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Musik

"Unmenschliche Musik"

Eine Sinfonie - dargeboten von Bohrmaschinen. Musik der etwas anderen Art präsentierte das Haus der Kulturen in Berlin. Das Festival "Unmenschliche Musik" bot Kompositionen von Tieren, Robotern und Zufällen.

Berlin ist allgemein als kreatives Zentrum experimenteller Musik bekannt, schließlich sind in dieser Stadt schon viele einfallsreiche neue Klänge entstanden: innovativer Techno zum Beispiel, Free Form Jazz und schräger Art Pop. Alle diese neuen Trends wurden allerdings von Menschen entwickelt. Im Haus der Kulturen hingegen waren diesmal ganz andere Klänge zu hören: "unmenschliche Musik" eben.

Ein Roboter spielte Bass, elektrische Bohrmaschinen erzeugten eine 100 Watt-Sinfonie, und auf dem Handy erklang ein Klavierkonzert oder eine Klingonen-Oper. Bei all diesen Stücken spielte der Mensch sowohl bei den Kompositionen als auch bei der Aufführung keine Rolle mehr – oder zumindest wurde sein Anteil auf ein Minimum reduziert.

Das viertägige Festival "Unmenschliche Musik", das jetzt zu Ende ging, bildete den Auftakt zu einem auf zwei Jahre angelegten Themenkomplex im Haus der Kulturen. Das Projekt beschäftigt sich mit dem "Anthropozän" -  jenem laut Geologen angebrochenem neuen Zeitalter also, in dem die Menschheit den Klimawandel und den Wandel des Ökosystems herbeiführt und so den Planeten Erde verändert.

Mensch und Musik

Tamer Fahri Özgönencs Audioinstallation Cluster 100, Musik mit 100 Bohrmaschinen (Foto: DW)

Sinfonie mit 100 Bohrmaschinen

Das wichtigste Ziel des Festivals sei, dass die Besucher ihre Vorstellungen über die Menschheit in Frage stellten, hob Kurator Detlef Diederichsen hervor. "Wer ist der Mensch? Wo sind seine Grenzen? Woher kommt er und wohin geht er? Die Idee ist, einen Schritt zur Seite zu treten und die menschliche Spezies mit anderen Augen anzusehen", betonte er. "Um das zu erreichen, haben wir die Musik genommen, die ja eigentlich als intimste Kunst des Menschen angesehen wird. Wir haben alles Menschliche entfernt und gucken, was übrig bleibt. Ich glaube, so kann man ein neues Bild der menschlichen Rasse kreieren und schauen, was man von ihr erwarten kann."

Entmenschlichung ist bis zu einem gewissen Punkt möglich, aber in jeder Installation offenbarte sich – wenn auch minimal – ein menschliches Eingreifen. Der Bildhauer Kolja Kugler hielt sich weitestgehend zurück. Die Vorführungen seiner mechanisch gesteuerten Figuren Sir Elton Jung und Afreakin Bassplayer wurden von den Robotern selbst angeordnet. "Ich habe das Grundthema vorgegeben, aber wie es ausgeführt wird, ist Entscheidung des Roboters", erklärte er. "Er hat seinen eigenen Willen und seine eigene Art, etwas zu spielen. Ich programmiere den Computer und sage den Bits und Bytes, was sie zu tun haben; dieser Befehl durchläuft Kabel und Prozessoren und endet schließlich in einem Ventil, dass die Bewegungen analog dazu kontrolliert. Das ist schon eine erstaunliche Schleife. Ich glaube, irgendwo da drin muss eine Art höherer Intelligenz sitzen."

Naturklänge

Fernab der einschüchternden Welt beeindruckender, zuckender Roboter liegen die sanften Hügel von Glynwood im US-amerikanischen Bundesstaat Ohio. Dort hat der Musiker David Rothenberg eine Sinfonie aus Holzblasinstrumenten und Insektengezirpe für sein Album "Bugs" aufgenommen. Rothenberg liebt es, die natürliche Musik aus dem Tierreich zu nutzen.

