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Asien

"Untergang" von Chinas Großstädten

"Shanglantis" wird die Millionenstadt Shanghai derzeit scherzhaft von chinesischen Medien genannt. Der Grund dafür ist allerdings besorgniserregend: Über 50 Städte drohen zu versinken.

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China Shanghai Fluß Wasser

Risse an Gebäuden, verformte U-Bahn-Trassen, instabiler Untergrund – die 16-Millionen-Stadt Shanghai hat Probleme, große Probleme. Erst im Februar hat sich eine acht Meter lange Erdspalte unweit vom Shanghai-Tower, einem Wolkenkratzer im Finanzbezirk Pudong, aufgetan. Nach Messungen des Geologischen Instituts Shanghai sinkt die Stadt jährlich um sieben Millimeter ab. Seit 1965 soll sich der Boden bereits um 110 Millimeter abgesenkt haben, berichtet das chinesische Magazin Caixin. Dennoch entstehen in der Stadt immer mehr Wolkenkratzer. Heute liege Shanghai rund drei Meter tiefer als noch vor hundert Jahren, so das Magazin Caixin. Millionen Einwohner der "Stadt über dem Meer", wie Shanghai wörtlich übersetzt heißt, sind um ihre Sicherheit besorgt.

50 Städte in China versinken

Nicht nur Shanghai hat mit diesem Phänomen zu kämpfen. Wie das chinesische Ministerium für Land und Ressourcen kürzlich meldete, drohen mehr als 50 chinesische Städte zu versinken. Betroffen sind besonders die großen Städte mit hohem Wasserverbrauch, wie etwa Beijing, Tianjin, Hangzhou und Xian. Besonders stark trifft es Regionen am Delta des Yangtse-Flusses, am dicht besiedelt Fenwei-Becken in der Shanxi-Provinz und in den Tiefebenen Nordchinas. Nach Regierungsplänen soll durch massive Gegenmaßnahmen bis 2015 das weitere Absinken der Städte erreicht werden.

Eine geologische Studie, die letzte Woche im Auftrag der chinesischen Regierung veröffentlich wurde, nennt die Gründe für das Absacken der Städte: Die tonnenschwere Last der unzähligen Hochhäuser und das Abpumpen des Grundwassers. Schon 2003 zeigte eine Studie des Geologischen Institutes Shanghai, dass der weiche Boden des urbanen Siedlungsraums das Gewicht der über 3.000 Bauwerke mit mehr als 18 Stockwerken nicht tragen kann. Besonders im Finanzdistrikt Pudong, dessen Skyline mit den meisten Hochhäusern die Welt beeindruckt, senkt sich der Boden an manchen Stellen drei bis sechs Mal stärker als in der Innenstadt. Die Stadtverwaltung schränkte damals den Bau weiterer Wolkenkratzer ein – gegen den Willen der Immobilienhändler.

"Aufpolstern" mit Wasser

Ein chinesischer Bauarbeiter blickt in die Kamera. Im Hintergrund stehen Baukräne. (Foto: AP)

Sinkende Städte? Chinas Bauboom geht weiter.

Die chinesische Hauptstadt Beijing begegnet dem Problem inzwischen mit kostenintensiven Maßnahmen. Nicht nur soll die Nutzung des Grundwassers erheblich eingeschränkt werden, es sollen auch tausende Liter Wasser täglich in den Untergrund gepumpt werden, um den Druck auf die ausgehöhlte Erde zu verringern. Die nordchinesische Stadt Tianjin hatte das Problem schon Mitte der 80er Jahre erkannt. Durch Reduzierung des Grundwasserverbrauchs konnte das jährliche Absinken von 80 Millimeter auf 20 Millimeter reduziert werden.

Friedrich Kühn von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) hält das "Aufpolstern" der Städte mit Wasser jedoch für nicht allzu effizient: "Wenn Teile einer Stadt bereits zwei bis drei Meter abgesunken sind, dann kann man die Gesamtabsenkung durch das Einpumpen von Wasser sicherlich nicht mehr umkehren." Die wirtschaftlichen Schäden durch das Absinken der Städte seien als Spätfolgen ein großes Problem. "Es verschwinden Straßen und Verkehrsinfrastrukturen. Wohnflächen werden zerstört. In Einzelfällen ist es auch nicht ausgeschlossen, dass Häuser zum Einsturz kommen können. Wenn das Haus schon beschädigt ist und es zu einem Erdbeben kommt, kann das durchaus zu Problemen führen." Lösen könne man das Problem nur, wenn man die Art der Grundwassernutzung ändere, also nur so viel Grundwasser nutze, wie auf natürlichem Wege nachfließe. In allen deutschen Städten ist das vorgeschrieben.

Die Stadt Shanghai gibt jedes Jahr mehrere Millionen Euro aus, um Wasser in den Untergrund zu pumpen, berichtet das chinesische Staatsfernsehen CCTV. Doch der Bauboom hält weiter an.