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Asien

"Unheilige" Allianz am Hindukusch

Vermutet wurde es schon lange, durch die jetzt bei Wikileaks veröffentlichten US-Militärakten wird es nun auch belegt: Pakistans Geheimdienst ISI unterhält bis heute enge Kontakte zu den afghanischen Taliban.

Pakistanische Grenzsoldaten kontrollieren einen einreisenden Afghanen (Foto:dpa)

Pakistanische Grenzsoldaten kontrollieren einen einreisenden Afghanen

Ein Mudschaheddin mit einer US-amerikanischen Luftabwehrrakete (Foto:ap)

Ein Mudschaheddin mit einer US-amerikanischen Luftabwehrrakete

Er heißt Inter-Services Intelligence (ISI) – Pakistans mächtigster Geheimdienst. Auf dem Papier untersteht er dem Premierminister, doch in Wirklichkeit haben führende Militärs das Sagen im ISI, der letztendlich wie ein Staat im Staate schalten und walten kann. Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass der ISI lange Zeit so etwas wie der verlängerte Arm der CIA in Afghanistan war. Während der sowjetischen Besatzung in den 1980er Jahren unterstützten die US-Amerikaner über den pakistanischen Geheimdienst die afghanischen Mudschaheddin. Über den ISI schleuste der CIA Waffen und Geld an die Aufständischen in Afghanistan, außerdem wurden die Widerstandskämpfer militärisch von amerikanischen und pakistanischen Militärs ausgebildet. Einige der damals von der CIA unterstützten Kriegsherren sind noch immer aktiv - wie der Islamist Gulbuddin Hekmatyar, der heute zu den erbitterten Feinden des Westens zählt.

Von Freunden zu Feinden

1989: Die Rote Armee zieht sich aus Afghanistan zurück (Foto:ap)

1989: Die Rote Armee zieht sich aus Afghanistan zurück

1989 zog die sowjetische Rote Armee aus Afghanistan ab – zermürbt von einem Jahrzehnt afghanischer Guerilla-Attacken und gebeutelt von hohen Verlusten. Doch das Land am Hindukusch profitierte kaum von der neuen Freiheit. Die USA verloren das Interesse an der Region, die Rivalitäten zwischen den einzelnen Mudschaheddin-Gruppen eskalierten, Afghanistan versank in Bürgerkrieg und Chaos. Vor diesem Hintergrund entstanden 1994 im Süden Afghanistans die Taliban. Die pakistanische Regierung begann schnell damit, die bewaffneten Islamisten um ihren Chef Mullah Omar zu unterstützen. Die radikal-islamische Bewegung bekam schnell starken Zulauf, und die Pakistaner sahen in ihr eine Möglichkeit, das gefährliche Machtvakuum in Afghanistan zu beseitigen und das Land zu stabilisieren. So formten ISI-Mitglieder aus den Taliban innerhalb kurzer Zeit eine schlagkräftige militärische Kraft. Ende 1996 marschierten die Taliban in der Hauptstadt Kabul ein und übernahmen die Macht. Pakistan war kurz darauf der erste Staat, der das Regime offiziell anerkannte.

Doch die Terroranschläge gegen das World Trade Center am 11. September 2001 rückten Afghanistan wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Schnell waren die Taliban als diejenigen ausgemacht, die den Drahtziehern des Anschlags Unterschlupf gewährten: den Al-Kaida-Kämpfern um Osama bin Laden. Schon kurz darauf marschierten internationale Truppen in Afghanistan ein und brachten die Taliban-Regierung zu Fall.

Aufgezwungener Kurswechsel

Pakistans Ex-Präsident Pervez Musharraf (Foto:ap)

Unter Präsident Musharraf vollzog Pakistan seinen 'Kurswechsel'

Damit wurde auch Pakistan gezwungen, seine Politik zu ändern – zumindest offiziell. Bis heute gilt Pakistan für die USA als einer der wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen die Taliban in Afghanistan. Inoffiziell jedoch pflegen zumindest Teile des ISI bis heute exzellente Kontakte zu den Taliban – "bis hinein in die höchste Führungsebene", wie eine erst kürzlich veröffentlichte Studie der London School of Economics (LSE) belegt. So soll der pakistanische Geheimdienst auch an einem Anschlag auf die indische Botschaft in Kabul im Juli 2008 beteiligt gewesen sein, der den Taliban zugerechnet wird.

Bis heute gilt das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet als Rückzugsraum für Taliban und Al-Kaida-Kämpfer. Erst als auch in Pakistan immer neue Anschläge verübt wurden, begann das Militär in der Grenzregion massiv gegen die Extremisten vorzugehen. Auch wenn Pakistan das vehement bestreitet, unterscheidet die pakistanische Armee dabei mittlerweile aber sehr wohl zwischen ihnen "freundlich" und "feindlich" gesinnten militanten Gruppen. Bestimmte Gruppierungen werden massiv unterstützt, und nur die, die sich nicht mehr kontrollieren oder instrumentalisieren lassen, werden bekämpft. In der LSE-Studie heißt es daher auch, dass der ISI die Aufständischen in Afghanistan trotz der laufenden Militäroffensive in der pakistanischen Grenzregion weiter fördert. ISI-Mitarbeiter sollen sogar in den Führungsgremien der Taliban vertreten sein. In den von Wikileaks veröffentlichten US-Militärberichten finden sich Hinweise, die diese Thesen stützen. Auch im Kaschmir-Konflikt mit Indien soll der ISI gezielt militante Gruppierungen gefördert haben, so etwa auch die Terrorgruppe Lashkar-e-Taiba, die mit den Terroranschlägen im indischen Mumbai im November 2008 in Verbindung gebracht wird. Der pakistanische Geheimdienst betrachtet Indien noch immer als den eigentlichen Feind in der Region. Um nicht umzingelt zu werden, muss Pakistan sich seinen Einfluss in Afghanistan sichern – indem es die Taliban für seine Zwecke einspannt. Offiziell bestreitet Pakistan jedoch jegliche Verbindungen zu militanten Extremisten vehement.

US-Außenministerin Hillary Clinton zu Gast in Pakistan (Foto:ap)

Erst vor wenigen Tagen hatte US-Außenministerin Clinton Pakistan Hilfsgelder von über 500 Millionen Dollar zugesagt

USA ohne Alternativen?

Selbst wenn sich die Verbindungen zwischen pakistanischem Geheimdienst und afghanischen Taliban bewahrheiten sollten, werden die USA ihren Kurs gegenüber Pakistan kaum ändern. Washington hat die Regierung in Islamabad seit 2001 mit mehreren Milliarden Dollar im Kampf gegen die Taliban unterstützt. Die Verflechtungen von ISI und Taliban dürften in Washington schon lange vor der Veröffentlichung der Wikileaks-Dokumente bekannt gewesen sein. Letztendlich sehen die USA jedoch kaum eine Alternative dazu, bei der Bekämpfung der Taliban mit dem pakistanischen Militär zusammenzuarbeiten – jedenfalls nicht, solange diese die Stammesgebiete im unübersichtlichen Grenzgebiet zu Afghanistan weiter als Rückzugsraum nutzen können.

Autor: Thomas Latschan (afp, ap, dpa)
Redaktion: Miriam Klaussner