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Politik

Urlaub bei Kilometer 24

Stell Dir vor es sind Ferien, und Du kommst nicht hin. Unvorstellbar? Bittere Realität! Zumindest für viele Moskauer. Eine Straßenbaustelle macht seit dem Wochenende etliche Urlaubsträume zunichte.

Logo Fernschreiber Moskau mit Kreml (Grafik: DW)

Staus sind die Moskauer gewohnt. Anderthalb bis zwei Stunden planen sie für den Weg zum Staatsflughafen Scheremetjewo ein - und das, obwohl der nicht mal 30 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt. Doch damit, dass man für die Strecke auch vier bis fünf Stunden brauchen könnte, konnte niemand rechnen. Aus heiterem Himmel waren am vergangenen Wochenende plötzlich vier von sechs Fahrspuren dicht. Die Eisenbahnbrücke bei Kilometer 24 ist ohnehin ein Nadelöhr, doch jetzt ging gar nichts mehr. Denn die Brücke leitet nicht irgendeine Straße über die Eisenbahn, sondern die Leningradskoje Schosse, jene Chaussee, die noch immer stolz den Namen Leningrads trägt, obwohl sie seit Jahren nach St. Petersburg führt - und eben direkt und ziemlich ohne Alternativen zum Flughafen Scheremetjewo.

Tausende verpassten ihren Ferienflieger. Sonst nehmen in der Sommerzeit rund 70.000 den Flughafen - täglich. Jetzt kamen selbst Piloten und Crews zu spät. Verschiedene Hauptstadtzeitungen meldeten, die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot, für die Scheremetjewo der Hauptflughafen ist, habe Tickets im Wert von über einer halben Million Euro erstattet.

Verschwörungstheorien des Flughafen-Chefs

Die Brücke habe schon lange dringend renoviert werden müssen, so die zuständige Moskauer Stadtverwaltung. Tut uns leid! "Ihr spinnt!", kochte darauf die russische Volksseele. Wo sind die Reservespuren? Wo ist die Behelfsbrücke, die man doch lange vorher hätte bauen müssen? Die Wut wuchs und wuchs - zunächst im Internet. Schließlich musste sich das Staatsfernsehen der Sache annehmen. Totschweigen, Aussitzen oder Schönreden ging nicht mehr. Zu guter Letzt schaltete sich der "Vater der Nation", Premier Wladimir Putin persönlich ein.

Flink gaben die Moskauer Behörden zwei zusätzliche Fahrspuren wieder frei. Doch die Blockade des Flughafens löste das nicht. Der Verkehr kriecht weiter langsam wie eine Schnecke vorbei an Kilometer 24, berichten Augenzeugen an der Brückenbaustelle. Böse Absicht und Sabotage vermutet deshalb Flughafen-Chef Michail Wassiljenko in seinem Blog. Moskaus berühmt-berüchtigter Bürgermeister Jurij Luschkow stecke hinter dem Dauerstau zur besten Reisezeit. Er habe den Kollaps mutwillig herbeigeführt, um dem Konkurrenz-Flughafen Wnukowo im Westen Vorteile zu verschaffen. Denn der gehört der Stadtregierung.

Verkehrsexperten dagegen gehen tatsächlich von Fehlplanung aus. Und von Hahnenkämpfen zwischen lokalen, regionalen und föderalen Straßenbaubehörden. So oder so: Russlands Bürger haben das Nachsehen. Und machen bei sengender Sonne auf der Autobahn ungewollt Urlaub bei Kilometer 24.

Autor: Markus Reher
Redaktion: Dеnnis Stutе