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Alltagsdeutsch – Podcast

Ungeziefer

Vom Wortursprung her ist "Ungeziefer" ein unreines, nicht zum Opfern geeignetes Tier. Es wird bekämpft, meist mit der chemischen Keule. Ausnahmen sind Läuse und Flöhe, die sprichwörtlich im Pelz oder im Ohr sitzen.

Sprecherin:

Läuse, Flöhe, Motten, Zecken, Schaben, Kakerlaken: Wenn wir an diese Tiere nur denken, läuft manchen schon ein kalter Schauer über den Rücken.

Sprecherin:

Eines haben die vorher genannten Tiere gemeinsam: Sie werden als Ungeziefer oder Schädlinge bezeichnet. Bei Ungeziefer handelt es sich nicht nur um Insekten. Peter Klaas gibt eine allgemeine Erklärung.

Peter Klaas (Zoologe):

"Ungeziefer ist alles das, was uns im Prinzip in unserer Lebensqualität einschränkt, belästigt oder auch halt gesundheitliche Schäden verursacht."

Sprecher:

Deshalb werden auch Mäuse, Ratten und Tauben als Ungeziefer oder Schädlinge bezeichnet, da sie Krankheiten übertragen und den Menschen Schaden zufügen können. Wenn die Lebensqualität eingeschränkt ist, heißt das, dass man nicht mehr frei und unbekümmert leben kann. Dann hat man mit Krankheiten zu kämpfen oder ist ständig damit beschäftigt, das lästige Ungeziefer, das sich zum Beispiel in Lebensmittel oder Kleider eingenistet hat, wieder loszuwerden.

Sprecherin:

Ein einzelnes Tier würde sicherlich nicht stören. Schon gar nicht, wenn es sich draußen in der Natur aufhält. Unangenehm wird es für den Menschen dann, wenn diese Tiere in den Wohnungen leben. Allerdings schaffen wir für diese Tiere in unseren Wohnungen oder Häusern optimale Bedingungen, damit das Ungeziefer sich auch richtig wohl fühlt.

Peter Klaas:

"Arten, die in normalerweise draußen, in freier Natur in ganz trocken-heißen Gegenden vorkommen, finden natürlich in unseren, zum Beispiel zentral geheizten Wohnungen, auch eben diese entsprechenden Lebensbedingungen. Sind die Lebensbedingungen gut, neigen einige Arten natürlich zur Massenvermehrung."

Sprecher:

In Deutschland werden die meisten Wohnungen inzwischen zentral geheizt. Die Häuser haben eine eigene Zentrale, von der aus die Temperatur für das ganze Haus gesteuert wird. Der Mieter dreht dann in seiner Wohnung einfach die Heizung auf und im nächsten Moment wird es wohlig warm. Dadurch muss man nicht wie früher, als es noch Öfen gab, in den Keller gehen und von dort die Kohlen in die Wohnung schleppen, was ausgesprochen lästig war. Für Ungeziefer sind diese warmen Wohnungen natürlich auch sehr willkommen. Sie fühlen sich dort so wohl, dass sie zur Massenvermehrung neigen. Das Verb neigen bedeutet häufig, dass man etwas neigt, zum Beispiel den Kopf, wenn man eine Verbeugung macht. Hier heißt neigen, dass es eine bestimmte Tendenz oder Richtung gibt, wie etwas geschieht. Nämlich, dass diese Tiere in kürzester Zeit eine riesige Menge an Nachkommen produzieren und dann zu Hunderten die warmen Wohnungen bevölkern.

