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Alltagsdeutsch – Podcast

Unkraut vergeht nicht

So genanntes Unkraut ist für viele Menschen ein Ärgernis im heimischen Ziergarten und wird rigoros gejätet. Für andere jedoch handelt es sich um Wildkräuter, die viel zu selten in der Küche Verwendung finden.

Sprecherin:
Dr. Brigitte Klemme bietet in Bad Münstereifel spezielle Wildkräuterkurse an mit dem Untertitel: "Delikatessen vom Wegesrand". Seien Sie unser Gast bei einem Wochenendseminar in der Eifel und lassen Sie sich überzeugen, dass Wildkräuter alles andere als Unkraut sind.

Brigitte Klemme:
"Ich begrüße Sie mit einem Hopfenminze-Aperitif, ich hoffe, er schmeckt Ihnen, und damit Ihnen das Wasser so richtig im Munde zusammenläuft, werde ich Ihnen jetzt das "Delikatessen-vom-Wegesrand-Menü" vorstellen, das wir morgen mit unseren gesammelten Kräutern zubereiten werden. Wir beginnen mit mariniertem Briekäse mit wildem Majoran und Pfefferminz auf Beinwellsprossen, danach gibt es Knoblauchsrauken-Crêpes, gefüllt mit Giersch und Brennnessel. Als Gemüse gebackene Löwenzahnknospen mit einer Kräutersoße, dazu Holler-Sekt und für die Kinder eine Kräuterlimonade, und als Dessert gibt es Rosenparfait mit Gundermann-Konfekt."

Sprecherin:
Eine ungewöhnliche Speisekarte, die Brigitte Klemme, Naturpädagogin aus Berg in der Eifel, ihren Gästen da anbietet: Köstlichkeiten aus Unkraut. Leichte skeptische Blicke wandern hin und her, als sich die 20 Teilnehmer aufmachen, ausgerüstet mit Korb, Schere und Handschuhen, hinaus in die unbekannte Wildnis.

Brigitte Klemme:
"So, wir gehen jetzt erst mal hier den Weg entlang, und ich möchte Ihnen ein paar typische Unkrautpflanzen vorstellen. Ich bin ganz sicher, Sie kennen die im Grunde genommen schon, aber für Ihren Kochtopf haben Sie die bestimmt noch nicht gesammelt. Hier zum Beispiel, dieses Grüne mit den unterteilten Blättern, das ist zum Beispiel Wiesenbärenklau. Und wenn wir jetzt hier ein wenig weitersuchen, dann finden wir hier mit den herzförmigen Blättern Knoblauchsrauke. Da müssen Sie mal dran riechen, die riecht wirklich nach Knoblauch. Und daneben wächst Gundermann. Und hier dieses Hellgelb-Grüne, na, das kennen Sie bestimmt. Das ist Giersch. Das sind alles typische Unkräuter, die die meisten überhaupt nicht in ihrem Garten haben wollen."

Sprecherin:
Unkraut
, ein Begriff, an dem sich die Geister scheiden. Jahrzehntelang galten gewisse Pflanzen als störend an Wegen, in Parks und natürlich im eigenen Garten. Wer diese mit Hacke oder Pflanzengiften, auch Pestizide genannt, beseitigte, galt als ordnungsliebender und akkurater Mensch. Derlei saubere Gärten mögen für viele vielleicht schön aussehen, ökologisch betrachtet aber sind sie langweilig und monoton. Statt einer natürlichen Vielfalt ist in solchen Gärten nur Platz für wenige Pflanzenarten. Erfreulicherweise geht der Trend heute wieder in eine andere Richtung. Naturgarten heißt das modern. Hier wird zwar auch noch gepflegt, aber alle Pflanzen dürfen wachsen, gehören sie doch zur heimischen Flora, sind also Bestandteil der natürlichen Vegetation.

