Unternehmen werden grüner - auch auf dem Papier | Wissen & Umwelt | DW | 09.02.2018
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Wissen & Umwelt

Unternehmen werden grüner - auch auf dem Papier

Bio, öko, grün - immer mehr Unternehmen produzieren schonend, nachhaltig, auch um dem Klimawandel entgegenzuwirken. Nachhaltigkeit ist modern und ein positiv besetzter Begriff. Doch was steckt dahinter?

Deutschland Elektromobilität | StreetScooter von der Post (DW/G. Rueter)

StreetScooter der Deutsche Post AG - selbst erfunden und zur Ausliederung in Serie gebracht

Schnell, einfach und kostengünstig: Mit der entsprechenden Software sollen Unternehmen, auch ohne besondere Kenntnisse, Berichte über Umweltstandards ihres Betriebes verfassen können. Das jedenfalls verspricht das Demo-Video einer Agentur, die eine Software anbietet, um Firmen dabei zu helfen, Nachhaltigkeitsberichte zu erstellen.

Seit 2017 gilt die Nachhaltigkeitsrichtlinie der Europäischen Union (EU). Diese verpflichtet vorerst börsennotierte Konzerne, Banken, Versicherungen mit mehr als 500 Mitarbeitern, Rechenschaft abzulegen über ihre Umweltstrategien, die Einhaltung der Menschenrechte und Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption. Inzwischen schießen die Anbieter, die entsprechende Berichte verfassen, wie Pilze aus dem Boden.

Margit Mederer-Lahntroch verfasst professionelle Nachhaltigkeitstexte seit der Zeit vor dem Boom. Anhand der reinen Daten bringt sie die sogenannten "nichtfinanziellen Informationen" in ein verständliches Format.

"Erste Nachhaltigkeitsberichte gaben Unternehmen in den 1990er Jahren heraus. Die Initiatoren sahen sich in der Verantwortung, Transparenz zu schaffen, wollten nicht nur den Gewinn im Geschäftsbericht darstellen. Die Dokumente sollten Aufschluss über Umwelt- und Sozialstandards geben, auch mit der Absicht, sich von Mitbewerbern abzugrenzen und um Aufmerksamkeit zu erregen." 

ÖkoControl unter den Pionieren der Nachhaltigkeitsdokumentation 

Einer von Mederer-Lahntrochs Kunden ist ÖkoControl. Die Mitglieder des Verbandes ökologischer Einrichtungshäuser vertreiben hochwertige Möbel und Küchen aus Massivholz, Polstermöbel sowie Matratzen und Bettwaren und schufen eine Definition von Qualitätsstandards für ökologische Einrichtungen.

"Unsere Mitglieder definieren, wie Möbel beschaffen sein müssen, um sie als ökologisch einzustufen. Und die Hersteller müssen Möbel und Materialien bei unabhängigen Instituten prüfen lassen", erläutert Otto Bauer, ÖkoControl-Geschäftsführer, die Rahmenbedingungen: "Unsere Lieferanten geben freiwillig Auskunft über Produkte und Produktion."

Symbolbild - Holzverarbeitung (Imago/Mint Images)

Wo gehobelt wird fallen Späne - Aus Massivholz gefertigte Möbel sind nachhaltiger als Spanholzmobiliar

Das Holz sollte aus nachhaltiger europäischer Forstwirtschaft stammen und mit einem Siegel versehen sein. Es wird nur mit Ölen und Wachsen auf natürlicher Basis behandelt. Denn Schadstoffe in Möbeln, Textilien, Farben, Lacken und Baustoffen können Kopfschmerzen und Schlafstörungen verursachen und das Raumklima verschlechtern.

Die Händler setzen auf hochwertige Materialien, gute Verarbeitung und zeitloses Design. Dadurch sollen die Möbel lange halten, um am Ende ihrer Lebenszeit thermisch und stofflich wiederverwertet werden zu können. Die Transportwege sind kurz zu halten. Die Lieferanten produzieren dort, wo es ein Recht auf Arbeitnehmervertretung gibt und engagieren sich aktiv für den Umweltschutz.

GoGreen - Grüne Logistik und eine Mission

Die Deutsche Post/DHL betrachtet Nachhaltigkeit als eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Logistik gehört zur Kernkompetenz des DAX-Konzerns. Grüne Logistik. Und damit ist es nur logisch, dass sich der Global Player eigene Klimaschutzziele gesetzt und eine eigene Nachhaltigkeitsstrategie verfasst hat unter dem Logo "GoGreen": "Wir wollen wir bis 2050 alle logistikbezogenen Emissionen auf null reduzieren", steht im Nachhaltigkeitspapier zu lesen. 70 Prozent der Post und Waren werden bis dahin mit Fahrrädern und E-Fahrzeugen ausgeliefert, um den Ausstoß von Luftschadstoffen lokal zu reduzieren. Zum Schutz internationaler Wälder lässt der Konzern jährlich eine Million Bäume anpflanzen. 

