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Aktuell Welt

Untreuer Papstdiener wollte Gutes tun

Paolo Gabriele, der Ex-Kammerdiener des Papstes, hatte eine Mission. Er wollte sich als "Verbindungsmann des Heiligen Geistes" gegen das Böse in der Kirche erheben, wie es in nun veröffentlichten Unterlagen heißt.

Die Anklage wirft Gabriele vor, vertrauliche Unterlagen vom Schreibtisch des Papstes gestohlen und einige davon an die italienische Presse weitergegeben zu haben. Darin ging es um ein angebliches Mordkomplott gegen Benedikt XVI. und um umstrittene Geschäfte der Vatikan-Bank IOR.

Die Ermittler haben aber noch mehr in Gabrieles Wohnung gefunden: einen Scheck über 100.000 Euro, den eine spanische katholische Universität für den Papst ausgestellt hatte, einen Goldklumpen und eine seltene Ausgabe von Vergils Aeneis aus dem Jahr 1581.

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Vatileaks vor Gericht

Finanzielle Interessen?

Was hatte Gabriele vor mit den Geschenken, die für den Papst bestimmt waren? Die Ermittler glauben nicht, dass er sich einen finanziellen Vorteil verschaffen wollte. Gabriele selbst gab an, dass die Gegenstände Benedikts XVI. bei ihm zuhause gefunden wurden, liege an seiner Unordentlichkeit. Der Scheck sei zusammen mit einem großen Stapel päpstlicher Unterlagen bei ihm gelandet. Er habe den Eindruck gehabt, der Papst werde falsch informiert über das, was um ihn herum geschehen sei. In den Akten ging es um Steuerprobleme, sexuellen Missbrauch von Kindern oder Verhandlungen mit "Kirchenrebellen", worüber Gabriele den Papst informieren wollte.

Unterwegs mit einer Mission

Als "Verbindungsmann es heiligen Geistes" habe er sich gegen das "Böse und die Korruption" erheben wollen, zitiert die Nachrichtenagentur Ansa den früheren Butler. "Ich habe mich immer für Geheimdienste interessiert und irgendwie war ich der Meinung, dass diese Rolle in der Kirche dem Heiligen Geist zufiel", sagte Gabriele. "In einer gewissen Weise habe ich mich als sein Werkzeug gesehen." Er sei sicher gewesen, dass ein Schock, auch über die Medien, heilsam sein könnte, um die Kirche wieder auf den richtigen Weg zu bringen.

Doch sein eigenmächtiges Handeln hat der Kirche monatelang negative Schlagzeilen beschert. Durch die Veröffentlichungen eines Enthüllungsjournalisten erfuhr die Öffentlichkeit plötzlich, welche Machtkämpfe und Intrigen sich im Umfeld des Papstes abspielen. Gabriele entschuldigte sich inzwischen schriftlich bei Benedikt XVI.

Vom treuen Diener zum Dieb

Paolo Gabriele arbeitete seit dem Jahre 2006 für den Papst. Er hat ihm seine Koffer gepackt für die apostolischen Reisen, hat ihn im Papamobil begleitet, durfte seine Aktentasche tragen und hatte ungehinderten Zugang zu den päpstlichen Gemächern. Im Rahmen der Ermittlungen wurde Gabriele psychiatrisch untersucht. Das Ergebnis: der Familienvater hat seelische Probleme, aber er ist schuldfähig. Aus seinem Umfeld im Vatikan war zu hören, er habe den Papst sehr geliebt und es sei unvorstellbar, dass er ihn verraten habe. Diesen Widerspruch zwischen seinem engen Verhältnis zu Benedikt XVI. und seinen Taten muss nun das Gericht bewerten. Gabriel drohen mehrere Jahre Haft. Allerdings könnte der Papst ihn begnadigen.

Gabriele war nicht allein

Zuerst hatten die Ermittler gedacht, Gabriele habe allein gehandelt. Doch nun hat das Gericht auch Anklage erhoben gegen einen Informatiker und engen Freund von Gabriele, Claudio Sciarpelletti. Der Vatikan hat den Mitarbeiter des Staatssekretariats vorübergehend von seinen Aufgaben beurlaubt. Allerdings sei er kein Komplize Gabrieles. Ihm wird lediglich vorgeworfen, die Ermittlungen behindert zu haben, sagte ein Vatikan-Sprecher. Deshalb dürfte ihn nur eine geringe Strafe erwarten. Er befindet sich auch nicht in Haft.

Ob es noch weitere Verdächtige gibt - das müssen die Untersuchungen ergeben. Und die Zusammenhänge der Vatileaks-Affäre sind auch noch nicht vollständig aufgeklärt. Sind Gabrieles Motive, zu denen er sich geäußert hat, überzeugend? Die Ermittler vermuten, dass Gabriele zunächst mit gutem Gewissen gehandelt hat, dann aber als Teil eines Komplotts manipuliert wurde. Dieses Komplott hatte offenbar zum Ziel, die Nummer zwei im Vatikan, Kardinal Tarcisio Bertone, zu stürzen.

cd/wa (dpa, dapd, afp, reuters, kna)

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