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Kultur

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Trotz aller Fortschritte herrscht in China noch immer Zensur über die öffentliche Meinung. Teil 4 unserer China-Woche berichtet über kleine und große Hindernisse im Alltag eines Korrespondenten im Reich der Mitte.

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25 Anträge werden benötigt, um auf dem Tiananmen-Platz zu recherchieren.

Ich liebe China. Das ist kein Geständnis, sondern mein Name. Ke-Ai-Hua: Frau Ke, die China liebt. Ich mag diesen Namen, besonders aber das Lächeln auf den Gesichtern chinesischer Gesprächspartner, wenn ich ihnen meine Visitenkarte überreiche. Manchmal fragen sie auch, wie ich denn als Ausländerin zu einem so patriotischen Namen komme – einen, der an ideologischen Eifer und deshalb an die Kulturrevolution erinnert.

Genau das fand ich bei der Namenswahl reizvoll. Er ist wie ein Spiegel, dem man seinem Gegenüber vorhalten kann: Eine Erinnerung an vergangene Zeiten, über die gerade der Mantel kollektiven Vergessens gebreitet wird.

Traum von der schönen neuen Welt

Darf man (noch dazu als Ausländerin) ein Land lieben, das seine Traditionen durch professionelle Wachstumsgläubigkeit ersetzt? In der schönen neuen Welt des modernen, globalisierten Peking scheinen solche Bekenntnisse auf einer Visitenkarte irgendwie fehl am Platz. Zudem wird mir als Journalistin von Chinesen immer unterstellt, dass dies ja nur ein Lippenbekenntnis sein kann. Warum würde ich sonst ein Land kritisieren, das ich angeblich liebe? Und überhaupt sei doch alles viel besser geworden als früher: Die Luft, das Essen und Chinas Frauen seien auch schöner als vor Beginn der Reformpolitik. Darauf kann ich nur sagen: Vieles ist besser, aber nicht alles gut.

Schikanen im Alltag

Gerade in meinem Beruf sind die Grenzen enger, die Grauzonen kleiner geworden. Wir Journalisten werden von den chinesischen Behörden noch immer kontrolliert und eingeschränkt – allerdings machen sie das viel geschickter als früher. Wenn das Internet mal wieder blockiert ist und sich jedes Bit einzeln durch die Leitung quält, ist nicht die Zensur schuld, sondern unsere Computer. Wenn die Telefon-Verbindung plötzlich abbricht, haben wir bestimmt die Rechnung nicht bezahlt: Die Beijing Telecom hat für alles eine Ausrede.

Und wenn ein Interview nicht klappt, haben wir sicher einen der 25 Anträge nicht vollständig ausgefüllt. Etwa so viele sind nämlich nötig, um auf dem weltberühmten Tiananmen-Platz zu recherchieren. Sollte ich dort zufällig spazierengehen und ein Raumschiff im Landeanflug beobachten – ich müßte Augen und Ohren verschließen und erst mal bei der Sicherheitspolizei eine Interview-Genehmigung beantragen.

Das dauert: Im jüngsten Fall geschlagene sechs Wochen. Da wollte ich über das Fahnenzeremoniell berichten, wenn täglich im Morgengrauen auf dem Platz Chinas Nationalflagge gehisst und sie abends wieder eingeholt wird. So lange warten deutsche Redaktionen selten: Ich habe nur die Wahl, die absurden Regeln zu übertreten oder eine gute Geschichte zu ignorieren. Im ersten Fall riskiere ich die Ausweisung, im zweiten die Entlassung, denn das wäre gegen jeden journalistischen Instinkt.

Journalismus und Sozialismus im Widerstreit

Es trifft mich wie Hohn, wenn chinesische Kader öffentlich sagen, die Presse solle doch, bitteschön, mithelfen, mehr Transparenz zu schaffen – aber bitte bloß soweit offiziell erlaubt! Das ist der ganz normale Wahnsinn des sozialistischen Alltags mit chinesischen Besonderheiten und dass ich aufhöre, den zu kritisieren, kann sich kein Chinese wünschen. Denn dann hätte ich China aufgegeben - als hoffnungslosen Fall.

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