Sprecher:
Als Unkraut verschrieene Pflanzen werden von Umwelt- und Naturschützern gerne auch Wildkräuter genannt, um sie so vor weiterer verbaler wie chemischer Diskriminierung zu schützen. Das ungeliebte Wort Unkraut aber erlebt neuerdings eine Emanzipation. Unkraut, das wird jetzt zu etwas Positivem. Der Sinn des Spruches Unkraut vergeht nicht wird einfach umgedreht. Unkraut vergeht nicht heißt nun selbstironisch: Ich bin nicht kaputtzukriegen, ich gehe nicht unter, mich kriegt keiner klein, ich werde diese Krise schon überwinden. Fast ein politisches Konzept. Jawohl, dieser neuen Unkrautbewegung ist kein Kraut gewachsen. Kein Kraut, keine Medizin, die sie mehr aufhalten könnte. So lebe das Unkraut, hier und überall.

Brigitte Klemme:
"Unkraut, das heißt für mich Leben, das ist Vielfalt, das ist lebendig, das ist einfach Natur, so wie sie Gott geschaffen hat. Auch wenn einzelne Pflanzen sehr unscheinbar aussehen, aber wenn man sie erst mal näher betrachtet, dann sind sie sehr schön einerseits und sie schmecken natürlich auch gut. Und wenn man dann erst mal auf den Geschmack gekommen ist und viele Rezepte dazu weiß, dann hängt einem dieses Hobby wie eine Klette an. Natürlich müssen Sie die giftigen und ungenießbaren Kräuter auch kennen, aber ich will Sie nicht ins Bockshorn jagen. Das ist wirklich nicht schwierig, nur wenige Kräuter sicher zu kennen und mit denen erst mal anzufangen. Und wenn Sie die wirklich hundertprozentig erkennen, brauchen Sie keine Angst zu haben, das Falsche im Kochtopf zu haben."

Sprecher:
Kletten
gehören nicht unbedingt in den Kochtopf, sie zählen zu den Heilpflanzen. Kletten aber sind sehr anhänglich. Ihre Früchte haben Widerhaken an ihrer Außenseite. Streift man mit Rock, Hose oder ein Tier mit seinem Fell vorbei, verhaken sich die Klettenfrüchte darin, und man wird sie so schnell nicht wieder los. Auf diese Weise allerdings kann sich die Pflanze, und das ist der biologische Sinn, ausbreiten. Einen biologischen Hintergrund gibt es auch für das Bockshorn. Das ist ausnahmsweise einmal keine Pflanze. Die Hörner so manchen Schafbockes sehen nicht nur zum Fürchten aus, sie können auch gefährlich werden. Also, Vorsicht vor den Bockshörnern.

Sprecherin:
Aber zurück zu unserem Kräuterkurs. Die anfängliche Skepsis, wenn sie denn vorhanden war, ist bei den Kursteilnehmern schnell der Neugier gewichen. Denn tatsächlich, die meisten kennen die wichtigsten Unkräuter – so vom Sehen. Und von einigen kennen sie sogar die Namen. Nur genau hingeschaut hat noch keiner.

Brigitte Klemme:
"Na ja, diese Pflanze, die kennen Sie doch wohl alle. Ja sicher, das ist die Brennnessel. Und bei der Brennnessel haben wir hier zwei Typen. Das ist einmal die weibliche und einmal die männliche. Hier die weibliche, die hat Früchte. Und die Früchte kann man essen. Pflücken Sie die doch einfach mal ab. Na ja, Sie brauchen nicht so empfindlich zu sein wie eine Mimose, denn die Früchte haben nämlich gar keine Brennhaare. Nur die Blätter."

Sprecher:
Eine Mimose
ist eine empfindliche Pflanze, die bei Berührung sofort ihre Blattteile zusammenklappt. Mit Mimose ist also eine ängstliche Person gemeint, ohne Selbstvertrauen und Mumm. Und wenn sie mal etwas härter angegangen wird, dann ist sie gleich getroffen, eingeschüchtert, oftmals aber auch schnell beleidigt und eingeschnappt.

