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Politik

Unhaltbare Zustände im US-Militärkrankenhaus Walter Reed

Die im Irak-Krieg verletzten US-Soldaten werden unter anderem im Walter-Reed-Krankenhaus in Washington behandelt, das bekannt ist für eine erstklassige medizinische Versorgung. Doch jetzt gibt es einen dicken Skandal.

Abtransport eines verwundeten US-Soldaten in der Nähe von Bagdad

Im Irak-Krieg kommen auf einen toten US-Soldaten 16 Verletzte, die mit teilweise schweren Verletzungen in die Heimat zurückkehren

Ein Bericht der Washington Post vor knapp zwei Wochen brachte einen Skandal ans Licht, der seitdem die Gemüter in Washington erhitzt und immer größere Kreise zieht: Erst wurde der Kommandeur des Krankenhauses entlassen, jetzt ist auch der Miltärstaatssekretär zurückgetreten.

Reporter vor dem Mologne Haus, das zum Walter-Reed-Krankenhaus gehört (Quelle: AP)

Amerikas Öffentlichkeit ist entsetzt: Reporter vor dem Mologne Haus, das zum Walter-Reed-Krankenhaus gehört

Es war ein sichtlich verärgerter Verteidigungsminister, der am Freitag (2.3.) vor die Presse trat. Robert Gates teilte der Öffentlichkeit kurz und knapp mit, dass er sehr unzufrieden sei mit der Art und Weise, wie die Armee mit der Enthüllung über die unhaltbaren Zustände auf dem Walter Reed-Gelände umgeht. Und dass er das Rücktrittsgesuch von Militärsstaatssekretär Francis Harvey angenommen habe.

Bereits kurz nach dem Bekanntwerden des Skandals hatte Gates eine Untersuchungskommission eingesetzt und klare Worte gesprochen: "Nachdem die Fakten feststehen, werden diejenigen, die diese untragbaren Zustände zugelassen haben, zur Verantwortung gezogen."

Schimmel, Kakerlaken und Gestank

Die Bilder, die zunächst in der Washington Post und dann auf allen Fernsehkanälen zu sehen waren, zeugten von unhaltbaren Zuständen. Die Tapete in den Zimmern der Soldaten fiel teilweise von den Wänden, dahinter waren große Schimmelflecken zu sehen. Die Decke einer Dusche war verrottet, das Loch gab den Blick in den Duschraum im Stockwerk darüber frei. Möbel und Matratzen waren alt. In ihren Berichten schilderten zwei Reporterinnen, was sie im so genannten Gebäude 18 gesehen und erlebt hatten: Mäusekot und Kakerlaken, schrecklichen Gestank und verdreckte Teppiche.

Ein an den Beinen amputierter US-Soldat sitzt mit Prothesen im Rollstuhl (Quelle: dpa)

22 Jahre alt und kriegsversehrt: ein US-Soldat im Walter-Reed-Krankenhaus

Und sie schrieben von den bürokratischen Hürden, die die Soldaten durchlaufen mussten. Teilweise kümmere sich überhaupt niemand mehr um die Männer, die im Irak-Krieg schwer verletzt worden waren. Dabei hatte Präsident George W. Bush im April 2005 gesagt: "Viele unserer Soldaten sind mit schweren Verletzungen aus dem Krieg zurückgekommen, die sie ihr ganzes Leben mit sich tragen werden. Amerika wird seine Pflicht erfüllen und ihnen die bestmögliche medizinische Versorgung zur Verfügung stellen."

Angst sich zu beschweren

Dana Priest, eine der beiden Journalistinnen, erzählte dem Sender MSNBC, dass sie von jemandem auf die Zustände im so genannten Gebäude 18 aufmerksam gemacht wurde. Das Haus ist ein ehemaliges Hotel, in dem Soldaten wohnen, die keine ständige medizinische Hilfe mehr benötigen, sich aber noch von ihren Verletzungen erholen müssen und ambulant behandelt werden.

Und das seien 700 Menschen, plus Familienangehörige. Nach dieser Information habe sie angefangen zu recherchieren und mit den Menschen zu sprechen. "Die Menschen, die mit uns geredet haben, sind ein großes Risiko eingegangen. Für jeden, der in der Geschichte namentlich zitiert wird, gibt es ein Dutzend, die das gleiche erzählt haben, die aber nicht zitiert werden wollten, weil sie Angst hatten, bestraft zu werden", sagt Priest.

