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Kultur

Uralte Medizin und schnelles Geld

Die Ayurveda-Welle rollt ungebrochen – sowohl in Indien, als auch in Deutschland. Die Grenze zwischen ernsthafter Alternativ-Medizin und Scharlatanerie ist oft nur schwer zu ziehen.

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Mit dem Stirnguss zur völligen Entspannung

"Gottes eigenes Land" wird der indische Bundesstaat Kerala, ganz im Südosten des Subkontinents, von den örtlichen Tourismus-Werbern genannt – und wenn Gott ungefähr dieselben Vorlieben wie westliche Touristen haben sollte, könnte man sich vorstellen, dass ihm sein Land gefällt. Gott protzt in seinem Land nicht nur mit Stränden und Kokos-Palmen, sondern auch mit einem üppigen Kräutergarten.

Von "Biodiversität" schwärmen die Fachleute, "Gewürz-Küste" fiel einst den Kolonialisten angesichts der grünen Pracht ein: In Kerala gedeiht so ziemlich alles, was das Essen würzig macht – und den Körper gesund. Auf dem Human Development-Index der UNO misst sich Kerala bei Punkten wie Infrastruktur und Staatsfinanzen zwar mit den absolut ärmsten Staaten der Welt, in punkto Gesundheitsvorsorge und Sterblichkeitsrate steht Gottes eigenes Land aber auf dem Rang eines westlichen Industriestaates. Kerala ist die Heimat des Ayurveda.

Mann mit Boot in Kerala

Mann mit Boot in Kerala

Auf der Boom-Welle

In den letzten Jahren ist die Jahrtausende alte, ganzheitliche Philosophie des Ayurveda von einer enormen Boom-Welle erfasst worden. Ayurveda ist zu einem Markenzeichen von Kerala geworden - und zu einem Generator für den stetig wachsenden Strom von Touristen. Um fast acht Prozent nahm der Tourismus in Kerala seit 2001 zu - entgegen dem allgemeinen Trend der Branche. Und an ayurverdischen Therapie-Angeboten herrscht dort inzwischen wahrlich kein Mangel.

Im Windschatten von Yoga wurde Ayurveda aber auch in den Westen exportiert - vor allem nach Deutschland. Das deutsche Gesundheitswesen, allen voran die Bereiche Kur und Wellness, erkannte in Ayurveda neue Marktchancen - und nutzte sie. Heute gibt es Ayurveda in Kur-Kliniken, in Massage-Praxen, im Wellness-Bereich von Hotels oder in Kosmetik-Studios, unlängst lief ein Ayurveda-Film in den deutschen Kinos, es gibt einschlägige Restaurants und eine ganze Palette von Ayurveda-Produkten wie ayurvedische Tees, Öle oder auch Shampoos.

Philosophie und Scharlatanerie

Aus der uralten medizinischen Philosophie des Ayurveda ist vielfach eine reine Geschäftsidee geworden. Es ist bei der Fülle der Angebote schwer zu unterscheiden, wer es dabei auf das schnelle Geld abgesehen hat und wer sich ernsthaft der medizinischen Philosophie des Ayurveda verpflichtet sieht. Das ist in Indien nicht anders als in Deutschland. Zu letzteren gehören fraglos die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Ayurveda. 200 Ärzte zählen inzwischen zu dem 1983 gegründeten Dachverband – alles studierte Mediziner, die sich mit einem Zusatzdiplom die ayurvedische Medizin erarbeitet haben.

Den Boom des Ayurveda in der Wellness-Branche findet man bei den deutschen Pionieren und Gralshütern der reinen Lehre "nicht ganz so gut", sagt etwa Geschäftsführer Nikolas Hirschmann. "Ayurveda ist eben kein geschützter Begriff – leider". Jede Kosmetikerin könne irgendetwas anbieten und dies dann ayurvedisch nennen. Hirschmann nennt es beim Namen: "Das ist oft Scharlatanerie."

Seriöse Heilangebote seien für den Laien laut Hirschmannn "sehr schwer zu erkennen". Orientieren könne man sich noch am ehesten durch eine Ärzte-Liste, welche der Dachverband anbietet. Auf jeden Fall gehört zu einer seriösen Behandlung immer eine ausführliche Pulsdiagnose durch einen ayurvedisch ausgebildeten Arzt. Und mit einer ernsthaften Therapie kann man die meisten Wellness-Freunde wohl auch eher jagen als locken – so ist etwa bei vielen Behandlungen der tägliche Einlauf zur Reinigung unverzichtbar.

Aspirin und Valium

Ein Weg, den Missbrauch von Ayurveda einzudämmen, könnte ein Gütesiegel sein, doch der Weg dorthin sei noch "sehr, sehr weit", so Hirschmann. In Kerala gibt es so eine Kennzeichnung inzwischen. Dort kann man sich der Hilfesuchende inzwischen besser vor "ayurvedischen" Methoden wie folgender schützen, die laut "Spiegel" auf Sri Lanka angewandt wurde: Gestresste Westler ließen sich in einem dortigen Ayurveda-Ressort gegen Kopfschmerzen behandeln. Im Nu waren die Schmerzen zugunsten der Ruhe östlicher Weisheit verschwunden. Eine Schweizer Ärztin nahm die ayurvedische Wundermittel mit nach Hause und analysierte sie – und entdeckte in dem Kräuterbrei nur zerstampftes Aspirin und Valium.

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