Sprecherin:

Hat man das Ungeziefer einmal im Haus, ist es nicht leicht wieder zu vertreiben. Mit einfachen Mitteln aus dem Supermarkt können diese lästigen Tiere aber meistens nicht vertrieben werden. Deshalb müssen Profis her, die sich mit der Ungezieferbeseitigung auskennen. Günter Temp ist so ein Profi. Er ist Schädlingsbekämpfer und hat jahrelange Erfahrung im Umgang mit solchen Tieren. Die Berufsbezeichnung Schädlingsbekämpfer gibt es allerdings noch nicht so lange. Der Beruf an sich ist aber schon sehr alt und heute bei vielen noch unter einem anderen Namen bekannt, wie Günter Temp zu berichten weiß:

Günter Temp:

"Im Volksmund ist es immer noch der Kammerjäger. Das ist auch eigentlich kein abartiger Name. Früher waren die Kammerjäger gefragte Leute bei Reichen, bei Fürsten und so weiter. Und die feinen Leute, die sich das leisten konnten, holten dann sich die Leute in ihr Haus, in ihre Kammer, und daher der Name Kammerjäger."

Sprecherin:

Heute kann sich fast jeder einen Kammerjäger leisten, deshalb ist der Einsatzbereich eines Kammerjägers riesig groß. Der reicht...

Günter Temp:

"vom dreckigsten Keller bis zum schönsten Schloss."

Sprecher:

Kammerjäger ist die normale, geläufige Bezeichnung für das, was diese Leute machen, nämlich in den Kammern nach Ungeziefer jagen. Als Kammern werden heutzutage kleine Räume, wie Vorratskammern oder Rumpelkammern bezeichnet, in denen man allerlei nützliche oder unnütze Dinge verstaut. Ursprünglich sind Kammern Zimmer mit hoher, gewölbter Decke, die in Schlössern und Burgen zu finden sind. Deshalb war der Kammerjäger früher der fürstliche Leibjäger, der diesen von Wanzen und Flöhen befreien sollte, und die waren damals noch viel mehr verbreitet als heute.

Sprecherin:

Für Restaurants oder Hotels ist es fast alltäglich, den Kammerjäger zu rufen. Denn in den meisten alten Gebäuden leben zum Beispiel Kakerlaken im Keller oder in dunklen, versteckten Winkeln. Die werden von der Wärme oder den Essensgerüchen angelockt und kommen in die Küchen oder Gasträume. Damit die Gäste sicher sein können, dass sie keine Kakerlaken in der Suppe finden, hat Günter Temp folgenden Vorschlag:

Günter Temp:

"Wenn Hotels, Gaststätten und so weiter bearbeitet werden, da müsste genauso ein Schild draußen an der Türe festgemacht werden, wie: 'Der ADAC empfiehlt dieses Haus', müsste da stehen: 'Dieses Haus wird regelmäßig auf hygienischen Zustand geprüft'."

Sprecher:

Der ADAC ist der Allgemeine Deutsche Automobil-Club, der vor allem dann gerufen wird, wenn man auf der Autobahn einen Unfall hatte und das Auto abgeschleppt werden muss. Er gibt aber auch Reiseführer heraus, in denen zum Beispiel Hotels oder Campingplätze empfohlen und benotet werden. Diese dürfen sich dann ein Schild mit dieser Auszeichnung an die Empfangstür hängen. So eine Empfehlung wünscht sich Günter Temp auch für Gaststätten, die regelmäßig von Kammerjägern auf Ungeziefer geprüft und gegebenenfalls davon befreit werden.

Sprecherin:

Wie wir gehört haben, ist für Leute, die in der Gastronomie arbeiten, der Umgang mit Ungeziefer nichts Besonderes mehr. Ganz anders reagieren dagegen Privatpersonen, die den Kammerjäger rufen müssen.

Günter Temp:

"Ja, man sagt immer 'kommen Sie auch neutral?' Es ist eigentlich falscher Stolz. Ich denke immer, wenn ich etwas mache und unternehme gegen Ungeziefer, dann sollte man eigentlich doch meinen, der Mensch ist sauber, der will das nicht haben."

Sprecher:

Den Leuten ist es wegen ihrer Nachbarn oft unangenehm, wenn sie den Kammerjäger rufen müssen. Deshalb wollen sie, dass er neutral kommt, also ohne Reklametafeln am Auto oder bekleidet mit auffällig bunten Schutzanzügen. Das Wort neutral geht aus dem lateinischen "ne" für "nicht" und "uter" für "einer von beiden" hervor. Wir verwenden neutral heute im Sinne von "unparteiisch".