Sprecherin:
Brigitte Klemme will aufrütteln, Vorurteile abbauen und am Ende all jene Skeptiker überzeugen, die immer noch glauben, Unkraut habe in unserer heutigen Gesellschaft keinen Platz. Unkraut mit anderen Augen zu sehen, das hat sie von ihrer Mutter. Als Kind schon sammelten sie gemeinsam Schafgarbe, Löwenzahn oder Sauerampfer für die Frühlingssuppe. Der Apfel fällt eben nicht weit vom Stamm. Nach einem Biologiestudium und langer wissenschaftlicher Arbeit hat sich Brigitte Klemme heute ganz den Unkräutern verschrieben. Waren es anfänglich nur wenige Interessenten, so sind heute die Wochenendkurse wie auch die Angebote für Schulklassen und Jugendherbergen so gut wie ausgebucht. Die Nachfrage übersteigt ihre Möglichkeiten. Unkräuter, Delikatessen am Wegesrand, sind wieder gefragt. Diese Pflanzen gelten als unbelastet, vorausgesetzt, man sammelt sie nicht neben einer viel befahrenen Autostraße oder auf einem gespritzten oder gedüngten Acker. Außerdem sind sie reich an Vitaminen und Mineralstoffen, und, das ist fast das Wichtigste, sie schmecken auch.

Brigitte Klemme:
"Au ja hier, kommen Sie doch mal hier rüber, das ist eine gute Stelle. Da sind so viele verschiedene Kräuter, und da wächst auch Löwenzahn. Der Löwenzahn ist übrigens eine Pflanze, da kann man alles verwenden. Die Wurzel, da kann man Kaffee draus zubereiten. Die Blätter, nun ja, das kennt jeder, ergeben einen herrlichen Salat, und die Blütenknospen für das gebackene Gemüse, und die gelben Blüten, daraus kann man einen Likör zubereiten. Aber ich rate, nicht zu viel davon zu trinken. Denn, na ja, sonst sind Sie hinterher blau wie ein Veilchen."

Sprecher:
Das wilde Veilchen, eine kleine Pflanze mit ursprünglich kräftig blauen Blütenblättern, muss in vielen umgangssprachlichen Ausdrücken herhalten. Mit blau aber ist hier erst einmal der alkoholisierte Zustand gemeint. Wer blau ist, der ist betrunken, alles wirkt unscharf, verschwommen und eben auch bläulich. Mit einem blauen Veilchen kann aber auch in anderem Zusammenhang ein Bluterguss gemeint sein. Mit der Frage, "was hast du denn da für ein Veilchen?", nimmt man Anteil am vermutlich schmerzhaften, blau geschlagenen Auge.

Sprecherin:
Vom Löwenzahn allein wird man allerdings nicht blau. Die Blüten oder auch Wurzeln müssen einige Wochen in Alkohol eingelegt werden, um sich so zu einem anregenden Aperitif zu wandeln. Wenn Sie dagegen Löwenzahngemüse gleich einmal probieren wollen, hier das Rezept: Die möglichst noch geschlossenen Blüten des Löwenzahns werden ohne Stiel gepflückt, kurz ein bis zwei Minuten in kochendem Wasser blanchiert, dann gut abgetropft, in Eigelb und Paniermehl paniert und in der Pfanne mit etwas Fett goldgelb ausgebacken. Ob heiß als Hauptspeise oder kalt zum Abend, auf alle Fälle in der Küche riecht es wie auf einem Heuboden.

Brigitte Klemme:
"Die Rezepte sind eigentlich recht einfach und von jedem, auch wenn er noch so wenig Ahnung vom Kochen hat, leicht nachzuvollziehen. Im Grunde genommen ist das Kochen mit Unkräutern ja nichts anderes als das herkömmliche Zubereiten von Speisen. Natürlich ist etwas anders: Das eine sind die Pflanzen selbst, denn es sind ja ausgefallene Pflanzen, die man selber sammeln muss, und das andere ist wirklich der andere Geschmack."

Sprecherin:
Diese Wissenslücke ist bei den Kursteilnehmern schnell behoben. Denn wer sich für den Anfang nur einige, wenige Pflanzen richtig anschaut, von nah und fern, sie mit ähnlich aussehenden vergleicht, dran riecht und probiert, der wird das so Gelernte so schnell nicht mehr vergessen.

