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Asien

Unterdrückung in Marmor und Jade

Ai Weiwei hätte ein staatlich protegierter Star werden können. Stattdessen prangert er Chinas Repressionsapparat an. Eine Berliner Ausstellung ehrt den politischen Künstler und künstlerischen Aktivisten.

Es gibt Künstler, die haben einen Anhang, einen Namenszusatz, der jedesmal mitgenannt wird, wenn über die Person gesprochen wird. Ai Weiwei ist so ein Künstler, sein Namenszusatz ist "Dissident": Ai Weiwei, der Künstler und Dissident. Seit Jahren legt sich Ai Weiwei mit der chinesischen Regierung an. Ai kritisiert die Kommunistische Partei und der Apparat reagiert mit Überwachung, Haft, Hausarrest und Reiseverboten. Einem breiten Publikum im Westen dürfte er vor allem in diesem Zusammenhang bekannt sein.

Handschellen und Gefängniszelle

Handschellen aus Jade, Ai Weiwei Ausstellung in Martin-Gropius Bau Berlin 01.04.2014 (Foto: AFP)

Handschellen aus Jade

Im Martin-Gropius-Bau, wo von Donnerstag (03.04.2014) an eine große Retrospektive des Künstlers zu sehen ist, ist der chinesische Repressionsapparat deshalb äußerst prominent vertreten. In der Eingangshalle empfängt den Besucher eine marmorne Überwachungskamera. In der Ausstellung kann man eine Nachbildung der Zelle sehen, in der Ai 81 Tage inhaftiert war. Den Schutt seines Ateliers in Shanghai, das die Stadtbehörden 2010 abreißen ließen, hat er in einen hölzernen Rahmen gepresst und "Souvenir from Shanghai" genannt. Und die Handschellen, mit denen er während zahlreicher Verhöre an einen Stuhl gefesselt wurde, sind zwei Räume weiter in einem Glaskasten zu sehen - aus Jade nachgebildet. "Manchmal wirft man ihm geradezu vor, dass er ein politischer Aktivist sei", sagt Gereon Sievernich, der Direktor des Martin-Gropius Baus. "Wir haben gesagt: Wir drehen das um." Die Ausstellung trägt den Titel "Evidence" - Beweismaterial.

Die edelsteinernen Handschellen vereinen vieles, was Ai Weiwei zum Publikumsstar macht: eine klare Haltung, Ironie und eine leicht verständliche Formensprache und Aussage. Die deutsche Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die die Ausstellung eröffnen darf, wagt sich dann auch weit vor: "In der Wahl seiner Mittel und der politischen Relevanz seines Wirkens ist Ai Weiwei der modernste und gegenwärtigste Künstler unserer Zeit." Im Gropius-Bau rechnet man mit einem Besucherstrom, der in die Hunderttausende geht. Und der dürfte auch in der Kalkulation berücksichtigt sein. Denn die großen Industriekonzerne, die sonst die populären Ausstellungen in dieser Berliner Institution sponsern, haben sich diesmal aus Rücksicht auf ihr China-Geschäft vornehm zurückgehalten.

Die Zerstörung der Tradition als Hauptmotiv

Installation '81, Ai Weiwei Ausstellung in Martin-Gropius Bau Berlin 01.04.2014 (Foto: AFP)

Installation '81'

Dabei hätte Ai Weiwei durchaus die Möglichkeit zu einer Karriere als Staatskünstler gehabt. In den achtziger und frühen neunziger Jahren lebte Ai zehn Jahre lang in New York. Dort kam er mit der internationalen Kunstszene in Berührung, orientierte sich an Klassikern der westlichen Moderne wie Marcel Duchamp. Die Ausstellung zeigt auch einige Werke aus dieser Zeit. Der "Einmannschuh", ein Herrenschuh, von dessen Absatz in beide Richtungen eine Spitze abgeht etwa. Die Ironie und Verspieltheit, die darin zum Ausdruck kommt, verbindet diese frühen eher unpolitischen Werke mit seiner aktuellen politischen Kunst.

1993 kehrte Ai Weiwei nach Peking zurück, zu dem Zeitpunkt, als das chinesische Wirtschaftswunder Fahrt aufnahm. Von da an taucht in seinem Werk immer wieder die Zerstörung der Tradition als Motiv auf, bis heute eins der Hauptthemen des Künstlers. Berühmt geworden ist ein Foto des Künstlers, der eine antike chinesische Vase fallen lässt. Dieses Werk kann man in Berlin nicht sehen. Auf zerstörte Ming-Vasen müssen die Besucher dennoch nicht verzichten. Für die Berliner Ausstellung hat Ai die antiken Kostbarkeiten mit Autolacken in knalligen Metallicfarben überzogen - eine Anspielung auf die Farben der Luxuskarossen, in denen sich Chinas Neureiche durch Pekings Stau kämpfen. Der Stau selbst, oder vielmehr die aus ihm resultierende Luftverschmutzung, fehlt in der Ausstellung auch nicht - in Form einer marmornen Gasmaske, die auf einem Grabstein liegt.

