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Afrika

Unter Illegalen

Der italienische Journalist Fabrizio Gatti hat Afrikaner auf der Flucht nach Europa begleitet. Über seine Erlebnisse auf der lebensgefährlichen Reise hat er mit Berliner Schülern gesprochen.

Fabrizio Gatti (Foto: Verlag Antje Kunstmann)

Journalist Fabrizio Gatti

Fabrizio Gatti hält ein blaues Poster aus Pappe in der Hand und grinst. Einige Schüler haben Fotos von ihm und seiner Reise im Internet gefunden, ausgedruckt und auf die Pappe geklebt. Dazu haben sie seine Route nachgemalt - von Dakar bis nach Rom, durch die Wüste und über das Mittelmeer. Auf einem Porträtfoto sitzt er einem Jeep, trägt Bart, ein olivefarbener Turban schützt vor der Wüstensonne. Ein Europäer, ein Weißer, auf der Route von illegalen Migranten.

In Italien ist Fabrizio Gatti ein bekannter investigativer Journalist. Heute erzählt er vor fast 100 Schülern in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasiums im Berliner Stadtteil Neukölln von seinen Erlebnissen als Bilal, so der Name, den er sich für seine Reise als Illegaler gegeben hatte.

Ein Heimspiel für Gatti, denn das Gymnasium ist eine bilinguale Schule, alle Schüler hier sprechen perfekt Italienisch. Neben ihm auf dem Podium sitzen keine Lehrer, sondern drei Schüler, die das Gespräch moderieren. Eine von ihnen ist die zierliche Louise aus der 13. Klasse: "Ich finde das nicht nur beeindruckend sondern auch unglaublich bewegend, was Fabrizio Gatti uns zu erzählen hat", sagt die Schülerin.

Flüchtlinge auf einem LKW (Bild: Antje Kunstmann)

Tagelang fahren Migranten durch die Wüste

Neue Generation - neue Toleranz?

Schon im letzten Schuljahr hatten die Oberstufenschüler Texte von Fabrizio Gatti gelesen, natürlich im Original und nicht in deutscher Übersetzung. Anschließend haben sie über das Thema der illegalen Migration aus den afrikanischen Ländern diskutiert. Natürlich haben sie sich sehr gefreut, dass der Journalist anlässlich einer Berlin-Reise auch in ihrer Schule vorbeigekommen ist.

Aber auch Fabrizio Gatti ist die Diskussion mit den Schülern besonders wichtig. "Ich habe wirklich große Hoffnungen, was die nächste Generation betrifft. Für sie wird Hautfarbe genauso wenig eine Rolle spielen wie Haarfarbe. Und wir brauchen diese neue Generation", sagt der Chefreporter des italienischen Wochenmagazins L’espresso.

Die neue Generation zeigt sich durchaus empfänglich für Fabrizio Gattis Erlebnisse. Mehrfach setzte der Italiener sein eigenes Leben aufs Spiel: in der nigrischen Wüste, durch die er mit Hunderten von Illegalen reiste, auf Nussschalen von Booten, auf denen er gemeinsam mit ihnen durchs Mittelmeer schipperte. Seine Schilderungen von all' jenen Afrikanern, die mit nichts als einem T-Shirt und ein paar Litern Wasser alles wagen, um nach Europa zu kommen, gehen den Schülern unter die Haut.

Belanglose "europäische Probleme"

Journalist Gatti und Schüler Ciro (Bild: DW/Nadine Wojcik)

Journalist Gatti und Schüler Ciro

Zur Vorbereitung auf die Diskussion hatte der 19-jährige Ciro im Internet recherchiert und ein Video gefunden, das er während der Diskussion seinen Mitschülern zeigt - aufgenommen mit Handykameras von namenlosen Migranten. Als schließlich Afrikaner gezeigt werden, die während des mehrwöchigen Tracks in der Wüste verdurstet sind, hält er den Film lieber an.

"Was die Menschen doch auf sich nehmen, um aus so einer Situation herauszukommen und was sie sich von Europa versprechen", sagt der angehende Abiturient Ciro. "Wir beklagen uns hier, wenn das Rentenalter hochgesetzt wird oder Sozialmaßnahmen gekürzt werden. Das sind alles Sachen, über die man streiten kann und muss, weil das Errungenschaften sind in Europa. Aber wir denken leider viel zu wenig nach darüber, was denn diese Menschen dazu bewegt, zu uns zu kommen." Er findet, dass alle europäischen Staaten die Verpflichtung haben, auf die afrikanischen Länder zuzugehen. "Schließlich haben wir diese Länder ja auch über Hunderte von Jahren kolonialisiert."

Kolonialismus hat nie aufgehört"

Rund 100 Schüler hören den Schilderungen von Gatti zu, in der Aula des Albert-Einstein-Gymnasium in Berlin Neukölln (Foto: DW/ Nadine Wojcik).

Ungewohnter Unterrichtsstoff

"Genau das ist auch das Anliegen von Fabrizio Gatti. Er sieht sich nicht als Aktivist oder Schriftsteller. Ihm geht es vor allem um Aufklärung. "Wir müssen den Menschen klar machen, was in der Welt vor sich geht. Wir sollten Druck ausüben auf all' diejenigen europäischen Länder, die die afrikanischen Länder ausbeuten." Einfach sei das nicht in einer globalisierten Welt, die laut Gatti auch eher "ein Mix aus Globalisierung und Kolonialisierung" sei. "Kolonialismus hat in Afrika nie aufgehört, es wird jetzt nur anders genannt. Heute sind es nicht mehr die Staaten, sondern die großen Unternehmen, die wie eine Kolonialmacht in Afrika auftreten."

Nach der Diskussion bitten einige Schüler Fabrizio Gatti um ein Autogramm. Im Unterricht hatten sie nur Auszüge von Gattis Reportagen gelesen - doch diese Schüler hier wollten es ganz genau wissen. Sie haben das fast 500 Seiten dicke Buch komplett gelesen. Und das sicherlich nicht nur, weil ihr Lehrer angekündigt hat, dass Migration ein mögliches Abitur-Thema sein könnte.

Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Christine Harjes


Foto vom Cover des Reportagebuches Bilal von Fabrizio Gatti. Es zeigt einen mit Migranten und Gepäck voll beladenen LKW, der durch eine Wüste fährt (Foto: Verlag Antje Kunstmann).

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa
Verlag: Antje Kunstmann
ISBN: 9783888975875
Preis: 24,90 Euro