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Kultur

Unwort des Jahres - ein Kommentar

Die respektlose Sprache ist eine Sache, die Beschuldigung gegen die Behörden eine andere. Schriftsteller Burkhard Spinnen ist gespalten angesichts der Entscheidung zum Unwort des Jahres, "Döner-Morde".

Um es knapp zu machen: Ich bin mit der diesjährigen Wahl zum Unwort des Jahres zur Hälfte einverstanden und zur Hälfte nicht.

Ich beginne bei meiner Zustimmung. Wer immer Worte prägt, die in der Öffentlichkeit wirken, trägt die volle Verantwortung dafür, dass sie kein diskriminierendes Potential enthalten. Das gilt auch bei der Gründung einer polizeilichen Sonderkommission, die eine Mordserie an türkischstämmigen Imbissbesitzern untersucht. Und es gilt auch für die Medien, die ein Schlagwort für ein Verbrechen prägen, über das zu berichten große Aufmerksamkeit garantiert.

Sprache und Respekt

Menschen müssen einander mit Respekt begegnen. Und insbesondere Minderheiten müssen davor geschützt werden, von Angehörigen der Mehrheit zu Sündenböcken oder Hassobjekten gemacht zu werden. Sprachliche Verkürzungen wie die Identifikation einer Nation oder eines Volkes mit ihrem Lieblingsgericht leisten solchen Entwicklungen gefährlichen Vorschub. Im vorliegenden Fall sind Menschen ermordet worden, keine gefüllten Teigtaschen. Ich selbst möchte in England nicht als "Kraut" bezeichnet werden, also verwende ich den Ausdruck Döner auch ausschließlich für das Gericht.

Das war meine Zustimmung. Nun zur Ablehnung. In ihrer Begründung rügt die Jury, dass der Begriff "Döner-Morde" von Polizei und Medien geprägt und verwendet worden sei, um von der politischen Dimension der Verbrechen abzulenken. Wörtlich heißt es: "Der Ausdruck steht prototypisch dafür, dass die politische Dimension der Mordserie jahrelang verkannt oder willentlich ignoriert wurde: Die Unterstellung, die Motive der Morde seien im kriminellen Milieu von Schutzgeld- und/oder Drogengeschäften zu suchen, wurde mit dieser Bezeichnung gestützt."

Unwort des Jahres: Döner-Morde

Unwort des Jahres: Döner-Morde

Das nun ist eine schwere Anschuldigung gegen die zuständigen Behörden, die meines Erachtens der Unwort-Jury nicht zusteht. Gerade sind zwei Ermittlungsausschüsse eingesetzt worden, die klären sollen, warum die Verbrechensserie nicht aufgeklärt oder die Taten gar verhindert werden konnten. Ich denke, es gehört zu den Grundsätzen des Rechtsstaates, die Prozesse und die Urteile seiner legitimen Institutionen abzuwarten. Sollten die Untersuchungen ergeben, dass der politische Hintergrund der Taten tatsächlich "willentlich ignoriert" wurde, so muss das zu schweren Strafen führen. Das steht außer Zweifel!

Versagen oder Schuld

Möglich ist allerdings auch, dass die Verantwortlichen "nur" versagt haben, ohne sich dabei schuldhaft verhalten zu haben. Das aber muss meines Erachtens geklärt werden, bevor man, wie jetzt die Jury zum "Unwort des Jahres", eine solche Anschuldigung derart prominent in die Welt setzt.

Mein Fazit: Ganz zu Recht prangert die Jury einen Ausdruck an, der ein ekelhaftes und gefährliches Gemisch aus Gedankenlosigkeit, hämischer Folklore und Quotensehnsucht ist. Bedenken aber habe ich gegen die Praxis einer Vorverurteilung in den Medien. Der Grundsatz, dass einer erst dann als schuldig gilt, wenn seine Schuld bewiesen ist, muss gelten. Und zwar für alle.

Autor: Burkhard Spinnen
Redaktion: Gabriela Schaaf

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Für die Deutsche Welle schreibt er regelmäßig sprachkritische Kolumnen.

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