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Asien

Unterstützung für Taliban schwindet

Nur wenige Afghanen unterstützen heute noch die Ideologie der Taliban, sagen Experten. Es sei eine gute Zeit für die militanten Islamisten, jetzt in Friedensverhandlungen einzutreten.

Jahwed Rahimi war Schüler, als die radikalislamischen Taliban über Afghanistan herrschten. "Drei oder viermal wurde ich von Anhängern militanter Taliban-Gruppen verprügelt", erinnert sich der heute 32-Jährige aus der westlichen Provinz Ghor: "Sie schlugen mich, weil meine Haare zu lang geworden waren oder weil ich meinen Bart gekürzt hatte." Trotz dieser Erlebnisse ist Jahwed Rahimi überzeugt, dass die Taliban eine Chance erhalten sollten, sich in die Gesellschaft zu integrieren. "Sie müssten allerdings der Gewalt abschwören, die afghanische Verfassung und die Rechte der Frauen anerkennen und sich zu einer moderaten islamischen Gruppierung wandeln."

Während ihrer Regierungszeit zwischen 1995 und 2001 hatten die Taliban eine strenge Auslegung der islamischen Sharia-Gesetzgebung eingeführt und bestraften jeden hart, der diese Regeln brach. Sie verboten Mädchen, die Schule zu besuchen, führten öffentliche Hinrichtungen durch und boten Mitgliedern der Terrororganisation Al Kaida, allen voran deren Führer Osama Bin Laden, Unterschlupf. Die Taliban beherrschten etwa 90 Prozent des Landes, bis sie 2001 - nach den Anschlägen des 11. September und ihrer Weigerung, Osama Bin Laden auszuliefern - durch die Intervention von US-Truppen und der afghanischen "Nordallianz" zu Fall gebracht wurden.

Akzeptanz aus Not

Taliban in Afghanistan 1996 nach der Eroberung Kabuls (Foto: AP)

Von 1995 bis 2001 kontrollierten die Taliban fast ganz Afghanistan

"Während ihrer Regierungszeit waren die Taliban eine organisierte und weitgehend disziplinierte Einheit, die allerdings auch manche schweren Kriegsverbrechen begangen hat", meint die Afghanistan-Expertin Kate Clark Afghanistan vom Forschungsinstitut "Afghanistan Analysts Network" in Kabul. "Doch seit sie in der Opposition sind, greifen sie täglich Zivilisten an, töten viele von ihnen und glauben, sie haben das Recht dazu." Dies habe dazu geführt, dass heute viele Afghanen die Taliban ablehnen.

Das war nicht immer so: Nach dem Ende des kommunistischen, von der Sowjetunion gestützten Regimes geriet Afghanistan 1992 in einen Bürgerkrieg. Die sogenannten Mudschaheddin, die gegen die sowjetischen Besatzungstruppen gekämpft hatten, sollen in dieser Zeit Menschen aufgrund ihrer Volkszugehörigkeit umgebracht, Frauen vergewaltigt, Häuser ausgeraubt und Millionen Menschen zur Flucht gezwungen haben. Vor diesem Hintergrund waren viele Afghanen einverstanden, als die politisch-religiöse Gruppierung der Taliban 1995 unter ihrem Führer, Mullah Mohammad Omar, die Macht übernahm. Denn die Gotteskrieger versprachen Sicherheit und eine ruhigere politische Lage.

Mehr Ablehnung als Unterstützung

Afghanische Kämpfer der Nordallianz 2001 (Foto: DW)

Die "Nordallianz" half den US-Truppen, die Taliban zu stürzen

Doch die Taliban haben die Hoffnungen der Bevölkerung nicht erfüllt, weder als Regierung noch als Aufständische in der Opposition, sagt Universitätsprofessorin und Menschenrechtsaktivistin Humara Haqmal gegenüber der Deutschen Welle. Dies habe die hohe

Wahlbeteiligung

bei den jüngsten

Präsidentschaftswahlen

am 5. April bewiesen. "Trotz der Attentate im Vorfeld und der Drohungen der Taliban sind deutlich mehr Wähler als erwartet zu den Urnen gegangen. Dies zeigt, wie groß der Hass auf die Islamisten ist", so die Kabuler Politik-Professorin.

Die Drohungen hielten auch Vertreter anderer Aufstandsbewegungen nicht davon ab, am demokratischen Prozess teilzunehmen. Einer der Präsidentschaftskandidaten ist Qutbuddin Helal, früherer Anhänger der islamistischen Hisb-i Islami. Die Hisb-i Islami ist nach den Taliban die zweitstärkste Aufstandsbewegung in Afghanistan. Erste Hochrechnungen der Afghanischen Wahlkommission ergaben, dass Hilal rund 2,6 der gezählten Stimmen erhalten habe, heißt es aus Kabul. Experten glauben, dass auch heute noch einige Afghanen die Taliban unterstützen. "Diese Leute kritisieren seit Jahren die Politik der Regierung Karsai und lehnen die Präsenz ausländischer Truppen im Land ab", meint Afghanistan-Expertin Kate Clark. Doch auch sie ist überzeugt, dass die Mehrheit der Afghanen nicht daran interessiert ist, dass die Taliban wieder an die Macht kommen. "Afghanistan verändert sich Jahr für Jahr, und diese Veränderungen machen eine erneute Machtübernahme unwahrscheinlich."

Zeit für Friedensverhandlungen

Präsidentschaftskandidat Qutbuddin Helal (Foto: Picture Alliance/dpa)

Präsidentschaftskandidat Qutbuddin Helal war früher Anhänger der islamistischen Hisb-i Islami

Seit dem Ende des Taliban-Regimes hat die Regierung unter

Präsident Karsai

die Islamisten zwar immer wieder aufgefordert, die Waffen niederzulegen und in einen Friedensprozess einzutreten. Doch der aus dem Amt scheidende Präsident steht aufgrund seiner nachgiebigen Haltung gegenüber den Taliban - die er als "Brüder" bezeichnete - in der Kritik. Wakil Ahmad Muttawakil, früherer Außenminister unter den Taliban, wirft Karsai vor, ihm fehle die Bereitschaft zum Friedensprozess. "Wenn der Wille zu Verhandlungen da ist, dann wird es auch Verhandlungen geben. Doch es gab immer nur Versprechungen - die afghanische Regierung hat nicht genug unternommen", so der früherer Sprecher von Mullah Omar. Er hatte auch die Präsidentschaftswahlen als "unnormal und verfrüht" kritisiert. Seiner Ansicht nach hätte die Regierung erst "Friedensgespräche aufnehmen, die Verfassung anpassen und die ausländischen Kräfte loswerden" sollen.

Die Zeit für Verhandlungen sei günstig, meint Kate Clark. Anders als Muttawakil ist sie der Ansicht, der Ball liege nun bei den Aufständischen. Diese müssten ihren Willen zu Friedensverhandlungen deutlich machen. "Es ist eine gute Zeit für die Taliban, die Verhandlungen zu eröffnen. Sie könnten mit hoch erhobenem Kopf sagen: 'Die ausländischen Truppen verlassen Afghanistan in diesem Jahr. Wir haben sie besiegt'", so die Afghanistan-Kennerin. Doch solange es keine Ergebnisse im Friedensprozess gibt, solle der afghanische Staat sich so stark wie möglich machen und das Risiko, dass aufständische Gruppierungen an Popularität gewinnen könnten, möglichst klein halten. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass solche Gruppen nur dann an Raum gewinnen können, wenn der Staat zu schwach, zu korrupt und innerlich gespalten sei.

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