Sprecherin:

In deutschen Haushalten sind vor allem Motten weit verbreitet. Fast jeder hat schon einmal, in welcher Form auch immer, mit Motten zu tun gehabt. Meistens handelt es sich dabei um die Kleidermotte, die für den Menschen zwar nicht schädlich ist, aber gern in Wollpullovern ihr Unwesen treibt. Große Löcher in den Kleidungsstücken sind die Hinterlassenschaft dieser unangenehmen Besucher. Wie man sich gegen diese Tiere zur Wehr setzen kann, berichtet ein Opfer, bei dem sich die Motten im Teppich versteckt hielten.

Befragte Frau:

"Erst mal hab ich das ganze Zimmer ausgeräumt, weil das so widerlich war. Hab' den Teppich in die Reinigung gebracht, und der musste auch speziell dann noch mal imprägniert werden gegen Motten, da gibt's so Mottenschutz für Teppiche. Habe alle Klamotten, die ich habe, gewaschen. Habe jeden Winkel und jede Ecke sauber gemacht und hab' auch noch zusätzlich zur Chemo-Keule gegriffen."

Sprecher:

In der Reinigung wurde der Teppich imprägniert. Er wurde also mit einer speziellen chemischen Flüssigkeit behandelt, die den Teppich schützt. Zusätzlich wurde noch zur Chemo-Keule gegriffen. Eine Keule ist normalerweise ein dicker Stock, mit dem man auf etwas schlägt. Die Motten wurden allerdings nicht von einer Frau, die eine Keule schwingt, erschlagen. Bei der Chemo-Keule handelt es sich um ein starkes chemisches Mittel gegen Ungeziefer, das alles, was damit behandelt wird, auch ganz sicher vernichtet.

Sprecherin:

Motten leben nicht nur als reale Tiere in unseren Wohnungen und Teppichen, sondern sie existieren auch in Form von Redewendungen in der deutschen Sprache. Insektenforscher Peter Klaas über den Ausspruch die Motten kriegen:

Peter Klaas:

"Wenn jemand sagt, er kriegt die Motten, dann ist das eine relativ spontane Reaktion, eine relativ schnelle Reaktion auf eine unangenehme Situation. Ich denke mir, dass das im übertragenen Sinne bedeutet, wenn jemand zu Hause tatsächlich Motten bekommen hat, diese Tiere treten in relativ kurzer Zeit sehr zahlreich auf. Und man bekommt sie auch schlecht wieder weg, wenn man nicht weiß, wie man das macht. Ich denke mir, das ist einfach ein Ausdruck für diese spontane, unangenehme Situation, der man selbst nicht Herr werden kann."

Sprecher:

In Bezug auf die Motten oder anderes Ungeziefer, ist es sicherlich nicht immer ganz leicht, der Situation oder Lage Herr zu werden. Das heißt, man kann nicht aus eigener Kraft die Lage beherrschen, sondern muss sich Hilfe holen. In unserer Situation kann das der Kammerjäger oder die Chemo-Keule sein.

Sprecherin:

Motten und Kakerlaken sind wirklich unangenehme Tiere, für den Menschen sind sie aber relativ harmlos. Ein anderes Tier, das im Prinzip auch harmlos ist, wird trotzdem von den Kammerjägern gejagt: die Taube. In den meisten Großstädten ist es inzwischen verboten, Tauben zu füttern, weil man weiß, dass sie schlimme Krankheiten übertragen können.

Musik:

Georg Kreisler: Taubenvergiften

"Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau,

Geh'n mer [gehen wir] Tauben vergiften im Park!

Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau,

Gehn mer Tauben vergiften im Park!

Wir sitzen zusamm' in der Laube

Und a [ein] jeder vergiftet a [eine] Taube,

Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark

Beim Tauben vergiften im Park."

Günter Temp:

"Tauben sind indirekte Überträger von Zecken zum Beispiel. Und die können auch wieder Bakterien übertragen durch den Kot, den sie absondern. Oder auch die Tiere können infiziert sein, also die Zecken. Und die können beim Blutsaugen am Menschen die Borreliose übertragen. Und das ist nicht von schlechten Eltern."

