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Wirtschaft

Urlaub auf Kosten der Menschenrechte?

Reisen erweitert den Horizont - heißt es. Doch nur wenige machen sich Gedanken darüber, wie es der Bevölkerung in armen und unterentwickelten Urlaubsländern geht. Oft zahlt sie den Preis für erlebnishungrige Touristen.

Eine Person, die nur von der Hüfte abwärts zu sehen ist, zieht einen großen Koffer hinter sich her. Das Motiv steht symbolisch für das Thema Reisen. (Foto: Picture Alliance / Karl Thomas / OKAPIA)

"Fair reisen mit Herz und Verstand" heißt eine kleine Broschüre des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED). Darin werden Tipps gegeben, worauf Touristen achten sollten, wenn sie in fernen Ländern und fremden Kulturen Urlaub machen. Anderes Essen, andere Umgangsformen, andere Religionen - die Liste des Ungewohnten und Neuen kann sehr lang sein. Doch das sind nur die auf den ersten Blick erkennbaren Unterschiede, die für einen Urlauber aus einem sogenannten entwickelten Land durchaus eine Herausforderung darstellen können.

Aber wie sieht es eigentlich hinter den Kulissen aus? Unter welchen Bedingungen leben und arbeiten die einheimischen Hilfskräfte in einem afrikanischen oder asiatischen Luxus-Hotel, das keine Wünsche offen lässt für zahlungskräftige Touristen aus Europa oder Amerika? Antworten auf solche Fragen finden sich in einer aktuellen Studie, die der EED gemeinsam mit den Menschenrechtsorganisationen "Amnesty International" und "Survival International" erstellt hat.

Sex-Tourismus und andere Skandale

Ein Swimmingpool für verwöhnte Touristen mitten in einem Naturschutz-Gebiet in Botswana (Foto: Survival International)

Tourist contra Ureinwohner, Swimming-Pool statt Jagd-Revier

Dass weltweit viel im Argen liegt, dafür können die Autoren eine Menge Belege liefern. Der weithin bekannte Sex-Tourismus in asiatischen Ländern, aber auch in der Karibik und Brasilien ist dabei nur die offensichtlichste Form des Missbrauchs, die immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Doch Heinz Fuchs, der innerhalb des EED die Fachstelle "Tourism Watch" leitet, geht es um das große Ganze in einer Wachstumsbranche, an der oft nur ganz wenige verdienen und sehr viele ausgebeutet werden.

Beispiel Botswana: Nach Recherchen von "Survival International" soll die Regierung im Zentral-Kalahari-Wildschutzreservat seit vielen Jahren die indigene Bevölkerung vertreiben, um das Gebiet unter anderem für Safari-Touristen zu erschließen. Der EED hat den Fall ausführlich in seinem Informationsdienst "Dritte Welt-Tourismus" dokumentiert. Demnach hat das Oberste Gericht Botswanas den Buschleuten zwar schon 2006 das Recht auf ihr Land zugesprochen, doch in der Praxis hilft ihnen das Urteil nichts. Denn die Regierung verweigert den Halb-Nomaden die zum Überleben notwendigen Jagd-Lizenzen.

Luxus und Armut im Naturschutz-Gebiet

Eine Gruppe von Buschleuten im Zentral-Kalahari-Wildschutzreservat ernährt sich von Wassermelonen (Foto: Survival International)

In ihrer Not ernähren sich die Buschleute im Zentral-Kalahari-Wildschutzreservat von Wassermelonen

Reise-Veranstalter, die luxuriöse Abenteuer-Trips in dem Naturschutz-Gebiet anbieten, berufen sich auf Vereinbarungen mit der Regierung. Dieselbe Regierung ist laut "Survival International" dafür verantwortlich, dass die Ureinwohner kein Wasser mehr schöpfen können, weil ihr Brunnen versiegelt wurde. Bei dieser Gemengelage den Überblick zu bewahren, ist selbst für verantwortungsbewusste Touristen mitunter schwierig. Heinz Fuchs vom EED lässt diesen Einwand unter Hinweis auf Berichte von "Amnesty International" und Informationen des Auswärtigen Amtes nicht gelten. "Reisende müssten sich von der Vorstellung verabschieden, Tourismus habe etwas mit Paradiesen zu tun", appelliert Fuchs bewusst an das schlechte Gewissen der Urlauber. Denn Tourismus finde genauso wie das alltägliche Leben "in der Zerrissenheit dieser Welt, den politischen Verhältnissen eines Landes und der Situation der Menschen dort statt", erinnert Fuchs an vermeintlich Selbstverständliches.

