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Kultur

Urlaub im OP

Deutschlands Gesundheitssystem genießt im Ausland einen guten Ruf - und gilt als günstig. Medizintouristen aus der ganzen Welt lassen sich daher hierzulande operieren. Besonders oft kommen sie aus den Golfstaaten.

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Nicht nur die 'Schwarzwaldklinik' erfreut sich großer Beliebtheit

Die Gesundheitsreform ist ein Dauerbrenner in der deutschen Politik. Einig sind sich alle Seiten nur darüber, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne. Dieweil die Deutschen über Qualität und Zukunft ihres Gesundheitssystems streiten, entdecken ausländische Patienten seine Vorzüge. Immer mehr von ihnen kommen nach Deutschland, um komplizierte und teure Eingriffe vornehmen zu lassen.

Von diesem Medizintourismus berichtete Axel Steller auf dem diesjährigen Kongress "Stadt im Wandel“ der Stiftung "Lebendige Stadt“. Der Geschäftsführer der Arab German Health Foundation GCC aus Dubai gab Einblick in einen Markt, der bisher nur sporadisch beachtet worden sei, aber für alle Beteiligten ein lukratives Geschäft sei: In Deutschland hat es 2001 nach Angaben des Deutschen Arzt Blattes 50.000 ausländische Patienten gegeben, die jedoch nicht allesamt Medizintouristen seien, so Steller. Sie bleiben durchschnittlich zehn Tage in Deutschland, geben im Schnitt 250 Euro täglich aus und bringen einen Umsatz von 125 Millionen Euro.

Deutschlands Gesundheitssystem: Gut und günstig

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Guter Ruf: Medizin 'Made in Germany'

Die Gründe für dieses noch neue Phänomen sind zum einen in Deutschland, zum anderen in den Herkunftsländern der Medizintouristen zu suchen. In Deutschland müssen Krankenhäuser seit dem 1.1.1998 die Erlöse aus der Behandlung ausländischer Patienten nicht mehr mit dem Budget verrechnen, erzielen mit Medizintouristen also zusätzliche Gewinne. Dies habe ihr Interesse an der finanzkräftigen Klientel aus dem Ausland erhöht, sagte Steller. Er zitierte einen Bericht, wonach 1000 Medizintouristen einem Krankenhaus so viel einbrächten wie 3500 deutsche Privat- bzw. 7000 Kassenpatienten.

Wichtiger sind die Gründe der ausländischen Patienten nach Deutschland zu kommen. Steller nannte vier Kategorien von ausländischen Patienten: Solche aus angrenzenden Nachbarländern, Wartelistenpatienten (insbesondere aus Großbritannien), Touristen und Geschäftsleute, die auf der Durchreise erkranken, und schließlich Patienten aus Ländern, in denen medizinische Behandlung entweder teuer oder unzureichend ist. Letztere machten die Gruppe der lukrativen Medizintouristen aus und käme vor allem aus den USA, Russland und den Golfstaaten.

Kundschaft aus den Golfstaaten

In den USA treibt der hohe Preis Patienten nach Deutschland. "Operationen dort sind vier- bis fünfmal so teuer wie in Deutschland“, sagte Steller. Daher übernähmen amerikanische Versicherungen in entsprechenden Fällen die gesamten Kosten einer Reise in ein deutsches Krankenhaus und würden sogar noch eine Summe als Anreiz direkt an den Versicherten auszahlen. Auch kämen Amerikaner ohne ausreichenden Versicherungsschutz, die sich eine Behandlung in ihrer Heimat nicht leisten könnten.

Der umgekehrte Fall trifft bei den etwa 15 Millionen wohlhabenden Russen zu: Sie haben genug Geld, aber kaum Möglichkeiten, es in eine hochwertige medizinische Versorgung zu investieren. Medizinische Einrichtungen, die westlichen Kriterien genügten, seien nur punktuell, etwa in Sankt Petersburg, vorhanden. "Da lohnt sich der Flug nach Deutschland“, weiß Steller.

Die dritte Gruppe sind Stellers Kunden, Patienten aus den Golfstaaten. In diesen Staaten gäbe es ein "duales Gesundheitssystem“: Teure Geräte würden gekauft, ohne dass sie jemand bedienen könne. "Bei einer Erkältung werden die Patienten dann ins Ausland geflogen“, so Steller. Das seien vor dem 11. September die USA gewesen; seit den Anschlägen erhielten auch Medizintouristen keine Einreiseerlaubnis mehr. Hier kann sich Deutschland als Ausweichland profilieren. "Made in Germany gilt in diesen Ländern noch etwas“, erklärt Steller die Entscheidung für Deutschland. "Die Golfstaaten sind noch in den nächsten zehn Jahren darauf angewiesen, ihre Patienten ins Ausland zu schicken. Deutschland hat hier gute Chancen.“

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Gegenwärtig sind es nach Schätzung von Fachleuten rund 10.000 arabische Patienten pro Jahr. Sie sind nicht nur eine attraktive Einnahmequelle für medizinische Einrichtungen, sondern auch für die Städte. Steller machte das Potential anhand seiner begüterten Kunden klar. Diese reisten oft mit mehreren Familienangehörigen zu einer Operation an und hätten hohe Ansprüche an Unterkunft, Verpflegung und Einkaufsmöglichkeiten - beste Voraussetzungen für hohe Ausgaben vor Ort. Am notwendigen Entgegenkommen der Städte mangele es aber vielerorts. So reagierten arabische Patienten empfindlich auf europäisches Essen. Zugleich gäbe es in jeder Stadt ein arabisches Restaurant, ohne dass damit geworben würde. "Man muss das nur organisieren“, riet Steller den Städtevertretern.

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  • Datum 17.09.2006
  • Autorin/Autor Thomas Hajduk
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  • Permalink http://p.dw.com/p/983G
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