Sprecher:

Wenn etwas nicht von schlechten Eltern ist, dann ist etwas sehr gut gelungen. Im Fußball sagt man zum Beispiel zu einem besonders harten Schuss, der dann auch direkt ins Tor geht, der war nicht von schlechten Eltern. In unserem Beispiel hat dieser Ausdruck die Bedeutung, dass etwas sehr ernst zu nehmen ist, nämlich die Borreliose. Bei der Borreliose handelt es sich um eine Krankheit, die für den Menschen sehr bedrohlich sein kann. Sie ist mit Hautrötungen verbunden, mit starken Gelenk- und Nervenschmerzen und kann sich über Monate oder Jahre hinweg ziehen. Übertragen wird sie von den Zecken.

Sprecherin:

Bis vor kurzem war es relativ schwierig, etwas gegen Tauben und deren Zecken zu unternehmen. Denn am liebsten leben Tauben unter den Dächern alter Häuser, von wo man sie fast nicht mehr verscheuchen kann. Dort verursachen sie manchmal so viel Dreck, dass die Häuser abgerissen oder ausgebrannt werden müssen, um die Schädlinge wieder los zu werden. Günter Temp hat das Problem nach jahrelanger Überlegung aber in den Griff bekommen. Seine neue Methode heißt "Taubenzeckenverfahren".

Günter Temp:

"Ich bin praktisch derjenige, der das entwickelt hat und dieses Verfahren ist ideal bei bewohnten Objekten. Also, ich brauch nichts mehr abzureißen. Ich kann mit 10 Millimeter Löchelchen da das Material hinbringen, wo es hingehört und belaste nicht die Innenräume."

Sprecher:

Wenn Günter Temp von Löchelchen spricht, dann meint er damit ganz kleine Löcher, in die er einen giftigen Wirkstoff hinein gibt. Die Zecken werden von diesem Stoff angelockt. Sie fressen ihn, trocknen aus und sterben.

Sprecherin:

Widmen wir uns zum Schluss einem etwas kleineren und harmloseren Tier: dem Floh. Der ist lästig, und die vielen Stiche erinnern einen noch tagelang an diesen kleinen Blutsauger. Meistens piesackt, also quält er uns an den Armen oder Beinen, aber manchmal sitzt der Floh sogar im Ohr. Peter Klaas weiß, was es damit auf sich hat.

Peter Klaas:

"Im übertragenen Sinne kann ich mir nur vorstellen, dass ein Floh, den man ins Ohr gesetzt bekommt, das ist ein Tier, was man nicht mehr weg bekommt. Also, man wird sich immer wieder stündlich daran erinnern und man kriegt es im übertragenen Sinne nicht mehr aus den Gedanken heraus."

Sprecherin:

Vielleicht haben wir es geschafft, Ihnen mit diesem Beitrag einen Floh ins Ohr zu setzen, so dass Sie sich noch lange daran erinnern, was es heißt, wenn der Kammerjäger das Ungeziefer vernichtet.


Fragen zum Text

Bestimmte Schädlinge vermehren sich besonders, wenn es … ist.

1. feucht

2. kalt

3. warm

"Der Frühling, der dringt bis ins innerste Mark" bedeutet in dem Lied:

1. man freut sich

2. der Frühling nistet sich im Körper ein.

3. man ist verliebt.

Die Redewendung nicht von schlechten Eltern sein besagt, dass…

1. jemand gut erzogen ist.

2. etwas gut gelungen oder sehr wirkungsvoll ist.

3. jemand adlig ist.

Arbeitsauftrag

Bilden Sie zwei Gruppen: Die eine Gruppe vertritt Umweltschützer, die andere ein Chemieunternehmen. Diskutieren Sie nun kontrovers das Für und Wider eines Einsatzes von Chemikalien zur Ungezieferbekämpfung. Fassen Sie die Ergebnisse anschließend in einem Abschlussprotokoll zusammen.

Autorin: Claudia Stenull

Redaktion: Beatrice Warken

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