UNICEF-Studie: Knapp ein Drittel ist offline | Welt | DW | 11.12.2017
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Digitalisierung

UNICEF-Studie: Knapp ein Drittel ist offline

Noch immer kommen in vielen Ländern der Erde nur die Jugendlichen ins Internet, deren Eltern es sich leisten können. Dabei wäre gerade für die Ärmsten der Zugang wichtig. Wer nicht online ist, wird abgehängt .

"An dem Tag, an dem ich einen Computer mit Internetzugang bekam, änderte sich mein Leben", sagt Iwan Bakaidow in einer gerade veröffentlichten Befragung des Kinderhilfswerks UNICEF. Für Bakaidow, 18 Jahre alt und spastisch gelähmt, geht es nicht nur ums Surfen oder Chatten. Auf dem Weltgipfel für humanitäre Hilfe in Istanbul stellte der junge Russe per Sprachcomputer seine selbstgeschriebene Software für Menschen vor, die - so wie er - weder sprechen noch schreiben können. Statt einzelner Bilder und Wörter wie bei gängigen Programmen enthält sie Standard-Sätze, die mit Hilfe eines Assistenten ausgesucht werden. "Ich hoffe, dass die Kommunikationstechnologie noch weiter entwickelt wird, so dass Menschen wie ich gehört werden", lässt er eine Computerstimme auf der Konferenz sagen. Sein Programm Disqwerty können Betroffene nun kostenlos im Internet herunterladen  - sofern sie denn Internet haben.

Rudi Tarneden (Privat)

Rudi Tarneden, UNICEF: "Die digitale Kluft wächst"

Es sind oftmals die ohnehin Benachteiligten, die am meisten auf das Internet angewiesen sind. Für Kinder mit Behinderungen kann die Alternative "online oder offline" gleichbedeutend sein mit "gleiche Chancen bekommen" oder "ausgeschlossen bleiben", heißt es in der UNICEF-Studie "Kinder in einer digitalen Welt". "Für Jugendliche mit Behinderung ist die Situation in den Entwicklungsländern oft sehr schwierig", sagt UNICEF-Sprecher Rudi Tarneden der DW. In vielen Ländern existierten nur wenige Hilfen, spezielle Förderungen seien oft Mangelware. "Eine bessere technische Ausstattung wäre für diese Kinder von großer Bedeutung und würde ihnen helfen, mit ihrer Situation besser klarzukommen."

Kein Internet, wenig Geld

Doch die Chancen, schnell und ohne größere technische Ausfälle ins World Wide Web zu kommen, sind sehr ungleich verteilt, wie die Studie von UNICEF zeigt. Das Kinderhilfswerk fragte weltweit rund 63.000 Kinder und Jugendliche, wie Smartphones, Laptops und Computer ihr Leben verändert haben - und wer überhaupt online ist. Die Studie zeigt: Trotz zahlreicher Bemühungen ist noch immer fast ein Drittel der jungen Menschen vom Internet abgeschnitten. In Afrika sind sogar drei von fünf Heranwachsenden zwischen 15 und 24 Jahren offline. Zum Vergleich: In Europa liegt das Verhältnis bei eins zu 25.

"Die digitale Kluft, die es weltweit gibt, wächst", warnt Tarneden. "Das ist nicht akzeptabel, bestehende Ungleichheiten werden dadurch noch verstärkt." Denn der Zugang zum Internet entscheidet nicht nur über Wissen und Vernetzung, sondern auch darüber, wieviel der Jugendliche einmal verdienen wird. Zwar haben in Entwicklungsländern mittlerweile fast 70 Prozent der Menschen ein Smartphone, der Hauptzugang vieler zum Internet - doch die ärmsten 30 Prozent, die eben keins haben, dürften dadurch noch weiter zurück fallen. Ihre Chance auf einen qualifizierten Job sinkt.

Afrika, Elfenbeinküste, Digitalisierung durch das Smartphone (Getty Images/I.Sanogo)

Jugendliche in der Elfenbeinküste: In Afrika haben besonders viele junge Menschen kein Zugang ins Netz

"Das Internet spiegelt letztendlich bestehende Gegensätze zwischen Nord und Süd wider", sagt Tarneden. "Vor allem in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara ist die Internetnutzung nur für wenige Heranwachsende möglich. Man kann sich mühelos vorstellen, was es bedeutet, wenn man von der modernen Informationswelt sowohl in der Handhabung der technischen Geräte als auch den Informationen dauerhaft abgeschnitten ist." Auch für die zwölfjährige Waibai aus Kamerun, die für die Studie interviewt wurde, dauerte es lange, bis sie ins Internet gehen konnte.  "Ich erinnere mich noch an den ersten Moment im Internet, das war im Januar 2017. Davor wusste ich noch nicht mal, was das Internet überhaupt war." Ihre Schule nimmt an dem Pilotprojekt "Connect my school" teil. Über Satellit sind die Schule und die nahe Umgebung mit dem Internet verbunden. Die Kinder bekommen Tablets. Waibais liebste App: das Online-Nachschlagewerk Wikipedia.

Mehr als Decken und Nahrung

Waibai, die ursprünglich aus Nigeria kommt, musste vor der Terrororganisation Boko Haram fliehen. Die meisten Flüchtlingskinder in ihrer Klasse hatten genauso wie sie zuvor keinerlei Erfahrung mit dem Internet. Dabei ist der Zugang für geflüchtete Kinder besonders wichtig, vor allem wenn sie in Camps leben und das "echte Leben" weit weg erscheint, sagt die Studie. Doch häufig ist es für sie besonders schwierig, online zu gehen.

Infografik Junge Menschen ohne Internet

"Die meisten jungen Leute müssen weit laufen, um ins Netz zu kommen", sagt der 25-jährige Mahamat Dijida, der in einem Flüchtlingslager im Tschad eine Ladestation betreibt. Oftmals scheitert es schon an der technischen Ausrüstung: "Ich habe kein Telefon, um Hausaufgaben in Biologie zu machen. Es gibt keine Bibliothek im Flüchtlingslager", sagt Adam Souleymane. Sein Freund Ali Amine sagt: "Wir sind hier wie in einer Kiste, die zu ist. Draußen geht die Welt weiter, und wir bleiben zurück."

"Die traditionelle Nothilfe ist bisher auf das physische Überleben ausgerichtet. Das ist natürlich auch zentral", sagt Tarneden. Aber für Kinder und Jugendliche greife das dennoch zu kurz. "Es geht eben auch darum, dass sie als Kinder in dieser wichtigen Lebensphase weiterlernen können, den Kontakt zur Außenwelt nicht verlieren und sich auch ein Stück weit eine normale Umgebung schaffen können." Mittlerweile habe aber ein Umdenken eingesetzt. UNICEF setze sich dafür ein, dass in den Flüchtlingslagern sogenannte kinderfreundliche Orte  geschaffen werden, wo Kinder spielen - aber eben auch ins Netz können.

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