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Aktuell Deutschland

Unter deutschen Dächern: Kein Geld mehr für Lebensmittel

Wie arm ist Deutschland wirklich? Die Mitarbeiter von Tafeln und Hilfsorganisationen kennen die Antwort. Vielen Menschen fehlt das Geld für Lebensmittel. Besuch bei einer Essensausgabe in Köln, die beim Überleben hilft.

Die rote Fassade des Nebenhauses der katholischen Kirche erscheint an diesem grauen Tag wie ein Farbklecks. Im Kölner Stadtteil Holweide regnet es seit mehreren Stunden - der Himmel dunkel. Hinter der roten Fassade sortieren zehn freiwillige Helfer große grüne Plastikkisten mit Obst, Gemüse, Wurst, Käse und anderen Lebensmitteln. "Schauen Sie mal hier", sagt die 80- jährige Rentnerin Helga Dölle und zeigt auf einen edel verpackten italienischen Schinken: "So etwas bleibt in unserer Gesellschaft einfach übrig."

"Wir kommen kaum noch hinterher"

Die Lebensmittel bekommt die Tafel in Holweide von Organisationen, die auf Großmärkten und bei Supermarktketten die Reste einsammeln und dann verteilen. Jeden Montag gibt es in Holweide für Bedürftige eine große Tüte Lebensmittel. Bis vor anderthalb Jahren konnten die Menschen noch jede Woche eine Essenstüte abholen - doch die Ration wurde gekürzt. "Die Armut geht seit vielen Jahren nach oben. Wir kommen deshalb mit unseren Angeboten kaum noch hinterher", sagt Michael Mombartz. Nun gibt es für jeden Bedürftigen in drei Wochen nur noch zweimal eine Tüte.

Michael Mombartz arbeitet seit 1997 beim Netzwerk des katholisches Familienzentrums Dellbrück-Holweide

Michael Mombartz arbeitet seit 1997 beim Netzwerk des katholisches Familienzentrums Dellbrück-Holweide

Mombartz managt seit knapp 20 Jahren unter anderem die Essensvergabe in Holweide und in einem angrenzenden Stadtteil. Er ist Seelsorger, organisiert Obdachlosentreffs, koordiniert eine Kleiderkammer und die Essenshilfe. Er prüft anhand von Einkommensnachweisen, wer eine Ration bekommt und wer nicht. Im Jahr 2014 sei die Zahl der Hilfsbedürftigen stark angestiegen. "Seitdem bleibt es gleich, aber auf recht hohem Niveau."

Den Schinken nicht genommen

"Moslem?", fragt eine Ehrenamtliche und hält dabei fragend ein abgepacktes Stück Schwarzwälder Schinken hoch. Die Essensausgabe hat begonnen. Samer Hasnou ist erst seit kurzem in Deutschland. Der Syrer lebt mit seiner Frau in einer eigenen Wohnung in Holweide. "Sehr gut", sagt er unsicher lächelnd in gebrochenem Deutsch und zeigt auf seine grüne Kiste mit Lebensmitteln. Den Schinken hat er nicht genommen.

Auf Mombertz' Liste standen zu Beginn der Essensausgabe im Jahr 2004 zehn Menschen - heute sind es 120 Namen. Dazu zählten vor allem alleinerziehende Mütter, Rentner und Langzeitarbeitslose. "Nun sind noch die Flüchtlinge hinzugekommen, die in Wohnungen leben und zu Hause kochen können", so Mombartz.

Der Syrer Samer Hasnou kommt zum zweiten Mal in die Essensausgabe in Holweide

Der Syrer Samer Hasnou kommt zum zweiten Mal in die Essensausgabe in Holweide

Probleme zwischen Flüchtlingen und Menschen, die schon lange zur Tafel kommen, gebe es deshalb jetzt aber nicht, sagt der studierte Theologe.

Vesna Tomic hilft Mombartz seit acht Jahren bei der Tafel. "Am Anfang mussten sich schon alle daran gewöhnen, dass die nun auch da sind", sagt die gebürtige Kroatin, die anhand der Liste die im Nebenzimmer wartenden Hilfsbedürftigen zur Ausgabe aufruft. "Wir alle wissen ja, dass die nicht kommen, weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie die Hilfe brauchen", sagt die Frau.

Frau Tomic war als alleinerziehende Mutter zweier Kinder selbst lange auf Unterstützung angewiesen. Aber Deutschland sei solidarisch. "In jeder Not gibt es einen Lichtblick. Du musst Dich nur anstrengen", sagt die gebürtige Kroatin und ruft den Nächsten auf.

Großes Schamgefühl

Seelsorger Mombartz sieht das etwas anders. "Die Menschen kommen am Anfang immer mit großem Schamgefühl hierher und weinen auch häufig. Wenn ich mir vor allem die älteren Menschen ansehe, die teilweise ihr Leben lang gearbeitet haben und die dann mit ein paar Hundert Euro im Monat auskommen müssen, finde ich, dass es in einem Land wie Deutschland anders zugehen müsste", sagt er mit ernster Mine.

Vesna Tomic arbeitet seit acht Jahren ehrenamtlich für die Essensausgabe

Vesna Tomic arbeitet seit acht Jahren ehrenamtlich für die Essensausgabe

"Ohne die Essensausgabe müsste ich auf Vieles verzichten“, sagt die 75-jährige Rentnerin Siegrid Giga, während sie kochfertigen Knödelteig, Schokoriegel und Möhren in eine Tasche einräumt, die an ihrem Rollator hängt. Die Süßigkeiten seien für ihre Nichte, sagt sie und wirkt zufrieden.

Jan Hoffmann ist ein knappes halbes Jahrhundert jünger. Der junge Mann hat gerade seine Tasche mit Lebensmitteln gefüllt bekommen. Spaghetti schauen aus der Tüte. "Ich bin nur vorübergehend hier", sagt er mit etwas angespannter Miene. Er sei länger arbeitslos gewesen, doch nun hätte er bald einen Job.

"Das passiert zum Glück", erzählt Seelsorger Mombartz. "Menschen kommen und erzählen voller Freude: 'Ich habe einen Arbeitsplatz'." Die Zahl derer, die es aber aus der Arbeitslosigkeit schafften, sei leider recht gering. "Ich denke, so fünf bis zehn Prozent bekommen das dauerhaft hin." Der Rest schaue meistens nach zwei bis drei Monaten wieder vorbei.

Eine Tüte für die nächste Woche: Jan Hoffman vor dem Eingang der Essensausgabe

Eine Tüte für die nächste Woche: Jan Hoffman vor dem Eingang der Essensausgabe

Mittlerweile ist die letzte Kiste verteilt. Vesna Tomic hat ihre Liste zur Seite gelegt und hilft beim Zusammenräumen. Die schnell verderblichen Überbleibsel der Essensausgabe - vor allem Salat - liegen nun vor der Tür neben den Mülleimern. Dort packen mehrere ältere Frauen noch schnell einige der Köpfe in ihre Tragetaschen, bevor sie nach Hause gehen.