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Alltagsdeutsch – Podcast

Unser Leben im Anthropozän

Der Aufbau der Erde verändert sich. Sie entwickelt sich nicht mehr natürlich, sondern wird von uns Menschen beeinflusst. Forscher sprechen von einer neuen geologischen Epoche, in der wir leben: dem Anthropozän.

Sprecher:
Unsere Erde befindet sich im Umbruch: Sie ist sich nicht mehr selbst überlassen, sondern wir Menschen greifen in die natürliche Entwicklung ein. Früher konnte die Wildnis sich ausbreiten, Landschaften waren durch Flüsse, Vulkane und natürliche Klimaveränderungen geprägt. Doch das ist Vergangenheit. Wissenschaftler haben dieser neuen Epoche, in der wir leben, einen Namen gegeben: Anthropozän. Den Begriff prägten der niederländische Chemie-Nobelpreisträger Paul Josef Crutzen und der US-amerikanische Forscher Eugene F. Stoermer. Er stammt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus den altgriechischen Wörtern „anthropos“, Mensch, und „kainos“, neu. Ausgedrückt wird damit sinngemäß „etwas vom Menschen neu Gemachtes“. Denn die Natur, die sich ganz von selbst entfaltet, gibt es nicht mehr, sagt der Geologe Reinhold Leinfelder.

Reinhold Leinfelder:
„Wir unterscheiden bislang immer zwischen Natur – meist gute Natur – und Mensch, oft der ‚böse Mensch’ mit seiner Technik. Wir sind aber inzwischen so weit, dass der Mensch die Natur dermaßen umgestaltet hat, dass wir sagen müssen, es gibt diese Natur im früheren Sinne nicht mehr. Wir sind ein Teil des Ganzen und wir müssen uns, wenn wir da herauskommen wollen, quasi als Teil der Natur verstehen, einer neuen Natur.“

Sprecher:
Die Anthropozän-These besagt, dass Mensch und Natur als eins gesehen werden. Der bisherige Gegensatz von einer sich frei entwickelnden Natur und einer von Technik bestimmten menschlichen Gesellschaft wird aufgehoben. Laut Reinhold Leinfelder müssen die Menschen realisieren, dass sie zu einem eigenen geologischen Faktor geworden sind, zum Teil einer neuen Natur. Und nur wenn sie das sozusagen verstanden hätten, könnten sie im Einklang mit dieser neuen Umwelt leben. Sie könnten dann ihr Verhalten ändern, aus ihm herauskommen, denn ihr bisheriges Verhalten schadet der Natur.

Reinhold Leinfelder:
„Wir schaufeln die Erde um – durch Landwirtschaft, durch Baumaßnahmen, durch Bergbau, so dass wir heute dreißig Mal mehr Material umverlagern, als das natürlichen Prozessen entspricht. Wir haben eine Aussterberate von Tieren, die hundert Mal, manche sagen, sogar tausend Mal höher ist, als es natürlichen Prozessen entspricht. Damit gestalten wir die Erde enorm um. Was wir an Ablagerungen, an geologischen Schichten in Zukunft haben werden, das wird ganz stark unsere Handschrift tragen.“

Sprecher:
Bereits heute haben wir Menschen rund 75 Prozent der Erdoberfläche, des Materials, wie Reinhold Leinfelder es bezeichnet, umgestaltet. Er benutzt dafür das Bild eines großen Schaufelradbaggers, der die Erde umgräbt, sie umschaufelt, und woandershin verlagert. Urwälder werden abgeholzt, freie Flächen bebaut oder landwirtschaftlich genutzt, weil immer mehr Menschen ernährt werden müssen. Das und andere Faktoren führen dazu, dass Pflanzen- und Tierarten schneller verschwinden als früher. Sie sterben aus. Die Überreste von Lebewesen, aber auch von Plastikteilchen lagern sich im Boden als sogenannte Sedimente ab. Anhand dieser Ablagerungen können Forscher unter anderem feststellen, wie das Leben auf der Erde zu bestimmten geologischen Epochen ausgesehen hat. Auch unsere Epoche wird – so Reinhold Leinfelder – charakteristische Ablagerungen haben. Diese werden unsere Handschrift tragen. Die jüngste geologische Epoche, das Holozän, fing vor rund 11.000 Jahren nach der letzten Eiszeit an. Der Begriff setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern für „völlig“ und „neu“. Es ist unter den Forschern umstritten, wann genau das Anthropozän begann. Einig sind sie sich aber, dass der Mensch spätestens mit der Industrialisierung im 18. Jahrhundert anfing, massiv in die Natur einzugreifen – mit den entsprechenden Konsequenzen wie der Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn meint.

