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Kultur

Unvergessliches Traufest

Eine Hochzeit für 26 Paare – machen das nicht nur Sekten? In Lemgo haben das die katholische und die evangelische Kirchengemeinden organisiert und es war ein großes Fest. Antje Borchers berichtet.

Antje Borchers

Antje Borchers

Die Idee zu einem großen Traufest
Dies sind die Glocken von fünf Lemgoer Kirchen. Anfang Juni kündigten sie im ostwestfälischen Lemgo ein großes Fest an: das deutschlandweit 1. Ökumenische Traufest. 26 Ehepaare – zum Teil schon viele Jahre standesamtlich verheiratet – waren der Einladung ihrer Kirchengemeinde gefolgt und wollten sich nun auch kirchlich trauen lassen. Die Idee zu einem großen ökumenischen Traufest kam dem Lemgoer Pfarrer Rolf-Joachim Krohn-Grimberghe im Gespräch mit einem Ehepaar, das sich nach 25 Ehejahren noch kirchlich trauen lassen wollte, anlässlich seiner Silberhochzeit. Ob so was ginge?

Krohn-Grimberghe: „Ja, sagte ich, selbstverständlich. Das war für dies Paar aber gar nicht selbstverständlich. Und sie sagten, sie hätten auch noch befreundete Ehepaare, die fragten: Gibt es eigentlich ‘ne Möglichkeit, sich nachträglich noch kirchlich trauen zu lassen, wenn man früher den Zeitpunkt verpasst hat? Daraus ist die Idee entstanden: kann man nicht verheirateten Gemeindemitgliedern anbieten, sich auch noch später kirchlich trauen zu lassen?“

Der Ablauf des Traufestes
Gut zwei Jahre später wird die Idee wahr: Pfarrer Krohn-Grimberghe begrüßt die 26 Paare, die sich mit ihren insgesamt 800 Gästen auf dem Marktplatz von Lemgo versammelt haben. 26 Ehepaare lassen sich bei einem gemeinsamen Traufest kirchlich trauen. Aber ist das wirklich schön? Oder eher eine Massentrauung!? Rolf-Joachim Krohn-Grimberghe hat mit seinen evangelischen und katholischen Pfarrerkollegen genau diese Befürchtung im Vorfeld erörtert:

„So etwas hatte man irgendwie im Hinterkopf, hat man aus Asien schon mal gehört, dass da ganz viele Paare in Schwarz und Weiß getraut würden. Wie kann man das verhindern? Und dann war die Überlegung, dass man mit einem gemeinsamen Gottesdienst auf einem öffentlichen Platz beginnen möchte, aber dann die einzelnen Trauzeremonien in den jeweiligen Kirchen durchführen.“

Und genau so wird es beim Traufest gemacht. Nach dem Festgottesdienst mit Trauansprache ziehen die Paare jeweils mit ihrem Gemeindepfarrer in ihre Kirche. In der Kirche St. Nicolai traut Pfarrer Krohn-Grimberghe zusammen mit seinem Kollegen 16 von den 26 Paaren.

Krohn-Grimberghe: „Das war für Nicolai natürlich schon was ganz Besonderes, dass 16 Paare dort im Halbkreis saßen und einzeln getraut wurden. Jedes Paar wurde nach vorne gerufen, wurde nach seinem gegenseitigen Versprechen befragt und anschließend gesegnet. Und jedes Paar empfand das als einen ganz individuellen Vorgang. Und hat im Moment dann auch, so sagten sie mir hinterher, ganz ausgeschaltet, dass ganz viele Menschen in der Kirche waren und noch 15 weitere Paare.“

Während die Paare den Segen Gottes empfangen, räumen mehr als 30 ehrenamtliche Leute den Marktplatz um: Lemgos steinerner Saal wird zu einem Festsaal mit langen Festtafeln. Und dann kommen die kirchlich frisch getrauten Paare zurück zum Marktplatz. Alle strahlen, auch Maike und ihr Mann Gerald.

Die Gefühle der Paare
Maike: „Es ist so wunderschön geworden. Eine private Feier hätte auf keinen Fall so schön ausfallen können. Weil da nicht so ‘ne Beteiligung ist, wir sind ja auch nur eine ganz, ganz kleine Familie Und so haben wir ganz, ganz viele Gäste. Wir sind beide zufrieden, glücklich, ja, eindeutig.“

Maike und Gerald sind Anfang 50, sie sind seit zehn Jahren zusammen, sind aber erst ein halbes Jahr verheiratet. Die Erfahrung, wie zerbrechlich das Leben ist, wie wenig selbstverständlich, die hat sie bewogen, zu heiraten, aber nur standesamtlich. Denn sie wollten dann unbedingt beim kirchlichen Traufest dabei sein.

Maike: „Mein Mann hat ‘nen Schlaganfall bekommen im letzten Jahr. Als mein Mann in der Notaufnahme saß und ich ihn besucht hab, ham wir gesagt: So, jetzt! Für uns ist das schon sehr, sehr besonders. Einfach auch, dass wir noch zusammen sind.“

Vielleicht sind es gerade diese bewegenden Geschichten unter der Oberfläche, durch die ein Fest zu einem unvergesslichen Fest wird. Pfarrer Krohn-Grimberghe erhofft sich Nachahmer in anderen Kirchengemeinden, dass Kirche sich positiv in der Öffentlichkeit zeigt. Und – noch viel wichtiger: „... dass die Paare, die beteiligt waren, Kirche als einladend und offen erlebt haben, eben, dass ihre Gemeinde auf sie zukam und ihnen ein Fest angeboten hat, mit dem sie nicht gerechnet haben und für das sie ganz dankbar sind.“

Zur Autorin:
Antje Borchers ist Diplom-Medienwirtin und Journalistin. Sie betreibt eine Agentur für Kommunikation, Medienarbeit und Pressearbeit. Vorher hat sie viele Jahre als Chefredakteurin einer christlichen Jugendzeitschrift gearbeitet. Seitdem macht sie auch Radio, zum Beispiel Morgenandachten. Vorher war sie in Idstein/Taunus und hat dort als Gemeindediakonin die Jugendarbeit der evangelischen Kirchengemeinde geleitet. Sie wohnt mit ihrem Mann in Lemgo/Lippe.

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