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Wirtschaft

Urlaub im Krisengebiet

Im Urlaub suchen die meisten Menschen Idylle und Sicherheit. Aber weisen nicht auch problembehaftete oder als gefährlich geltende Regionen touristische Potenziale auf? Darauf hoffen einige Länder auf der ITB.

Es war die filmische Sensation des Jahres 2009: Acht Oscars und vier Golden Globes gingen an "Slumdog Millionaire", einen Film, der die Geschichte von zwei Halbwaisen erzählt, die in den Slums von Mumbai groß werden. Millionen Menschen zog das Kinoereignis in seinen Bann – in einigen Fällen sogar nachhaltig. Die Zahl der Touristen, die in Mumbai eine Führung durch einen der vielen Slums buchen, sei nach dem Film um 30 Prozent gestiegen, berichtet die indische Regisseurin Loveleen Tandan. "Es gibt inzwischen eine große Zahl von Führern, die sich auf sogenannte Slumdog-Touren spezialisiert haben."

Menschen seien neugierig, erklärt Tandan. Als Touristen wollten sie sich ein Bild von einer Welt machen, die so ganz anders sei als ihre eigene sei.

Das Recht auf sauberes Wasser Indien

Blick ins Elend: ein Slumbewohner in Mumbai

Katastrophen-Tourismus sei aber nichts Neues. Schon im 19. Jahrhundert habe es in Manhattan in New York Führungen durch Armen-Viertel gegeben. Wohl kaum ein Ort habe so viel Schaulustige aus aller Welt angezogen wie Ground Zero nach dem 9. September 2001 und auch in Städten wie Rio de Janairo, Johannesburg oder Kapstadt gehörten Führungen durch die Slums zum touristischen Alltag.

Tourismus sichert Arbeit und Einkommen

Doch es gibt genug Kritiker, die ethische Bedenken haben und gerade Slum-Führungen als ausbeuterisch brandmarken. Ihnen widerspricht die Regisseurin vehement. "Die Slums von Mumbai sind keine verödeten und leblosen Gebiete, in denen die Bewohner nur verzweifelt herumsitzen und darauf warten, dass man sie angafft." Die meisten Bewohner seien viel zu beschäftigt, um sich an den Touristen groß aufzuhalten und außerdem seien die Führungen ein profitables Geschäft. "Den aus den Slums stammenden Führern sichern die Touren ein Einkommen. Kunsthandwerker, die Souvenirs herstellen und verkaufen, leben genauso davon wie Getränkeverkäufer und das Geld bleibt in den Slums, weil es dort in neue Geschäfte investiert wird."

Geschäfte mit Touristen würden auch andere Regionen, in denen wenig Schönheit und Idylle zu finden ist, gerne machen. Auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin muss man allerdings lange suchen, um sie zu finden.

189 Länder und Regionen beteiligen sich an der diesjährigen ITB.

Länder wie Afghanistan und Nord-Korea sind nicht dabei. Dafür sind Jemen, Irak, Sudan und Algerien vertreten. Ihre Stände stehen in der Halle 21 direkt nebeneinander. So fällt es besonders auf, dass in diesem Bereich der Messe kaum etwas los ist. Entsprechend verhalten ist die Stimmung, auch wenn folkloristische Gruppen die Szene hin und wieder zumindest musikalisch beleben.

ITB 2014 05.03.2014 Berlin

Große Stände, aber kaum Kunden: Jemen und Irak auf der ITB 2014

Die Angst ist allgegenwärtig

Er wolle auf keinen Fall etwas Schlechtes über sein Land sagen, erwidert Mohammad Kareem, geschäftsführender Direktor des Reiseunternehmens Al-Manar, auf die Frage, wie sicher der Irak für Touristen sei. Es gebe viele Länder in der Welt mit einer "relativen Stabilität". "Informieren sie sich nicht in den Medien über den Irak, sondern bei Menschen, die schon einmal dort waren", rät Kareem. Doch das ist derzeit gar nicht so einfach. Das Auswärtige Amt spricht in seinen Reise- und Sicherheitshinweisen eine klare Warnung aus: "Vor touristischen Reisen in den Irak wird gewarnt. Sie sind aufgrund der prekären Sicherheitslage und den damit verbundenen Einschränkungen für die freie Bewegung von Touristen derzeit nicht möglich", heißt es auf der Webseite des AA.

Mohammad Kareem will das so nicht hinnehmen. Millionen Menschen würden trotz der begrenzten Möglichkeiten sein Land besuchen. Es gebe ständig Touristen, die trotzdem kämen. "Niemand davon ist bis jetzt zu Tode gekommen", fügt er fast trotzig hinzu. Es gebe viele Sicherheitsunternehmen im Irak. "Wir können die Menschen die kommen, absichern. Die Leute können sich überall bewegen." An den Orten, an denen es keine Stabilität gebe, seien auch keine Touristen.

Abenteuer-Reisen für verrückte Entdecker

Aus Kareems Worten klingt zugleich Hoffnung und Verzweiflung heraus. Der Irak ist ein sehr vielseitiges Land mit einer islamischen, christlichen aber auch jüdischen Tradition. Es gibt allein 600 Sehenswürdigkeiten mit religiöser Ausrichtung. Die Infrastruktur sei nicht schlecht, sagt der irakische Reiseveranstalter. "Ich hoffe, dass wir irgendwann mal aus diesem schlechten Bild, das in der Medienlandschaft von uns gezeichnet wird, herauskommen."

