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Wirtschaft

Unternehmen mit Weitblick

Wer älter als 50 Jahre ist und seinen Arbeitsplatz verliert, hat oft schlechte Chancen auf einen neuen Job. Doch die Generation 50+ muss nicht unbedingt zum alten Eisen gehören.

Der demographische Wandel, die zunehmende Alterung der Gesellschaft in Deutschland, hinterlässt auf dem Arbeitsmarkt seine Spuren. Zunehmender Nachwuchs- und Fachkräftemangel stellt die Unternehmen in der Personalpolitik vor neue Herausforderungen. Hatten viele Chefs jahrelang vor allem die Attribute "jung" und "dynamisch" bei der Einstellung neuer Arbeitskräfte im Blick, so kann man inzwischen ein Umdenken beobachten.

Mit handwerklicher Tradition gegen den Strom

Der Solinger Unternehmer Frank Daniel Herder hat dieses Umdenken nicht nötig. Vier von zehn seiner insgesamt 70 Angestellten sind älter als 50. Ihre Arbeit steht ganz im Zeichen der Handwerkskunst des Messerschleifens, die Solingens weltweiten Ruf als Stadt der Messer begründete.

1872 in Solingen gegründet: Die Messer-Manufaktur Herder (Foto: DW/M. Böhm)

1872 in Solingen gegründet: Die Messer-Manufaktur Herder

Urgroßvater Robert Herder hatte die Manufaktur 1872 im Solinger Stadtteil Ohligs gegründet. Über 140 Jahre danach werden an gleicher Stelle noch immer Messer unter dem vom Firmengründer gewählten Markenzeichen der Windmühle hergestellt. Das Credo damals wie heute: Gute Messer werden von Hand gemacht.

"Wir sind überzeugt, dass wir durch unsere Handarbeit bessere und sorgfältiger gefertigte Messer herstellen als andere Hersteller in moderner Massenproduktion", sagt Frank Daniel Herder, der Urenkel des Firmengründers. Zusammen mit seiner Cousine führt er das Familienunternehmen inzwischen in vierter Generation, und die fünfte stehe schon in Startlöchern.

Frank Daniel Herder (l) spricht mit einem Gesellen (Foto: DW/M. Böhm)

Der Chef (l.) im Gespräch mit einem Gesellen

Dabei schien das Handwerk des Messerschleifens lange Zeit dem Untergang geweiht. Seit 1969 wurde der Fachberuf in Solingen nicht mehr ausgebildet. Herder ist deshalb stolz, dass es seit kurzem wieder eine zweijährige Berufsausbildung gibt und es so gelungen ist, das Handwerk am Leben zu halten. In der Regel würden alle Lehrlinge, nach erfolgreicher Ausbildung auch übernommen, betont Frank Daniel Herder.

Preiswürdiges Engagement für 50+

Trotzdem ist auch mit einer abgeschlossenen Lehre noch kein perfekter Messerschleifer vom Himmel gefallen. Bei der Fertigung von Herders Windmühlenmessern sei sehr viel Feingefühl, Geschick und ein gutes Auge nötig, erklärt der Geschäftsführer seine hohen Qualitätsansprüche. Keiner könne dies den Jungen am Arbeitsplatz besser vermitteln als die alten Kollegen, die das Handwerk von der Pike auf gelernt und über Jahrzehnte zur Perfektion gebracht haben.

Karl Heinz Zickel bei der Arbeit (Foto: DW/M. Böhm)

Im Alter noch gefragt: Karl Heinz Zickel

Und so hat man in diesem Betrieb sogar mit über 70 noch eine lohnende Aufgabe. Zum Beispiel Karl-Heinz Zickel. Mit 13 ging er bereits in die Lehre, mit 58 wurde er arbeitslos. Bei Herder bekam er dank seiner fachlichen Kompetenz eine neue Chance. Inzwischen ist Zickel längst Rentner. Aber er kommt noch immer zwei Tage in der Woche zur Arbeit und kümmert sich mit Rat und Tat um den Nachwuchs. "Das klappt ganz gut", sagt er stolz. Drei junge Leute habe er bereits mit Erfolg ausgebildet. Eine gute Basis, meint Zickel, so dass langsam daran denke, "vielleicht nächstes oder übernächstes Jahr ein bisschen ruhiger zu treten."

Die Solinger Robert Herder GmbH & COKG ist nur ein Beispiel dafür, dass von einer klugen Personalpolitik und einer gesunden Mischung von Jung und Alt in der Arbeitswelt alle Seiten profitieren. Der Betrieb wurde deshalb mit dem Preis „Unternehmen mit Weitblick 2014“ ausgezeichnet. Die Auszeichnung wird jährlich von Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Rahmen des Förderprogramms „Perspektive 50plus – Beschäftigungspakte für Ältere in den Regionen“ verliehen. Auf einer Festveranstaltung am 10. April in Berlin wurden insgesamt 77 Firmen aus allen Regionen Deutschlands für ihr Engagement bei der Beschäftigung älterer Menschen geehrt.

Erfolgsprogramm mit Verfallsdatum?

Mit ihren Jobcentern und Vermittlungszentren sind die richtigen Ansprechpartner direkt vor Ort. Speziell geschulte Teams kümmern sich ausschließlich um die Vermittlung älterer Langzeitarbeitsloser. Ziel ist es, die Betroffenen gemeinsam mit Bildungseinrichtungen wieder für eine dauerhafte Beschäftigung fit zu machen. Letztes aber ebenso wichtiges Glied in der Kette sind die Unternehmen. Das vom Bundesarbeitsministerium initiierte und geförderte Programm "Perspektive 50plus" berät und unterstützt sie zum Beispiel bei der Einarbeitung und Ausbildung, der Gestaltung altersgerechter Arbeitsplätze einschließlich finanzieller Zuschüssen.

Die Erfolge können sich sehen lassen. Nach Angaben des Arbeitsministerium konnte mehr als jeder vierte ältere Langzeitarbeitslose durch das seit 2005 laufende Förderprogramm in eine vermittelt werden. Allein in der zweiten Programmphase von 2010 bis 2012 waren das 106.500 Menschen, denen somit eine neue berufliche Perspektive eröffnet und damit ein Leben in Abhängigkeit von staatlichen Almosen erspart wurde. Allerdings ist das Programm auf zehn Jahre befristet. Ende 2015 soll damit Schluss sein. Ob das Problem der älteren Menschen ohne Job bis dahin gelöst sein wird, darf bezweifelt werden. Auch der Fachkräftemangel dürfte angesichts des demografischen Wandels eher zunehmen und der Erfahrungsschatz der Alten nicht weniger gefragt sein als heute.

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