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Nahost

Unruhen im Muster-Sultanat

Oman gilt als Wunderland des Nahen Ostens: Kein anderer arabischer Staat hat sich in den vergangenen Jahrzehnten so gut entwickelt. Doch seit die Protestwelle auch in Oman angekommen ist, hat das Image Kratzer bekommen.

Ein brennender LKW in der omanischen Industriestadt Sohar (Foto:AP)

Ein brennender LKW in der omanischen Industriestadt Sohar

Was in der Industriestadt Sohar wirklich passiert ist, weiß keiner so genau. Auch einige Tage nach den gewaltsamen Protesten im Nordosten Omans gibt es keine übereinstimmenden Angaben darüber, wie viele Menschen bei den Unruhen ums Leben gekommen sind. Regierungsangaben zufolge ist ein Demonstrant getötet worden. Ein Arzt aus dem staatlichen Krankenhaus von Sohar sprach dagegen von sechs Opfern. Die genauen Umstände sind nach wie vor unklar.

Forderung nach besseren Lebensbedingungen

Berichte der omanischen Presse über die Proteste in Sohar (Foto:DW/Anne Allmeling)

Berichte der omanischen Presse über die Proteste in Sohar

Fest steht allerdings, dass es in Oman gewaltsame Proteste mit tödlichem Ausgang gegeben hat. Ein Ereignis, das dem Bild des friedlichen Sultanats Schaden zugefügt hat – und eine Tatsache, mit der sich viele Omanis nur schwer abfinden können. "Ich kann die Forderungen der Demonstranten nach besseren Lebensbedingungen zwar nachvollziehen", sagt der 21-jährige Ahmed aus Maskat. "Aber ich finde, sie sind zu weit gegangen."

Mehrere Hundert Menschen hatten sich am Sonntag (27.02.2011) nahe einem Kreisverkehr in Sohar versammelt, um ihren Forderungen nach besseren Lebensbedingungen Gehör zu verschaffen. Sie protestierten auch dagegen, dass Ausländer und Zugezogene oft mehr verdienen als die Einheimischen in Sohar. Nach einer anfänglich friedlichen Demonstration, wie es sie in den Wochen zuvor auch in anderen Städten gab, kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Gewaltsame Proteste im Nordosten Omans

Omanis vor einem brennenden Supermarkt in Sohar (Foto:AP)

Omanis vor einem brennenden Supermarkt in Sohar

Dass darüber hinaus öffentliches und privates Eigentum beschädigt und unter anderem ein Supermarkt in Brand gesteckt wurde, sorgt bei einem großen Teil der omanischen Bevölkerung für Unverständnis. Öffentliche Kritik hat im Sultanat – teils aus politischen, teils aus kulturellen Gründen – keine Tradition; gewaltsame Proteste hat es seit Jahrzehnten nicht gegeben. Auch aus diesem Grund verurteilen viele Omanis die Proteste in Sohar – selbst wenn sie zu denen gehören, die sich politische Reformen wünschen. "Ich respektiere, dass es unterschiedliche Meinungen gibt", schreibt zum Beispiel ein User auf der Internetplattform Sabla. "Aber selbst, wenn die Regierung eine Mitschuld an der Situation trägt – kann jemand das dumme Verhalten der Demonstranten rechtfertigen?"

Bislang richten sich die Demonstrationen nicht gegen das Staatsoberhaupt. Auch nach 40 Jahren im Amt ist Sultan Qabus bin Said ausgesprochen beliebt. Kein Wunder: In den vergangenen Jahrzehnten hat er sein Land rasant entwickelt. Während Oman 1970 zu den rückständigsten Staaten der arabischen Welt gehörte, verfügt das Land mittlerweile über eine hervorragend ausgebaute Infrastruktur, die bis in den letzten Winkel reicht. Dass Sultan Qabus faktisch als Alleinherrscher regiert, sorgt allerdings immer deutlicher für Kritik – vor allem bei den jüngeren Omanis, die oft trotz guter formaler Ausbildung Probleme haben, einen Arbeitsplatz zu finden. Die ältere Generation, die sich noch an die mittelalterlichen Zustände vor Qabus' Herrschaftsantritt erinnern kann, ist oft zurückhaltender in ihrer Kritik.

Regierungsumbildung und neue Jobs

Sultan Qabus ist noch immer sehr beliebt: Ein Poster des Sultans ziert die Rückscheibe dieses Autos in Maskat (Foto:DW/Anne Allmeling)

Sultan Qabus ist noch immer sehr beliebt: Ein Poster des Sultans ziert die Rückscheibe dieses Autos in Maskat

Auf die Proteste in Sohar hat Sultan Qabus prompt reagiert, seine Regierung umgebildet und angekündigt, 50.000 neue Jobs zu schaffen. Darüber hinaus sollen Arbeitssuchende künftig umgerechnet knapp 300 Euro pro Monat vom Staat erhalten. Und bei der Ernennung der Minister will Sultan Qabus künftig Mitglieder des Parlaments, das lediglich beratende Funktion hat, berücksichtigen.

Dass es zu weiteren gewalttätigen Protesten kommt, halten viele Omanis für unwahrscheinlich – zumindest wünschen sie es nicht. Den meisten ist bewusst, dass der Lebensstandard in Oman weit über dem in Ägypten liegt. Doch dass sich das Tempo der politischen Reformen erhöhen muss, um auch künftig als fortschrittlicher und friedlicher Staat zu gelten – darin sind sich viele Omanis einig.

Autorin: Anne Allmeling
Redaktion: Thomas Latschan

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