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Politik & Gesellschaft

Urbane Agrikultur blüht in Berlin

Ein merkwürdiges Phänomen treibt im Berliner urbanen Dschungel seine Blüten. Denn statt Gemüse im Laden zu kaufen, bauen viele Hauptstadtbewohner es lieber selbst an.

Grüne Tomaten. Foto: Anne Thomas

Einige meiner Berliner Freunde haben in der vergangenen Zeit geheiratet – und jedes Mal stand ich vor der Frage, was ich ihnen schenken könnte. Die Zeiten von Silberbesteck oder Sektgläsern sind schließlich längst vorbei. Heute musst Du schon die Hochzeitsreise mitfinanzieren oder, wenn Du ganz großes Glück hast, ist dem Brautpaar deine Anwesenheit schon Geschenk genug.

Mit einer Gruppe von Freunden habe ich mich letztendlich für eine sogenannte "organische Box" entscheiden, eine Kiste mit verschiedenen, lokal angebauten Gemüsesorten darin. Das klingt prosaisch, aber was ist schon romantischer als ein Abendessen zu zweit? Erst recht, wenn es mit frischen, regionalen Saisongemüse gekocht wird und mit Bio-Zutaten. Ein Jahr lang nur Gemüse zu essen wäre doch schließlich ein guter Grundstein für eine jahrelange, von Gesundheit geprägter Ehe.

"Organische Boxen" auf dem Vormarsch

Mangold im Garten. Foto: Anne Thomas

Mangold ist einer der Favoriten der Berliner

In Zeiten, in denen kaum ein Monat vergeht ohne einen Lebensmittelskandal wie EHEC, Dioxin oder Salmonellen, erfreuen sich die organischen Boxen in Berlin großer Beliebtheit. Die Berliner können das Gemüse aus den Boxen mit reinem Gewissen essen, schließlich wissen sie, wo es herkommt und sie können sicher sein, dass diejenigen, die es geernet haben, keinen Hungerlohn dafür bekommen haben.

Ich entschied mich, mir auch eine eigene Box zu gönnen. In der ersten Woche füllte ich sie mit Karotten, Rote Bete, Frühlingszwiebeln, Tomaten, Salat und etwas, von dem ich noch nie gehört hatte – Selleriewurzeln.

Ich hatte zwar keine Ahnung, wie man es zubereitet, aber dank einiger Kochtipps aus dem Internet hatte ich schon bald ein Menü auf dem Tisch, dass sich in jedem Berliner Nobelrestaurant hätte sehen lassen können.

Selbstangebautes Gemüse im Trend

Micha, ein Freund von mir, kauft jede Woche eine organische Box. Er sagt, dass es eine große Herausforderung ist, damit zu kochen, schließlich sind auch sehr seltene Gemüse darin enthalten. Micha findet, am besten identifiziere man sich mit seinem Gemüse, wenn man auch ab und zu selbst Hand anlegt, um es zu ernten. So würde er mindestens dreimal im Jahr selbst auf den Acker gehen und sich die Hände schmutzig machen.

Bild Schrebergarten mit Rosen. Foto: dpa

Für viele Berliner unverzichtbar: Der Schrebergarten.

Dreimal im Jahr zu gärtnern, das wäre für viele Berliner längst noch nicht genug. Ihre Leidenschaft ist der Schrebergarten. Sie sind eine Institution in der Hauptstadt – nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie sogar notwendig, um die hungernde Bevölkerung zu ernähren. In Zeiten der Teilung waren sie für die Westberliner die nächstgelegene Möglichkeit, aufs Land zu fahren und die Ostberliner konnten das Mangelangebot an Gemüse in den Läden in ihrer "Datscha" ausgleichen.

Heutzutage gibt es rund 80.000 Schrebergärten in Berlin. Viele davon befinden sich rund um die ehemalige Grenze herum, und auch hier werden die verschiedensten Gemüsearten angebaut. Schrebergartenbesitzer Nick sagt: "Es ist so toll, ich esse meinen eigenen Salat, gerade erst geerntet, direkt zum Abendessen. Es ist so frisch."

Ein Acker mitten in der Stadt

Berlin als Stadt der Experimente und Kommunenprojekte geht noch weiter – denn Schrebergärten sind vielen doch zu individualistisch. Der neuste Trend lautet deshalb urbane Agrikultur. Eines der erfolgreichsten Beispiele ist der sogenannte "Prinzessinnengarten" im Multi-Kulti-Bezirk Berlin-Kreuzberg.

Prinzessinnengarten in Berlin. Foto: Prinzessinnengarten Berlin

Der Prinzessinnengarten steht mitten in Berlin-Kreuzberg.

Als ich an einem heißen Sommertag hierherkomme, führt mich einer der Gründer durch den Garten. Eigentlich, findet er, ist das Projekt ziemlich unspektakulär: "Wir wollten einfach nur Karotten, Tomaten und Kartoffeln anbauen und den Berlinern zeigen, wie viel Potential hier drin steckt". Das Gelände lag über 50 Jahre brach und dient jetzt als ein "Mini-Utopia", in dem die Menschen arbeiten, sich erholen, kommunizieren, aber auch leckeres, lokales Essen genießen können.

Das "unspektakuläre Projekt" war so erfolgreich, dass sie nun kleinere Gärten in der ganzen Stadt verteilt anlegen – in Häuser-Gärten, Universitäten oder Schulen, und sogar bei den Berliner Filmfestspielen.

Ich erfreue mich derweil an meiner leckeren organischen Box voller Gemüse – und an Einladungen zum Dinner von meinen vielen, frisch verheirateten Freunden.

Autor: Anne Thomas
Redaktion: Kate Bowen / Friedel Taube