Brigitte Klemme:
"Das Nutzen von Wildkräutern ist eigentlich nichts Neues und Ungewöhnliches. Ich höre immer wieder von älteren Teilnehmern, dass sie während der Kriegszeiten zum Beispiel Brennnesseln und Löwenzahn gesammelt haben und diese Kräuter als Gemüse oder als Salat zubereitet haben. Viele Kräuter haben auch heute noch Tradition und sind bekannt, wie zum Beispiel der Sauerampfer. Sauerampfersuppe kennt jeder aus der französischen Küche. Viele unserer Vorfahren waren nicht gerade auf Rosen gebettet, und für sie war es wichtig, für 'n Appel und 'n Ei ihr Essen zusammenzustellen. Und sie nutzten alle Wildkräuter als Gemüsepflanzen. Und aus vielen dieser Wildkräuter sind heute unsere Kulturpflanzen entstanden."

Sprecher:
Was man ganz preiswert, fast umsonst erstehen, also sich besorgen kann, das gibt es für 'n Appel und 'n Ei. Was teuer ist, das war schon immer für ärmere Menschen unerschwinglich. Ganz anders sieht es bei denen aus, die auf Rosen gebettet sind. Edelrosen waren früher den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten, sie galten lange als Königsblumen. Wer sich auf Rosen betten konnte, der hatte finanziell keine Sorgen. Er konnte sich alles leisten.

Brigitte Klemme:
"Im Grunde genommen sind diese Seminare ein praktischer Naturschutz oder alternativer Naturschutz. Ich denke mir, wenn ich den Teilnehmenden die Pflanzen näher bringe, indem ich ein schmackhaftes Essen daraus koche, werden sie viel eher daran interessiert sein, diese Kräuter in ihrem eigenen Lebensraum nicht zu vernichten. Sie werden keine Pestizide mehr anwenden. Und ich denke mir auch, dass auf diese Weise die meisten doch bereit sind, wenn sie wissen, dass zum Beispiel ein Kraut als Lebensmittel verwendet werden kann oder als Heilkraut, dass sie diese Pflanze achten und dann auch schätzen lernen und zum Schluss schützen."

Sprecherin:
Brigitte Klemmes Konzept ist einfach und bestechend zugleich: Was ich kenne, was mir gefällt, wozu ich eine Beziehung habe, das mag ich und das schütze oder besser beschütze ich auch. Und wenn das auch noch gut schmeckt, dann ist es wieder einmal bewiesen: Liebe geht durch den Magen.

Sprecher:
Ja, Liebe geht durch den Magen. Mit diesem Spruch wurden schon ganze Generationen gehobener wie normaler Töchter angehalten, kochen zu lernen. Denn nur wer gut kochen kann, bekommt auch einen Mann. Nein, auf Dauer macht es nicht die Schönheit. Nur wem's schmeckt, der bleibt, und dann kommt die Liebe ganz von allein – so sagt es zumindest der Volksmund.

Sprecherin:
Bei den Kursteilnehmern geht es nicht ums Heiraten, aber wenn sich nach zwei Tagen frischer Luft und tatkräftigem Sammeln der nun aufkommende Hunger in Liebe zum Unkraut wandeln soll, dann muss zum krönenden Abschluss Brigitte Klemme nun beweisen, wie sich aus Wiesenbärenklau, Giersch, Beinwell, Brennnessel, Knoblauchsrauke, Gundermann und Vogelmiere wahre Köstlichkeiten vom Wegesrand zubereiten lassen.
Am Ende werden alle überzeugt sein. Dann heißt es zwar immer noch: Unkraut vergeht nicht, aber dieser Spruch wird für die neu gewonnenen Unkrautgourmets eine andere Bedeutung bekommen. Unkraut vergeht, ja, von nun an aber auf der Zunge.


Fragen zum Text:

Eine sehr empfindliche Person nennt man umgangssprachlich auch ...?
1. Brennnessel.
2. Mimose.
3. Klette.

Jemand, der nicht auf Rosen gebettet ist, hat ...?
1. ein Dach über dem Kopf.
2. keinen tiefen Schlaf.
3. nicht viel Geld.

Welche dieser Pflanzen hat eine gelbe Blüte?
1. Löwenzahn
2. Veilchen
3. Wiesenbärenklau


Arbeitsauftrag:
Informieren Sie sich über ein beliebiges, im Text genanntes "Unkraut" und beschreiben Sie die Pflanze so genau, dass Ihr Nachbar eine Zeichnung anhand Ihrer Beschreibung anfertigen kann.

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