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Wirtschaft

Unvorbereitete Landwirtschaft

Über die genauen Bedingungen des Beitritts zur Welthandelsorganisation sind sich viele Chinesen nicht im Klaren. Vor allem unter den Bauern ist wenig über die Folgen der Liberalisierung bekannt.

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Nicht jeden wird der WTO-Beitritt erfreuen

Fast die Hälfte aller Chinesen weiß laut Meinungsumfragen nicht, ob sich der WTO-Beitritt nun gut oder schlecht für sie auswirken wird.

Farbfernseher werden billiger

Bauer Liu Wufang kann mit dem Schlagwort "Liberalisierung" nur begrenzt etwas anfangen: "WTO, ja das weiß ich aus dem Fernsehen. Das wird China reicher machen, weil sie viele Zölle abschaffen. Dann kostet so ein Farbfernseher wie meiner, nur noch halb so viel." Liu Wufang ist 56 Jahre. Doch das entbehrungsreiche Leben hat tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben, die ihn viel älter wirken lassen. Seit er denken kann, baut er mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Peking Weizen und Mais an. Er hat schon viele Katastrophen erlebt. Die große Hungersnot, die proletarische Kulturrevolution in den 60er Jahre und zuletzt eine anhaltende Dürre. Seine Weizenfelder tragen gerade noch genug für den Eigenbedarf: "Fünf Mao, also 14 Pfennig zahlen die staatlichen Aufkäufer für ein Pfund Weizen. Und wie viel trägt schon ein halbes Mu (15 Mu sind ein Hektar)? Vielleicht 500 Pfund. Wenn es gute Äcker sind bis zu 1000 Pfund. Das reicht gerade für den Eigenbedarf. Geld kann man damit nicht verdienen."

Unrentable Landwirtschaft

Ein halbes Mu. Das stand jedem Familienmitglied zu, als China Ende der siebziger Jahre das Erbpachtsystem für die Bauern einführte. Lauter winzige Parzellen, die ohne Maschinen nicht gewinnbringend bearbeitet werden können. Dafür fehlt den meisten Bauern ebenso das Geld wie für besseres Saatgut. Auch Liu Wufang bearbeitet seine Äcker bis heute mit einem Esel und einem Pflug. Das ist mühsam und kaum lohnend. Der offizielle Durchschnittslohn eines chinesischen Bauern liegt unter 500 Mark im Jahr. Deshalb haben viele von Liu´s Nachbarn den Weizenanbau schon längst aufgegeben, haben ihre Felder verpachtet und sich Jobs als Tagelöhner gesucht: "Nach dem WTO-Beitritt werden noch viel mehr Bauern ihre Felder aufgeben. Die Preise für Getreide werden weiter fallen. Ich habe im Fernsehen gesehen, dass ein amerikanischer Bauer viele Hektar ganz allein bearbeitet, mit Computern, mit Maschinen und so. Aber wir in China haben noch keine solche Technik zur Verfügung."

Geduld hat Grenzen

Durch Feldarbeit ist bei uns noch keiner Millionär geworden, erklärt Bauer Liu. Er lebt von dem Geld, das seine beiden Kinder verdienen. Den Farbfernseher hat ihm seine Tochter geschenkt. Der Sohn ist Busfahrer in der Kreisstadt. Er bezahlt die Krankenhaus-Rechnungen und die Dachreparatur. Chinas Bauern sind harte Zeiten gewohnt. Doch auch ihre Geduld hat Grenzen, sagt Liu Wulfang: "Solange wir einfachen Leute genug zu essen haben, murren wir nicht. Geld ist nicht so wichtig. Aber wenn wir Hunger leiden, werden wir wütend. Ein bisschen Kleidung, ein voller Magen, nur damit kann man uns besänftigen." Doch wehe wenn nicht. 100.000 Proteste von chinesischen Arbeitern und Bauern zählte eine Hongkonger Menschenrechtsgruppe im vergangenen Jahr. In vielen Fällen half nur noch der Einsatz der Armee, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen.

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