Nichts mehr zu verlieren

US-Soldat mit amputiertem Bein im Walter-Reed-Militärkrankenhaus (Quelle: dpa)

US-Soldat mit amputiertem Bein im Walter-Reed-Krankenhaus

Feldwebel John Daniel Shannon ist einer von denen, der seine Vorwürfe öffentlich gemacht hat. Der Scharfschütze wurde 2004 im Irak selbst von einer Kugel getroffen, sein Schädel zersplitterte, sein Gehirn wurde verletzt und er verlor ein Auge. Zwei Jahre war er im Krankenhaus, dann wurde er in das Gebäude 18 verlegt. Sein Bild war auf der Titelseite der Washington Post. Denn was, so erzählte er Dana Priest, sollten sie ihm nach allem noch antun.

Er habe damals in seinem Zimmer gesessen, mit Medikamenten vollgepumpt nach der Gehirn- und Augenoperation, hat er Priest erzählt, und niemand habe sich um ihn gekümmert. "Also hat er angefangen nachzufragen, herumzutelefonieren um herauszufinden, was er machen soll, wohin er gehen soll. Schließlich fand er den Mann, der für ihn zuständig war und der fragte ihn, wo er denn gewesen sei. Er antwortete, was das denn zu bedeuten habe. Er sei schließlich der Patient und der andere sei dazu da, ihm zu helfen."

Unverständlich ist für Dana Priest und für die amerikanische Öffentlichkeit vor allem, warum alle Versuche, die Zuständigen auf die katastrophalen Verhältnisse aufmerksam zu machen, erfolglos blieben. Und solche Versuche gab es offenbar einige. In den Tagen, nachdem der Artikel der Washington Post erschienen war, besuchten mehrere hochrangige Angehörige der Armee das Gelände, unter ihnen General Richard Cody, Vizestabschef der Armee. Er sagte dem Fernsehsender CNN: "Ich bin noch nie hier gewesen – ich wünschte, ich wäre hergekommen. Ich verstehe das nicht und bin enttäuscht von mir selbst. Mir wurde gesagt, es sei alles in gutem Zustand hier."

Personelle Konsequenzen

US-Soldaten tragen einen verwundeten Kollegen zur Ambulanz (Quelle: AP)

US-Soldaten tragen im Irak einen verwundeten Kollegen zur Ambulanz

Verteidigungsminister Robert Gates hat seine Ankündigung wahr gemacht: als erster hochrangiger Offizier musste am Donnerstag Generalmajor George Weightman gehen. Er war seit August für das Walter-Reed-Krankenhaus zuständig. Was Robert Gates offenbar verärgerte und zum Rücktritt von Staatssekretär Harvey führte, war der Ersatz, den die Armee zunächst für Weightman vorgesehen hatte: Generalleutnant Kevin Kiley sollte den Posten kommissarisch übernehmen. Doch der hatte bis 2004 die Oberaufsicht über das Walter-Reed-Krankenhaus. Die Situation in Haus 18 aber, so die übereinstimmenden Berichte der Soldaten, ist schon seit vielen Jahren unhaltbar.

Kiley sei einer von denen gewesen, die auf Kritik nicht reagiert hätten. Er hatte auch den Zeitungsartikel der Washington Post als einseitig bezeichnet und Reportern, die das Gebäude besuchten, gesagt: "Es gibt hier schon ein paar offene Punkte, aber dies ist kein katastrophales Versäumnis des Krankenhauses. Einiges ist nicht gut, aber Sie haben auch akzeptable Räume gesehen."

Kiley wurde am Freitag bereits wieder von seiner Aufgabe entbunden, statt seiner soll Generalmajor Eric Schoomaker die Leitung von Walter Reed übernehmen. Schoomaker ist Chef der Medizinischen Forschungsleitstelle der US-Armee. Auch US-Präsident George Bush hat sich inzwischen eingeschaltet. Er ordnete eine umfangreiche Überprüfung an und will offenbar eine weitere Untersuchungskommission einrichten.

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