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Kultur

Unter dem Himmel von Eisenach

Jazz in der NS-Zeit und in Osteuropa, die Geschichte des Blues und der amerikanischen Rootsmusic - wer mehr über diese Themen wissen will, sollte sich im International Jazz Archive umsehen. Jetzt wird es zehn Jahre alt.

Bücher und Plakate im Jazzarchiv Eisenach

Fundgrube für Fans: Platten, Bücher und Plakate im Jazzarchiv

Nicht das Beginnen werde belohnt, sondern das Durchhalten, sagt Reinhard Lorenz. Der Kulturamtsleiter der Stadt Eisenach weiß, wovon er spricht. Er gehört zu den Mitbegründern des International Jazz Archive, das er behutsam und beharrlich durch die letzten zehn Jahre gesteuert hat.

Das Archiv befindet sich in der Alten Mälzerei, einem Industriedenkmal, nur wenige Schritte vom Stadtzentrum entfernt. Im Kellergewölbe unter dem Archiv wird Musik gemacht, im Jazzclub "Posaune". Ohne ihn wäre das Jazzarchiv nicht denkbar. 1959 wurde er gegründet und hatte es anfangs nicht leicht. Als "barbarisierendes Gift des amerikanischen Klassenfeindes" wurde der Jazz vom SED Regime diffamiert. Aber mit einem Trick gelang es den Eisenacher Jazzfans, diese für DDR-Verhältnisse "subversive" Musik zu etablieren. Jazz und Folk, so sagten sie, sei schließlich die Stimme des amerikanischen Proletariats.

Wim Wenders auf Recherche

Die alte Mälzerei, ein historisches Industriegebäude unter blauem Himmel

Wo bis 1952 noch Malz hergestellt wurde, wird jetzt Musik gemacht

"Unglaublich, was man unter dem Himmel von Eisenach so findet" schrieb Filmregisseur Wim Wenders in das Gästebuch des International Jazz Archive, als er dort für seinen Film "The Soul of a Man" recherchierte.

Denn das International Jazz Archive ist eine Fundgrube: 80.000 Schallplatten und Tonträger, ebenso viele Fotos und Negative, 60.000 Zeitschriften, zahllose Artikel, Plakate, Bücher, Korrespondenzen und Filme. Den Grundstock bildet der Nachlass des 1993 verstorbenen Blues-Pianisten Günter Boas. Den hatte Reinhard Lorenz, jazzbegeisterter Mitbegründer des Archivs, während eines Konzerts in der DDR kennengelernt und war fasziniert. "Günter Boas hat mit allen Großen dieser Welt, mit Armstrong, Fitzgerald, mit allen Bluesleuten korrespondiert. Wir haben über 1000 Briefe hier aus seinem Nachlass, also das sind einfach Kostbarkeiten der Musikgeschichte." Eine fast zwei Meter große schwarz-weiß Aufnahme von Günter Boas prangt an der Längsseite des Raums über einem Ledersofa. Auf sie fällt der Blick sofort, wenn man das Jazz Archive betritt.

Von New Orleans nach Eisenach

Von 'Katrina' verschont: Instrumente des Schlagzeugers Trevor Richards aus New Orleans

Von 'Katrina' verschont: Instrumente des Schlagzeugers Trevor Richards

Dass in Eisenach Nachlässe liebevoll gepflegt werden, übrigens bisher ausschließlich ehrenamtlich, hat sich bis nach New Orleans herumgesprochen. Schlagzeuger Trevor Richards jedenfalls schickte einen ganzen Container voller Platten, Bücher und Percussionsinstrumenten von dort nach Eisenach. Ein Großteil seiner umfangreichen Sammlung war dem Wirbelsturm "Katrina" zum Opfer gefallen. Was zu retten war, steht jetzt frisch gereinigt im Archiv. Und in dem kleinen Museum, das der unermüdliche Reinhard Lorenz auch aufgebaut hat. Dort wird an Schautafeln und Photographien übrigens auch die Geschichte des Jazz in der DDR erzählt: "Zwischen Traum und Trauma - im Wartesaal des Sozialismus" hat Reinhard Lorenz sie genannt. So wie das Geburtshaus von Johann Sebastian Bach eine Pilgerstätte für alle Musikliebhaber geworden ist, so träumt der Kulturamtsleiter davon, dass das International Jazz Archive auch für Jazzfreunde und -Forscher zu einer wichtigen Adresse wird. Es ist auf dem besten Weg.

Autorin: Susanne von Schenck

Redaktion: Aya Bach