ITB 2014 05.03.2014 Berlin

Folklore gegen die Angst: Der Stand von Algerien auf der ITB

Im Grunde weiß Kareem genau, dass der Irak derzeit nur Touristen anlocken kann, für die die Sicherheitslage Teil des Erlebnisses ist. Allzu groß ist die Nachfrage nach solchen Reisen nicht, aber es gibt einen kleinen Markt. Das beweist der britische Reiseveranstalter Hinterland Travel. Seit 35 Jahren verkauft das Unternehmen sogenannte Abenteuer-Reisen. Für dieses Jahr stehen Touren in den Irak, den Süden Pakistans, aber auch eine 16-tägige Reise nach Afghanistan auf dem Programm.

George Kurian, Fotojournalist und Filmemacher, der schon oft in Afghanistan unterwegs war, hat dafür wenig Verständnis. Es gebe keine Sicherheitsstruktur im Land, sagt er, die Lage habe sich in den letzten vier Jahren deutlich verschlechtert. Wenn er einen Touristen im Land sehe, stelle sich ihm immer die gleiche Frage: "Warum kommt der ins Land, warum riskiert der sein Leben?" Solche Menschen könnten eigentlich nur "verrückte Entdecker" sein. Dabei ist Kurian durchaus der Meinung, dass Tourismus die Entwicklung eines Landes vorantreiben kann. "Ich bezweifle allerdings, dass im Moment die richtige Zeit ist, um Brücken zu bauen."

Auf der Suche nach dem alltäglichen Leben

Da ist der Iran schon einen großen Schritt weiter. Das Land sei bei weitem kein "bad land" mehr, meint Manfred Schreiber vom Reiseveranstalter Studiosus. Unter dem früheren Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad habe es viele negative Schlagzeilen gegeben. "Der Neue ist ein charmanter netter Kerl", meint Schreiber scherzend. Der Iran habe sich geöffnet und sei heute für Touristen einer der sichersten Orte im Nahen Osten. Es gebe keine Gewalt und keine Sicherheitsprobleme. "Die Touristen, die in den Iran reisen, wollen nichts Dunkles sehen, sondern eine der großen alten Kulturen."

Symbolbild ISAF Soldaten

Afghanistan: Nur etwas für Verrückte, die ihr Leben riskieren?

Neben dem Interesse an Kulturreisen spürt Manfred Schreiber bei seinen Kunden aber auch eine gewisse Neugier. Schließlich sei der Iran ein Land, "das ständig in den Zeitungen steht". Da wollten sich viele einfach auch ein eigenes Bild machen. Schreiber bedient die Neugier auf den Touren, indem Studiosus Kontakte zwischen den Touristen und der Bevölkerung anbietet. Das könne ein schiitischer Mullah sein, aber auch ein Künstler. Man wolle das Alltagsleben zeigen.

Trotzdem gebe es für den Iran noch viel zu tun. "Wenn man den Tourismus weiter entwickeln will, dann braucht man eine nachhaltiges Management", so Schreiber. Das Land müsse für Urlauber weiter erschlossen werden. "Die Sache ist dringend: Wenn die Iraner mehr Touristen haben möchten, müssen sie mehr tun."

Skilaufen in Nordkorea

Einen mit Studiosus vergleichbaren touristischen Ansatz verfolgt das in Siegburg ansässige Unternehmen BCT-Touristik für Nordkorea. Zehn Tage dauert eine Tour, die als Verlängerung einer 16-tägigen Reise durch Süd-Korea angeboten wird. Es seien nicht viele Touristen, die die Anschlussreise buchen würden, sagt BCT-Geschäftsführer Ulrich Bexte, der bei seinen Kunden durchaus unterschiedliche Beweggründe feststellt. Da seien zum einen diejenigen, die den Kommunismus nach wie vor toll fänden, aber auch Menschen, die stets auf der Suche nach etwas Neuem seien.

Nordkorea will Weltklasse-Skigelände bauen

Der Führer gibt Anweisungen: Kim Jong-Un bei einer Visite im neuen Skiressort

Sicherheit sei in Nordkorea kein Thema. "Das politische System ist so, dass nichts passieren kann", so Schreiber. Es gebe schöne Nationalparks und historische Sehenswürdigkeiten. Auf dem Programm stünden aber auch der Besuch von Schulen und Kindergärten. Das Land wolle sich von der besten Seite zeigen. Zwei Begleiter sorgen dafür, dass kein Tourist eigene Wege gehen kann. "Man hat keine große Möglichkeit, sich mit jedem unterhalten", sagt Manfred Schreiber.

Trotzdem gebe es viel zu beobachten: "Wenn man sieht, dass in einer Musikschule für jedes Kind ein Lehrer zur Verfügung steht, ist das natürlich toll. Aber wenn sie gleichzeitig sehen, dass es draußen nur zehn Grad sind und die Menschen keine warme Kleidung und keine funktionierende Heizung haben, dann sagt das auch viel aus."

Es scheint, als wolle Nordkorea das Geschäft mit den Touristen weiter ausbauen. Drei neue Reisegebiete wurden zuletzt ausgewiesen, darunter ein großes Skigebiet mit 110 Pistenkilometern, in dem auch ein Hotel für Ausländer gebaut wurde. Manfred Schreiber rät Kunden, die sich für Wintersport interessieren, allerdings davon ab, aus diesem Grund nach Nordkorea zu fahren. "Das würde nicht gutgehen", sagt er. "Skilaufen kann man sehr gut auch in Japan."

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