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Politik

Unter der Gürtellinie?

Die Fernsehdebatten sind Geschichte, die Kandidaten Bush und Kerry liegen in Umfragen in etwa gleichauf. Zwei Wochen vor der Wahl werfen sich beide Lager jetzt vermeintlich schmutzige Tricks vor.

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Udo Bauer

Lynne Cheney war außer sich, oder zumindest tat sie so. In einer Pressekonferenz nach der dritten und letzten TV-Debatte beschwerte sich die Ehefrau von Vizepräsident Dick Cheney bitterlich über den Mann, der ihren Mann arbeitslos machen will. John Kerry, so die kleine aber resolute Lady, sei "kein guter Mensch". Nein, es sei ein billiger politischer Trick gewesen, dass Kerry die Homosexualität ihrer Tochter Mary zum Thema gemacht habe, um politische Vorteile aus dieser "Privatsache" zu ziehen. Auch der Vizepräsident sagte, er sei ein "ziemlich wütender Vater".

Privatleben als politischer Spielball

Nun mag man sich darüber streiten, ob es denn wirklich sein musste, das Kind des Gegners beim Namen zu nennen, um den eigenen Standpunkt zum Thema Homosexualität klar zu machen. Legitim war es allemal. Denn erstens hatte Dick Cheney vor einigen Wochen selbst die sexuelle Veranlagung seiner Tochter öffentlich thematisiert und erkennen lassen, dass er nicht mit dem von George Bush geplanten Verfassungszusatz einverstanden ist, der die Homo-Ehe verbietet; das Privatleben des konservativen Vizepräsidenten war spätestens dadurch zum Politikum geworden. Denn allein mit der klaren Botschaft gegen Homosexualität und gegen Abtreibung haben sich die Republikaner im "Bible Belt" Millionen von Stimmen gesichert.

Hinzu kommt, dass Mary Cheney nicht etwa nur eine Privatperson ist, sondern an prominenter Stelle den Wahlkampf ihres Vaters mitorganisiert. Außerdem hatte Kerry in einem Ton höchster Wertschätzung von Cheneys Familie gesprochen, wie zuvor schon sein Vize Edwards. Bei dem hatte sich Cheney während der Debatte der Vizepräsidentschaftskandidaten sogar für seine "warmen Worte" bedankt, nachdem Edwards die Liebe der Familie Cheneys zu ihrer Tochter gewürdigt hatte.

Fairplay wird honoriert Ist die ganze Aufregung also nur gespielt, um den politischen Gegner als unfairen Kämpfer zu brandmarken? In den letzten Tagen vor der Wahl drehen sich beide Kampagnen nur noch um eine Zielgruppe, die Unentschlossenen. Diese recht unpolitische Gruppe ohne Parteipräferenz wird auf zwei bis drei Prozent der Gesamtwählerschaft geschätzt und ist damit das entscheidende Zünglein an der Waage.

Diesen Wählern geht es in erster Linie weniger um politische Positionen, sondern um Äußerlichkeiten oder vermeintliche Charakterzüge der Kandidaten, um Fragen wie: Wer wirkt präsidialer, wer wirkt sympatischer, wem kann ich trauen, mit wem kann ich mir vorstellen, bei einem Bier locker zu plaudern, in wem erkenne ich mich wieder, wer kämpft fair? Fairplay - nach eigenem Bekunden eine uramerikanische Tugend - wird honoriert in einem Land, wo die Mehrheit der Bürger stolz darauf ist, dass sie mehr von Baseball und Football versteht als von Politik.

Foulspiel wird reklamiert

Auch das Kerry-Team wirft den Republikanern und deren einflussreichen Freunden immer wieder vor, einen schmutzigen, also unfairen Wahlkampf zu führen. Jüngstes Beispiel: Ein privater Medienkonzern, die "Sinclair Broadcast Group", will in den nächsten Tagen über seine 62 Fernsehstationen eine Kerry-kritische Dokumentation ausstrahlen. Es soll - wieder einmal - um Kerrys Verhalten im und nach dem Vietnamkrieg gehen. Dass diese Sendung für Kerry wenig schmeichelhaft wird, kann man sich denken. Denn die Chefs der Senderkette sind Republikaner durch und durch. Deshalb hat die Demokratische Partei Beschwerden eingereicht bei der Bundeswahlkommission und bei der Medienkontrollbehörde. Sie verlangt eine "vergleichbare Gelegenheit" für Kerrys Unterstützer, ihre Position auf dem Sender darzustellen. Die Senderchefs haben Kerry daraufhin zu einem Interview eingeladen, was die Demokraten allerdings ablehnen. Sie wittern einen Hinterhalt.

Mag schon sein, dass Kerry sich kritische Fragen gefallen lassen müsste in der Höhle des Löwen, aber unfair ist die Position von Sinclair deshalb nicht. Immerhin war es Kerry selbst, der seine Vietnamzeit zum zentralen Punkt seiner Kampagne gemacht hat. Daher muss er sich auch gefallen lassen, dass die Medien seine Rolle als Soldat und als Antikriegs-Aktivist unter die Lupe nehmen. Für Kerry und für Cheney gilt von daher gleichermaßen: Wenn ich Geister rufe, darf ich mich nicht beschweren, wenn ich sie nicht mehr los werde.