Alles nachhaltig, oder was?   

"Das ist praktizierte Nachhaltigkeit", sagt Margit Mederer-Lahntroch "Der Begriff stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft, war eine Maßnahme gegen bedrohlichen Kahlschlag und fordert dazu auf, dem Wald nur soviel Holz zu entnehmen, wie nachwachsen kann." Die Texterin hält Vorträgen über Nachhaltigkeitsberichterstattung, die eine Visitenkarte des Unternehmens darstellt. 

Immerhin kann inzwischen beinahe jeder Zweite in Deutschland etwas mit dem Wort Nachhaltigkeit anfangen - in Bezug auf Umweltschutz und Umweltbewusstsein. Noch im Jahr 2000 kannten einer Studie des Bundesumweltministeriums zufolge gerade einmal 13 Prozent der Befragten den Begriff Nachhaltigkeit.  

Der Möbelgigant Ikea zum Beispiel hat sich lange geweigert, das Thema Nachhaltigkeit anzugehen. Die Geschäftsführung sprach von einer "unendlichen Liste", die man stetig erweitere. Nach Medienberichten über Schadstoffe, die Produktion von Billy-Regalen in DDR-Gefängnissen und Kinderarbeit, gab der Konzern bekannt, die "komplette“ Nachhaltigkeit anzustreben.

Die Deutsche Post/DHL betreibt die ökologischen Maßnahmen mit dem klaren Bekenntnis, "dass wir durch den Beitrag, den wir für die Gesellschaft und den Erhalt der Umwelt leisten, auch den unternehmerischen Erfolg vergrößern."

IKEA Umwelt Vorzeigehauses in Kaarst (IKEA)

Von Grün umgeben, mit Solarmodulen auf dem Dach: Ikeas ökologisches Vorzeigehaus in Kaarst/ Düsseldorf

Immer mehr Konsumenten achten auf Umweltstandards bei Putzmitteln, Kosmetik, Kleidung und Möbeln, schauen gezielt nach Öko- und Fairtrade-Siegeln auf Verpackungen und ethischer Unternehmenskultur. Oder sie schauen gezielt nach Nachhaltigkeitsaktivitäten der Anbieter. 

Verpflichtung für Unternehmen von "öffentlichem Interesse"

Sogenannte Stakeholder - wie Eigentümer, Kunden, Lieferanten, Kapitalgeber, Mitarbeiter, Partner, Politik und Verbände - haben berechtigtes Interesse an der Dokumentation ökologischer und sozialer Standards. Denn zunehmend wird von Unternehmen und Organisationen erwartet, dass sie Verantwortung für ihr Handeln und Wirtschaften übernehmen. 

"Wenn sie nichts zu verbergen haben, sollten die Firmen dieses Feld nicht Ihren Mitbewerbern überlassen, sondern zeigen, wie sie mit Mensch und Umwelt umgehen und welche gesellschaftliche Verantwortung sie übernehmen", sagt Kommunikationsprofi Mederer-Lahntroch. Sie rät Unternehmen, die Nachhaltigkeit ernst zu nehmen, den Bericht zu verbreiten: auf der Homepage, durch Online-Pressearbeit und via Social Media. 

Margit Mederer-Lahntroch, Texterin und Inhaberin der Werbeagentur pr-textundkonzept in Köln (Privat)

Margit Mederer-Lahntroch erstellt Nachhaltigkeitsberichte : "Tue Gutes und sprich darüber"

Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) erstellt Rankings aufgrund der Berichte und zeichnet Großunternehmen sowie kleine und mittlere Unternehmen aus, die Ressourcen schonen, die Biosphäre entlasten und gutes Leben ermöglichen. Beim IÖW sind Wissenschaftler mit der Beratung politischer Entscheider, Landwirten oder Nichtregierungsorganisationen beschäftigt. Nachhaltige Unternehmensführung, klimaschonende Energiesysteme, neue Technologien oder nachhaltiger Konsum soll sich positiv auf die Arbeit mit internationalen Partnern und Auftraggebern wie der Europäischen Union auswirken.

Nachhaltigkeit kein ökologischer Luxus oder Zeiterscheinung

Auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex (DNK) und der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) können sich über mangelndes Interesse nicht beklagen. Nachhaltigkeit wird in das Kerngeschäft integriert. Treiber sind die gesetzlichen Vorgaben. Für Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung, ist die Nachhaltigkeitsberichterstattung mit einem Wettbewerbsvorteil für Unternehmen verbunden. "Nur, was ich messe, kann ich managen, nur worüber ich mich mit anderen in standardisierter Kommunikation austauschen kann, kann ich mit Kunden und Zulieferern in diesem Sinne kooperieren." Der DNK überprüft die Berichte nach 20 Kriterien und Leistungsindikatoren.

In größeren Unternehmen beschäftigen sich ganze Abteilungen mit dem Thema Nachhaltigkeit. Das DNK-Büro bietet entsprechende Schulungen sowie Leitfäden in deutscher und englischer Sprache an.

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