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Tipps & Themen

Unterirdische Stadtführung in Berlin

Berlin ist eine Stadt voller Geschichte, gepflastert mit Sehenswürdigkeiten. Dass es davon auch unter der Oberfläche einige gibt, zeigt der Verein Berliner Unterwelten.

Menschen mit gelben Helmen in unterirdischem Raum (Foto: Berliner Unterwelten)

Stadtführung unter der Erde

Um in einen Bunker zu gehen, ist das Wetter an diesem Berliner Spätwinternachmittag eigentlich viel zu schön. Eine 20-köpfige Gruppe hat sich trotzdem vor dem einschüchternd riesigen Koloss in der Kreuzberger Fichtestraße versammelt. Von Schwäbisch bis Berliner Schnauze ist alles dabei: Hipster, Rentner und eine Familie aus den Niederlanden. "Packen Sie sich für die nächsten 90 Minuten warm ein, da drinnen ist es immer kalt", sagt Sascha Keil zur Begrüßung. Er trägt Mütze, dicke Jacke und eine leuchtend orangene Warnweste, auf der "Berliner Unterwelten" steht. "Wenn Sie die irgendwann mal nicht mehr sehen, haben Sie ein Problem", sagt Keil und grinst. "Da drin sind 800 Räume - alleine rausfinden ist gar nicht so leicht." Und dann geht es hinein in die fensterlose Welt aus Geschichte und Beton.

Unsichtbares Berlin

Keil in seiner Warnweste lehnt an der Beton-Außenwand des Bunkers (Foto: dw)

Der Historiker und der Bunker: Sascha Keil

"Berlin wurde fast genauso nach unten wie nach oben gebaut", sagt Keil. Versorgungsschächte, vergessene U-Bahnstrecken, Brauereigewölbe, Agententunnel, Schutzräume und ohne Ende Bunker. Alleine im Zweiten Weltkrieg wurden in der damaligen Reichshauptstadt über 1500 Luftschutzbunker gebaut. "Es gibt da unten buchstäblich hunderte Orte", sagt Keil. Und er ist einer von denen, die ziemlich viele davon kennen.

Der gemeinnützige Verein Berliner Unterwelten e.V. hat seit 1997 einige dieser spektakulären, geschichtsträchtigen, oft vergessenen Orte wieder zugänglich gemacht. Sie zeigen ein anderes, verborgenes, oft ein wenig unheimliches Berlin. Ihre Touren erzählen vom schnellen Aufstieg der deutschen Hauptstadt, von Zerstörung, Teilung, Wiedervereinigung. Das Konzept kommt an: 280.000 Besucher ließen sich 2011 in die Berliner Unterwelten führen. Tendenz steigend. 2012 sollen es 300.000 werden. Gut ein Drittel der Gäste kommt aus dem Ausland. Die 13 regelmäßigen Führungen des Vereins werden inzwischen in zehn Sprachen angeboten. Auch Niederländisch ist dabei.

30.000 Menschen im Bunker

"Hier in der Fichtestraße kann ich 130 Jahre Stadtgeschichte lebendig machen", sagt Keil in der ehemaligen Krankenstation des Bunkers. Seine Augen leuchten, wenn er die Baugeschichte des Gasometers erzählt, der dann in der Nazizeit zum "Mutter-Kind-Bunker" umgebaut wurde. 6500 Frauen und Kinder sollten hier hinter drei Meter dickem Beton Schutz vor Luftangriffen finden. Keil kann packend erzählen. Wenn er die Zustände schildert , als sich gegen Kriegsende mehr als 30.000 zum Überleben in den Bunker drängten, ist es unter den Besuchern still. Man versteht, wie es gewesen sein muss, hier eingezwängt zu sein, unter dem ständigen Surren der Lüftung und dem Dröhnen der Bomber.

Bunkergang (Foto: Berliner Unterwelten)

"Hier kann ich Geschichte lebendig machen", sagt Sascha Keil vom Verein Berliner Unterwelten

Die Freiwilligen der Berliner Unterwelten haben hier in ungezählten Arbeitsstunden Räume wiederhergerichtet, Zeitzeugeninterviews geführt, in Archiven gewühlt, Wandbeschriftungen freigelegt, Gänge begehbar gemacht. Sie fanden auch einen rostigen Schiffsdiesel, Jahrgang 1942. Er diente als Notstromaggregat und zur Frischluftzufuhr. Sie haben ihn wieder zum Laufen gebracht - trotz der sowjetischen Maschinengewehrkugel, die noch drinsteckt.

Ein richtiger Zeitspeicher

Natürlich geht das alles nur mit dem Enthusiasmus, den auch Sascha Keil ausstrahlt. Der studierte Historiker ist schon einige Jahre bei den Berliner Unterwelten dabei, inzwischen sogar hauptamtlich. Dafür hat er seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag aufgegeben. "Der Boden unter Berlin ist ein richtiger Zeitspeicher. Hier Geschichte greifbar zu machen - das ist es einfach für mich", sagt Keil. Er träumt schon vom nächsten Projekt der Berliner Unterwelten: Die Welt unter dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof. "Da gibt es kilometerlange Gänge auf sechs unterirdischen Ebenen", schwärmt Keil.

Die Familie im Fichtebunker (Foto: dw)

Fanden es "beeindruckend" im Bunker: Bart, Rik, Ingrid und Tom

Ingrid Willems hat die ganze Tour für ihre Söhne Rik und Tom übersetzt. "Die beiden können noch kein Deutsch", sagt sie und lächelt entschuldigend. Sie sagt, sie habe von der Berliner Unterwelt im Netz gelesen - unter den zehn Dingen, die man in Berlin unbedingt machen müsse. Dass es auch Touren in Niederländisch gibt hat sie übersehen. "Macht ja nichts", sagt ihr Mann Bart van Sloun. Er fand die Tour sehr beeindruckend. "Hier kann man sich richtig vorstellen, wie es gewesen sein muss." Und er habe nebenbei noch "deutsche Gründlichkeit" gelernt, sagt er.  "Wie der Bunker organisiert war, aber auch wie der Verein das macht.“ Er meine das positiv, schickt er hinterher.

Tatsächlich geht der Verein gründlich vor, auch was persönlichen Einsatz angeht: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der riesige Bunker bis in die 1960er Jahre hinein als Wohnheim genutzt. Bis 1988 wurden dann Lebensmittel für die Senatsverwaltung eingelagert - für den Fall, dass es nochmals zu einer sowjetischen Blockade Berlins kommen sollte. Vor einigen Wochen haben Mitarbeiter der Berliner Unterwelten in einem der Räume des Fichtebunkers noch 120 Dosen Ölsardinen aus diesen Betänden gefunden. "Meine Kollegin hat sie sofort probiert“, sagt Keil. "Es hat ihr nicht geschadet. Samstags führt sie die Tour durch den Fichtebunker."

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