Gasmaske aus Marmor, Ai Weiwei Ausstellung in Martin-Gropius Bau Berlin 01.04.2014 (Foto: AFP)

Gasmaske aus Marmor

Mit solchen ironischen Kommentaren hätte Ai Weiwei durchaus den Weg vieler chinesischer Künstler einschlagen können, Zeitkritik diktaturverträglich zu äußern. Eine ganze Reihe erfolgreicher Künstler versteht sich hervorragend darauf, ihre Sicht auf die Gesellschaft so zu formulieren, dass sie eine im Westen nachgefragte kritische Haltung artikuliert, gleichzeitig aber die Grenzen nicht überschreitet, die der chinesische Staat der künstlerischen Meinungsäußerung setzt. Bis 2008 schien sich auch Ai Weiwei in diesen Bahnen zu bewegen. Als Berater des Schweizer Architekturbüros Herzog und DeMeuron war er sogar an der Gestaltung des Pekinger Olympiastadions beteiligt, das zum Symbol des patriotischen, stolzen China werden sollte. Heute steht eine Miniatur des Stadions auf seinem Tisch - als Aschenbecher.

Vor Olympia der Bruch

Ausgerechnet während der Olympia-Vorbereitungen, als Regierung und Volk in China enger zusammenzurücken schienen, wandelte sich Ai Weiwei zu einem radikalen Regierungskritiker. Wenige Monate vor den Spielen, im Mai 2008, hatte die Erde in der westchinesischen Provinz Sichuan gebebt. Zehntausende Menschen starben, Kinder wurden in einstürzenden Schulgebäuden begraben. Für Ai Weiwei war das der Anlass, auf Konfrontation zu gehen. Er begann, die Namen der toten Kinder zu dokumentieren und klagte die Mitschuld der Behörden an, die er für die mangelhafte Bausubstanz dieser Schulen verantwortlich machte. Ab da verschwand der Name Ai Weiwei aus der chinesischen Öffentlichkeit. "Es gibt einen Ai Weiwei vor 2008 und einen Ai Weiwei nach 2008", sagt Alexander Ochs. Der Berliner Galerist stellte Ai Weiwei früher aus und bezeichnet sich bis heute als engen Freund des Künstlers.

Souvenir aus Shanghai, Ai Weiwei Ausstellung in Martin-Gropius Bau Berlin 02.04.2014 (Foto: Getty Images)

Souvenir aus Shanghai: Installation aus Ais zerstörtem Ateliergebäude

Bei der Eröffnung dieser bisher größten Ausstellung seiner Werke fehlt der Künstler - zwangsweise. Die Behörden haben seinen Pass eingezogen. Internationale Versuche, die Regierung zur Rückgabe des Reisedokuments zu bewegen, sind bisher gescheitert. Die Freiheit, die das Regime ihm verweigert, nimmt sich Ai Weiwei in seinen Werken. Immer politischer ist seine Kunst in den letzten Jahren geworden, immer deutlicher thematisiert er Korruption, Unterdrückung und Ideologie. Eine marmorne Nachbildung der Diaoyu-Inseln (japanisch: Senkaku) aus Marmor liefert den spöttischen Kommentar über den Territorialstreit mit Japan, mit dem die Regierung durchaus erfolgreich den Patriotismus ihrer Bürger schürt.

Ai Weiwei, der Kommunikator

Für diesen politischen Aktivismus genießt Ai Weiwei viel Respekt in der chinesischen Blogger- und Dissidentenszene. Als der Künstler wegen angeblicher Steuerhinterziehung zu einer Millionenstrafe verurteilt wurde, spendeten Tausende Chinesen ihm Geld. Ai Weiwei stellte ihnen Schuldscheine aus, mit denen jetzt mehrere Räume der Berliner Ausstellung tapeziert sind.

Filmstill Ai Weiwei: Never Sorry (Foto: Ted Alcom)

Ai Weiwei: Introvertierter Kommunikator

Mindestens genauso wichtig für den Künstler ist aber die Resonanz in der internationalen Öffentlichkeit, wie sie jetzt in der Ausstellung zum Ausdruck kommt. Immer wieder setzen sich Politiker und Intellektuelle für ihn ein. Als Bundespräsident Joachim Gauck vergangene Woche gegenüber dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping die Einhaltung der Menschenrechte anmahnte, war Ai Weiwei einer der Namen auf seinem Sprechzettel.

Ai wiederum weiß diese Öffentlichkeit professionell zu bedienen. Eines der Exponate in der Ausstellung ist eine Fensterkurbel aus Kristall, eine Anspielung auf eine Anweisung, die während des letzten Parteikongresses an alle Pekinger Taxifahrer erging. Sie mussten die Fensterheber abmontieren. Offenbar fürchteten die Machthaber, ihre Gegner könnten politisch Unliebsames aus dem Taxi rufen. Als der Galerist Alexander Ochs Ai im Februar besuchte, hatte dieser Dutzende solcher Kurbeln auf dem Besprechungstisch in seinem Atelier aufgehäuft. Als Ochs nach deren Bedeutung fragte, signierte er eine dieser Kurbeln und schenkte sie dem Galeristen. "Das ist Ai Weiwei der Kommunikator", sagt Ochs. "Er weiß natürlich, ich schleppe das jetzt überall herum und erzähle jedem diese Geschichte."

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