungen vieler Zentralbanken in der Vergangenheit und die höheren Preise für Nahrungsmittel. Das Fazit seiner Untersuchung fällt düster aus. Rees rechnet zwar nicht gleich mit einer globalen Rezession, erwartet aber "harte Zeiten" für die Weltwirtschaft. "Auch wenn die Schuldenkrise nicht der eigentliche Auslöser war", schließt er, sei sie doch gerade jetzt "alles andere als hilfreich".

Crash oder Korrektur?

Der Verlauf des Deutschen Aktienindex an der Börse in Frankfurt am Main (Foto: AP) Quelle: AP

Wie vor drei Jahren: Der Dax stürzt ab

Ist ein Börsenindex einmal auf der schiefen Ebene, kommt er so leicht nicht wieder davon herunter. Sinken die Kurse, werden Papiere abgestoßen – das geht automatisch und dient der Minimierung von Verlusten. Das bekommt schnell die Dynamik eines Schneeballs, der einen verschneiten Hang hinunterrollt: Er wird immer größer und größer. Um das Schlimmste noch zu verhindern, gibt es die Möglichkeit, den Handel auszusetzen und damit dem Markt die Chance zur Besinnung zu geben. Soweit ist es zumindest in dieser Woche nicht gekommen.

Zwar malen einige Beobachter das Bild vom "Börsencrash" an die Wand, viele Analysten sehen die Lage aber deutlich entspannter. Für Guido Hoymann, beim Bankhauses Metzler für Aktienanalyse zuständig, ist klar: "Ein Crash ist das nicht." Er hält das gegenwärtige Ab an den Börsen für eine Korrektur. Es handele sich, sagte Hoymann dem Handelsblatt, "um eine Anpassung der hohen Erwartungen der Investoren an die Realität".

Verschwommener Blick in die Zukunft

Prognosen müssen immer mit Vorsicht betrachtet werden. Das gilt ganz besonders für Vorhersagen beim Börsenhandel. Denn bei einem Geschäft, in dem Fantasien und Erwartungen eine so wichtige Rolle spielen, sollte man nicht pessimistisch in die Zukunft schauen. Aussagen, das Beben an den Märkten sei nicht so schlimm, können dann durchaus einem gewissen Zweckoptimismus geschuldet sein – da will vielleicht nur jemand sein Geschäft nicht gefährden. Dennoch sind einige Analysten bemerkenswert optimistisch. So sagte der Chefstratege der DZ Bank, Christian Kahler, dem Handelsblatt, die Talfahrt der Märkte sei nur eine Kurskorrektur. Die Börse sei "ein Stück vorweg gelaufen, was jetzt korrigiert wird." Besser noch: Kahler erwartet für das vierte Quartal 2011 eine Erholung, dann werde es wieder "bergauf gehen."

Und noch etwas macht Hoffnung auf eine baldige Marktberuhigung: Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass das aktuelle Börsentief mit der beklagenswerten Schuldenpolitik in Washington und Brüssel politische Gründe hat. Die gegenwärtige Baisse wäre also eine "politische Börse". Und politische Einflüsse, davon sind die Börsianer überzeugt, haben meist nur kurzfristige und vergleichsweise geringe Auswirkungen auf den Handel. "Politische Börsen haben kurze Beine", so lautet eine der ungeschriebenen Börsenweisheiten. Träfe sie auch hier zu, würde bald wieder alles im Lot sein. Mit Spannung wird nun erwartet, in welcher Stimmung die Börsen nach der Wochenend-Pause am Montag eröffnen werden. Sollten auch da die Minuszeichen dominieren, darf man das Wort "Crash" getrost verwenden.

Autor: Dirk Kaufmann

Redaktion: Henrik Böhme

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