Ein Brunnen im Natioschutz-Park ist mit einer großen Steinplatte abgedekct, damit die Halb-Nomaden in Botswana kein Wasser schöpfen können (Foto: Survival International)

Ein von der Regierung versiegelter Brunnen, um die Halb-Nomaden zu vertreiben

Dass autokratische und diktatorische Regimes wenig Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung nehmen, wenn es darum geht, zahlungskräftige Touristen ins Land zu locken, ist alles andere als überraschend. Katharina Spieß von "Amnesty International" kennt zahlreiche Fälle beispielsweise aus Kambodscha, wo Hotel-Projekte rücksichtslos auf Kosten der einheimischen Bevölkerung durchgesetzt würden. Das südostasiatische Land sei ein anschauliches Beispiel, weil es zeige, wie große wirtschaftliche Dynamik oft auf Kosten der Armen gehe.

Die Politik ist weiter als die Wirtschaft

Von der Politik erwartet Katharina Spieß, dass sie beim Thema Tourismus auch an die Menschenrechte denkt. Die "Amnesty"-Expertin ist zuversichtlich, mit ihrem Anliegen auf offene Ohren zu treffen. Deutschland engagiere sich in Kambodscha stark in der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei gehe es auch um die Land-Verteilung. "Wir haben die Bundesregierung für diese Problematik sensibilisiert", sagt Katharina Spieß.

Nach Angaben des Entwicklungsministeriums (BMZ) hat Kambodscha für den Zeitraum 2009/10 finanzielle Zusagen in Höhe von knapp 37 Millionen Euro erhalten. Bereits seit 1995 unterstützt das BMZ die sogenannte Landsektor-Reform. Davon sollen vor allem ärmere Schichten profitieren. Die ländliche Entwicklung gehört zu den Schwerpunkten der Kooperation. Der Aufbau von touristischer Infrastruktur werde dabei jeoch nicht unterstützt, heißt es.

Auch im Tourismus-Ausschuss des Deutschen Bundestages sei man sich der Verantwortung in Fragen der Menschenrechte sehr bewusst, sagt EED-Mann Heinz Fuchs. Auf Seiten der rund 11.000 Reise-Veranstalter hingegen hat er eher schlechte Erfahrungen gemacht. Sogar große Unternehmen würden argumentieren, sie könnten ihre Geschäftstätigkeit einstellen, wenn sie sich um die Einhaltung der Menschenrechte in den Ziel-Ländern kümmern müssten.

Portraitbild des Leiters der Fachstelle Tourism Watch, Heinz Fuchs. (Foto: Evangelischer Entwicklungsdienst)

Heinz Fuchs, Leiter der Fachstelle "Tourism Watch"

Weltweite Qualitätskontrolle?

Linda Poppe von der Menschenrechtsorganisation "Survival International" bestätigt diese Eindrücke und will trotz der von ihr wahrgenommenen Ignoranz nicht locker lassen. "Wir versuchen natürlich, Reise-Unternehmen darauf aufmerksam zu machen, was vor Ort passiert, und fordern sie auf, sich für Menschenrechte einzusetzen", sagt sie. Man versuche, auf verschiedenen Ebenen Einfluss zu nehmen, damit sich Reisende informieren und gute Entscheidungen treffen können.

Um es nicht bei frommen Wünschen zu belassen, schlägt Heinz Fuchs vom Evangelischen Entwicklungsdienst vor, die Welt-Tourismus-Organisation (UNWTO) solle dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen regelmäßig Bericht erstatten. Diese Art der Qualitätskontrolle wäre eine gigantische Aufgabe, denn die UNWTO registrierte 2010 weltweit rund 935 Millionen Auslandsreisen. Dass dabei in Sachen Menschrechte nicht nur die Sonne schien, darf als sicher gelten.

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Zhang Danhong

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