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Europa

Unter den Krimtataren geht die Angst um

Auf der Krim häufen sich Entführungen. Meist verschwinden Tataren unter ungeklärten Umständen. Deren Angehörige erheben schwere Vorwürfe gegen russische Polizisten und gründen eine eigene Menschenrechtsgruppe.

Der Krimtatare Abdurashid Dschepparov in seiner Wohnung (Foto: DW)

Abdurashid Dschepparov vermisst seit Ende September seinen Sohn

"Was isst er? Hat er sich die Haare schneiden können? Und vor allem, lebt er noch?" Diese Fragen stellt sich Abdurashid Dschepparov, Bewohner des tatarischen Dorfes Sary-Su auf der Krim, seit sein 18-jähriger Sohn Islam verschwunden ist. Der großgewachsene, schlanke junge Mann sei praktizierender Muslim und habe Medizin studieren wollen, berichtet Dschepparov. Islam habe am 27. September seine fünf Neffen besuchen wollen, die seine verwitwete Schwester großziehe. Täglich habe er sie besucht. An jenem Abend habe er sich mit seinem Cousin, dem 25-jährigen Cevdet, auf den Weg zu ihnen gemacht.

"Später am Abend fuhr ein Auto vor meinem Haus vor und hupte laut. Es war eine Nachbarin. Sie hatte kurz zuvor gesehen, wie Islam und Cevdet von Unbekannten in ein Auto gezerrt wurden", sagt Dschepparov. Der Zeugin zufolge hatte das Auto getönte Scheiben und ein Krim-Kennzeichen. Die Männer, die aus ihm ausgestiegen seien, hätten eine Uniform mit weißem Schriftzug auf dem Rücken getragen. Dschepparov betont, er sei sofort zur Polizei gegangen: "Sie hätten alle Straßen sperren können. Auf der Krim kommt man doch nicht weit!" Aber das sei nicht geschehen. Deswegen vermutet Dschepparov, dass russische Polizisten in die Entführung verwickelt sind.

Spuren in die Türkei und nach Syrien

In der Moschee des krimtatarischen Dorfes Sary-Su (Foto: DW)

In der Moschee des krimtatarischen Dorfes Sary-Su

Bei den Vernehmungen der Angehörigen durch die Ermittler habe sich Dschepparov nicht als Opfer, sondern eher als Angeklagter gefühlt: "Sie hielten uns bis spät in die Nacht fest, stellten Fragen zum Islam und seinen verschiedenen Strömungen, darunter auch zu radikalen. Als ob ich mich da auskennen würde! Klar, die Ermittler müssen Informationen sammeln. Aber man muss mich als Vater verstehen. Mein Sohn ist verschwunden", so Dschepparov.

Dies ist allerdings nicht das erste Unglück in der Familie von Abdurashid Dschepparov. Seit zwei Jahren vermisst er seinen ältesten Sohn Abdullah. Zusammen mit Cevdet wollte er zunächst in der Türkei Geld verdienen. Dann gerieten beide Brüder ins syrische Kriegsgebiet. Cevdet kehrte heim, Abdullah nicht. Warum die jungen Männer in Syrien waren, darüber will in der Familie niemand sprechen. Aber vielleicht weiß es auch niemand genau. Möglicherweise kämpften sie auf Seiten der Freien Syrischen Armee.

Parallelen zu Tschetschenien?

Portait von Alexander Tscherkassow (Foto: DW)

Alexander Tscherkassow erhebt Vorwürfe gegen den russischen FSB

"Was heute auf der Krim passiert, wissen wir nicht. Aber wir wissen, wie es im Nordkaukasus aussieht", unterstreicht im Gespräch mit der Deutschen Welle der russische Menschenrechtler Alexander Tscherkassow. "Dort werden Menschen monatelang in Kellern festgehalten und gefoltert, damit sie Informationen über den islamistischen Untergrund preisgeben. Danach werden sie meist getötet. Selten schafft es jemand, am Leben zu bleiben", so Tscherkassow.

Dem Menschenrechtsaktivisten zufolge steht hinter all dem der russische Föderale Sicherheitsdienst (FSB). Unter Folter genannte Namen würden die Geheimdienstler als Vorwand für neue Entführungen und Inhaftierungen nutzen. Tscherkassow schließt nicht aus, dass nach der russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel solche Methoden zur Extremismus-Bekämpfung nun auch auf der Krim Anwendung finden.

Aktivisten des "Ukrainischen Hauses" vermisst

Portrait von Elvira Zinetdinova (Foto: DW)

Elvira Zinetdinova vermisst ihren Sohn seit Ende Mai

Eine andere Geschichte hat Seyran Zinetdinov, der seit dem Frühjahr 2014 vermisst wird. Er gehört der gesellschaftlichen Organisation "Ukrainisches Haus" auf der Krim an, die das Verschwinden ihrer Aktivisten Leonid Korsch und Timur Sheymardanov untersucht. Nach Angaben der in Russland, der Ukraine und auf der Krim aktiven gesellschaftlichen Organisation "Krim-Feldmission für Menschenrechte" verfügte Seyran über Informationen, wonach prorussische "Volkswehren" an den Entführungen beteiligt sein sollen.

Am 30. Mai hatte Seyran sein Haus verlassen, um Sheymardanovs Frau zu treffen. Seyrans Mutter Elvira Zinetdinova berichtet, zwei Tage später habe sie eine automatische SMS erhalten, mit der Meldung, Seyrans Mobiltelefon habe wieder Netzempfang. Doch alle Anrufe seien erfolglos geblieben. "Das hat nichts mit den Krimtataren zu tun. Sheymardanov ist nur zur Hälfte Tatar und Leonid Korsch ist Jude. Das ist alles wegen der Nachforschungen des 'Ukrainischen Hauses ' passiert", so Elvira.

Angehörige organisieren Kontaktgruppe

Häuser des krimtatarischen Dorfes Die Bewohner des Dorfes Sary-Su (Foto: DW)

Die Bewohner des Dorfes Sary-Su fürchten um ihre Kinder

Abdurashid Dschepparov hat inzwischen gemeinsam mit Eltern anderer Entführungsopfer die "Kontaktgruppe für Menschenrechte" gegründet. Sie sammelt nicht nur Informationen über Entführungen, sondern auch über andere Straftaten. So werden auf der Krim seit März sieben Personen vermisst. Zuletzt verschwand am 3. Oktober in Simferopol der 23-Jährige Eskender Apselyamov. Aber die aufsehenerregendste Entführung passierte Anfang März, noch vor der Annexion der Krim durch Russland. Der Krimtatare Rishat Ametov wurde vor den Augen zahlreicher Menschen von Unbekannten in Tarnanzügen einfach abgeführt. Zehn Tage später wurde er tot aufgefunden.

Die Eltern der Entführten hoffen, dass ihre Kinder unversehrt bleiben. Im Dorf Sary-Su leben viele Familien in Angst. "Wir lassen unsere Kinder nicht mehr allein zur Schule gehen. Niemand kann sich hier mehr sicher sein, dass ihm ein solches Unglück nicht widerfährt", bedauert Dschepparov.

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