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Unser Gast vom 19.07.2009 Petra Ledendecker, Unternehmerin

Moderator Hajo Schumacher spricht mit Petra Ledendecker über ihre unternehmerischen Erfolge, Lobbyarbeit für Frauen in der Wirtschaft, Leidenschaft für schnelle Autos und Motorräder, und ihre unheilbare Lungenkrankheit.

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Die westfälische Unternehmerin Petra Ledendecker hat erfolgreich mehrere Firmen gegründet. Sie ist Vorsitzende des "Clubs der starken Frauen", wie sich der Verband deutscher Unternehmerinnen (VDU) selbst gerne nennt.

Das erklärte Ziel der 54-Jährigen ist es, Frauen vermehrt in die Top-Positionen der Wirtschaft zu bringen. Denn nach ihrer Überzeugung hätte es die Finanzkrise nicht gegeben, wenn Frauen stärker in Aufsichtsräten und Vorständen säßen. Sie bezeichnet sich selbst als Kämpferin. Auch von einem unheilbaren Lungenleiden und einer notwendigen Lungentransplantation lässt sie sich nicht unterkriegen.

Petra Ledendecker ist eine Vollblut-Unternehmerin. Stolz erzählt sie, dass sie eine der wenigen Frauen in Deutschland ist, die ihr Unternehmen, einen Möbel-Hersteller in Melle, selbst gegründet hat. Denn viele deutsche Unternehmerinnen haben bei genauerem Hinschauen den Betrieb der Eltern übernommen. Vor lauter Stolz unterschlägt sie dabei allerdings ihren Bruder, mit dem sie die Firma Allegro 1987 gemeinsam gründete und aufbaute. Ein erfolgreiches "gemischtes Doppel" also, dass offenbar auch statistisch die vielversprechendste Organisationsform für Führungsetagen ist, wie Studien belegen, die Petra Ledendecker gerne zitiert. Denn in ihrer zweiten Funktion ist sie die (ehrenamtliche) Vorsitzende des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VDU). Und diese Funktion hat für sie im Moment sogar Priorität. Vier Tage die Woche arbeitet sie ehrenamtlich für den Verband. Ihr Ziel: Mehr Frauen in den Führungsetagen der Unternehmen unterzubringen. Frauen fehlt es nicht an Kompetenz, sondern an Netzwerken, ist die Westfälin überzeugt. Um das zu ändern wurde der Verband 1954 von zunächst 31 Unternehmerinnen gegründet – dem Geburtsjahr von Petra Ledendecker.

Unternehmerin aus Leidenschaft

Der Hang zur Wirtschaft wurde ihr offenbar in die Wiege gelegt. Denn auch ihr Vater hatte einen kleinen mittelständischen Betrieb. Das Unternehmen war das Zentrum der Familie. Sie und ihre vier Geschwister halfen immer wieder mit. Bereits im Teenageralter bildete sie sich kaufmännisch fort und baute mit dem Vater die Buchführung auf. Folgerichtig machte sie nach dem Abitur eine Ausbildung als Industriekauffrau und studierte anschließend Betriebswirtschaft. Zunächst hatte sie das Ziel, Brokerin bei einer großen Bank zu werden. Ihr Bruder überredete sie jedoch, gemeinsam ein eigenes Möbel-Unternehmen aufzubauen. Auch die Erfahrungen ihres Vaters als selbstständiger Unternehmer mit einer 7 Tage Woche hielt sie nicht davon ab.

Eigentlich wollte sie die Arbeit im Gemeinschaftsbetrieb nur 5 Jahre machen. Inzwischen sind es über 20 Jahre geworden. Dabei hat sie alle Höhen und Tiefen eines Unternehmerlebens durchgestanden: Banken verweigerten dem jungen Unternehmen dringend benötigte Kredite, zugesagte Aufträge blieben aus.

Ihre Firma "Allegro" ist Marktführer bei Couchtischen und verkauft europaweit rund 70.000 Tische im Monat. Nebenbei gründete sie noch zwei weitere eigene Unternehmen. Eines für Immobilienfinanzierung und ein Beratungsunternehmen für Mittelständler.

Petra Ledendecker fördert Frauen und Migranten

Anders als viele männliche Unternehmer-Kollegen hält sie sich jedoch nicht für unverzichtbar. Sie baute frühzeitig Nachwuchsführungskräfte auf. Heute sind etwa 50 Prozent ihres Führungspersonals Frauen. Als Personalchefin fördert sie gezielt Frauen und Migranten.

Inzwischen arbeitet die 54-Jährige nur noch einen Tag in der Woche im eigenen Unternehmen. Dort besteht ihre Arbeit vor allem aus Supervision und Coaching für die Mitarbeiter. Die restliche Zeit widmet sie sich der Verbandsarbeit und weiteren Ehrenamtlichen Engagements. Das tut sie, um dem Verband und der Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben, wie sie betont. Gerade in der Anfangszeit hatte der VDU den Aufbau ihrer jungen Firma beratend begleitet. Ihre zahlreichen Engagements schafft sie mit einem straffen Terminplan und guter Organisation. Sie steht jeden Morgen um 5 Uhr auf.

Auch die Organisation der Kinderbetreuung sieht sie unproblematisch. Sie hat sich eine Patchwork-Familie aus Freunden und Verwandten zugelegt, die bei der Kinderbetreuung aushelfen.

Eine Stehauffrau

Ihr straffes Programm wäre schon für einen gesunden Menschen eine Herausforderung. Umso beeindruckender ist es, weil Petra Ledendecker schwer krank ist. Vor 15 Jahren wurde bei ihr eine seltene, unheilbare Lungenkrankheit diagnostiziert, die langsam ihr Lungengewebe zerstörte (Lymphangioleimomyomatose). Durch die Krankheit wurde ihr Körper immer weniger mit Sauerstoff versorgt. Die Konsequenz: eine stark beeinträchtigte Atmung. Die Ärzte schätzten ihre Lebenserwartung auf maximal 5 Jahre. Drei Jahre nach der Diagnose wurde ihre Tochter Anna geboren.

Trotz immer größerer Beeinträchtigungen gab sie nicht auf. Sie ist ein Kämpfertyp und beschreibt sich selbst als Stehauffrau. Ihr Motto: "Man muss sich quälen. Wenn man sich hinlegt, hat man verloren." Also fuhr sie weiter in ihr Büro, die Sauerstoffflasche auf dem Beifahrersitz. Und selbst im Rollstuhl arbeitete sie.

Erst im letzten Moment rettete sie eine Spender-Lunge vor dem sicheren Tod. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie mit zwei neuen Lungenflügeln. Doch die Krankheit wird sie für den Rest ihres Lebens begleiten. Sie muss Medikamente nehmen und kämpft seither mit massiven Nebenwirkungen und Folgeschäden.

Jetzt genießt sie jeden Tag bewusst, wissend um die Endlichkeit des Lebens.Petra Ledendecker ist verheiratet mit einem Juristen und hat ein Kind. Sie lebt in Melle in Nordrhein-Westfalen.

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