Jürgen Renn:
„Soweit ich das weiß, spüren wir heute noch, auch in der Atmosphäre, auch in den geologischen Spuren, die Auswirkungen dieser Eingriffe aus dem Ende des 18., frühen 19. Jahrhunderts. Das heißt, da haben wir wirklich schon ein Experiment planetaren Ausmaßes begonnen, mit Folgen, die damals natürlich niemand übersehen konnte, die uns aber heute noch beschäftigen und für uns heute noch ’ne Herausforderung darstellen.“

Sprecher:
Der Übergang von der rein landwirtschaftlichen zur industriellen Produktion ist, so Jürgen Renn, auch Jahrhunderte später noch nachweisbar – zum Beispiel in der Atmosphäre, der Mischung aus Gasen, die die Erde umgibt. Aber auch in Böden, wo sich Schadstoffe wie Blei ablagerten. Zu Beginn der Industrialisierung dachte man nicht an die Auswirkungen auf den Planeten. Jürgen Renn spricht von einem Experiment, dessen Folgen, dessen Ausmaß, man nicht erfassen, nicht übersehen, konnte. Obwohl in der heutigen Zeit Naturschützer gegensteuern, werden weiter Kohle im Tagebau abgebaut, freie Flächen bebaut, Flüsse begradigt. Hinzu kommt die Landgewinnung aus dem Meer. Auch radioaktiver Müll wird noch in Jahrmillionen nachzuweisen sein. Der Historiker Helmuth Trischler meint, dass man die Uhr nicht mehr zurückdrehen könne:

Helmuth Trischler:
„Wir haben, wenn man so will, die Probleme auf uns geladen, und um sie zu bewältigen, kommen wir ohne Technik nicht aus. Wir können nicht in einen Urzustand zurückkehren, der da Holozän heißt, sondern wir haben diese Eindringtiefe mit den langen Zeiträumen der Wirkungsdimension bereits eröffnet und müssen uns damit auseinandersetzen.“

Sprecher:
Eine Rückkehr in die vorindustrielle Zeit, in den Urzustand, ist laut Helmuth Trischler nicht mehr möglich. Durch unsere Eingriffe in die Natur, durch die Eindringtiefe, hätten wir die Erde in einem Ausmaß verändert, das dauerhaft sei. Helmuth Trischler bezeichnet das als Wirkungsdimension. Die Menschen des Anthropozän-Zeitalters müssten jetzt sehen, dass sie neue Techniken fänden, um die Probleme nicht noch zu verschlimmern. Auch für Wissenschaftshistoriker Jürgen Renn steht fest, dass wir in einer vom Menschen geprägten Epoche leben – und diese verantwortungsbewusst und nachhaltig gestalten müssen.




Fragen zum Text

In dem Wort „Anthropozän“ ist das Wort … nicht enthalten:
1. Mensch
2. völlig
3. neu

Wann hat das Anthropozän begonnen?
1. Der genaue Beginn ist umstritten.
2. Mitte des 18. Jahrhunderts.
3. Nach der letzten Eiszeit.

Was stimmt nicht? Die Wissenschaftler sind der Meinung, dass …
1. die Menschen ihre Technik sinnvoll einsetzen sollen.
2. die Natur nicht mehr den Raum einnehmen wird, den sie einmal besaß.
3. die Menschen zu Beginn des Industriezeitalters wussten, was sie taten.


Arbeitsauftrag
Forme die Relativsätze in eine Partizipialkonstruktion um. Bilde anschließend eigene Sätze nach diesem Muster. Hier ein Beispiel: Pflanzen und Tiere, die auf der Erde existieren, setzen sich nach ihrem Zerfall als Sedimente im Boden ab. – Die auf der Erde existierenden Pflanzen und Tiere setzen sich nach ihrem Zerfall als Sedimente im Boden ab.

1. Die Menschen, die im Anthropozän leben, greifen seit Jahrhunderten stark in die Umwelt ein.
2. Die Mischung aus Gasen, die die Erde umgibt, heißt in der Fachsprache „Atmosphäre“.
3. Radioaktiver Müll, der unter der Erde lagert, wird noch in Millionen von Jahren nachweisbar sein.

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