"Das Einfachste ist noch, die Geräusche aufzunehmen, da hilft einem gute Technik; aber die Herausforderung kommt, wenn man hinausgeht, live mit all diesen Geschöpfen spielt und abwartet, was dann passiert", sagte er. "Am Schwersten ist es mit Buckelwalen. Sie singen diese langen, komplizierten Töne, aber manchmal bekomme ich sie dazu, mit mir gemeinsam zu musizieren. Ich glaube, Tiere machen alle Arten von Musik. In der Natur  findet man viel mehr musikalische Elemente als in der Sprache."

Der bassspielende Roboter Afreakin Bassplayer in Kolja Kuglers Audio-Visual-Installation (Foto: DW)

Der "Afreakin Bassplayer" in Aktion

Handykonzert auf Knopfdruck

Nicht alle Installationen im Haus der Kulturen der Welt waren von hochtrabenden Konzepten beseelt, was das Menschsein eigentlich ausmacht oder wie Tiere untereinander agieren. Manchmal reichte ein einfaches Wortspiel zur Inspiration. Das war der Fall bei dem in Berlin ansässigen Elektro-Musiker Andrew Pekler, dessen "Prepaid Piano"-Installation eine Hommage an John Cages Stück "Prepared Piano" darstellte.

"Das 'Prepaid Piano' besteht aus fünf Handys, die im Klavier direkt auf die Saiten gelegt wurden", erklärte der Künstler. "Das Publikum bekommt die Nummern und kann dann anrufen. Der Vibrationsalarm versetzt dann die Klaviersaiten in Schwingung. Dieser Klang wird von Mikrofonen verstärkt und an ein elektronisches Gerät weitergegeben, das den Sound aussteuert, so dass die Klangschleife sich bis bis zum nächsten Signal immer wiederholt."

Das ausverkaufte Festival "Unmenschliche Musik" lockte vor allem junge Menschen an, was Kurator Detlef Diederichsen sowohl überraschte als auch freute. Die Besucher fanden den Ausflug in eine neue Musikwelt äußerst spannend. "Ich interssiere mich sehr für das Thema Anthropozän", meinte ein junger Student. "All diese Installationen waren sehr anschaulich, obwohl sie sich unterschiedlicher Mittel bedient haben. Meiner Meinung nach wurde das Thema gut abgedeckt." Und ein Biologiestudent fügte hinzu: "Ich mache mir jetzt mehr Gedanken über die Funktionsweise der Musik und das Zusammenspiel zwischen Musik und Technik, über ihren Hintergrund eben."

Ohne musikalischen Snobismus

Handynummern - werden sie gewählt, bringen sie in Andrew Peklers Kunstinstallation Prepaid Piano Klaviersaiten zum Klingen (Foto: DW)

"Ruf mich an" - Handynummern aktivieren Klaviersaiten

Kurator Detlef Diederichsen gab zu, dass das Festival wahrscheinlich mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat. Wichtig war ihm, dass die Menschen das Vorurteil über Bord werfen, maschinengesteuerte Musik sei ein Sakrileg und eine Verfälschung des Originals. "Im Fall von Professor Cope waren viele Leute beleidigt, dass seine Maschine im Stil von Johan Sebastian Bach komponiert. Bach ist immerhin eine Art Heiliger in der Musikwelt", erklärte der Kurator.

"So etwas macht Menschen dann aggressiv und sie versuchen, es zu verhindern." Doch warum sei es so wichtig, dass Musik menschlichen Ursprungs sei, fragte Diederichsen weiter: "Was verlieren wir denn schon, wenn morgen ein Ufo auf der Erde landet und Außerirdische mit wunderschöner Musik aussteigen? Was werden wir dann tun - uns umbringen? Musik, Geräusche und Klang können frei interpretiert werden. Ich hoffe, unsere Besucher denken jetzt intensiver über die Menschheit und die menschliche Eitelkeit nach."

Dazu gibt es im Haus der Kulturen in diesem Jahr noch weitere Gelegenheiten. Zwei Festivals sind für 2013 geplant: Böse Musik und Doofe Musik.

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