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Wirtschaft

Ungemütliche Zeiten für die Herrscher des Universums

Private Equity Firmen jonglieren mit immer größeren Miliardenbeträgen. Ein großer Player plant nun den Börsengang. Doch der Ruf nach Kontrolle wird lauter; auch in Großbritannien - bislang ein Biotop für "Heuschrecken".

Wolkenkratzer vor New Yorker Nachthimmel (Quelle: AP)

Höher, weiter, schneller - wer zähmt die Private Equity-Branche?

Die mit Vorliebe von den angelsächsichen Medien so titulierten "Herrscher des Universums" sind reich, zahlen kaum Steuern und haben ein Konto in der Karibik. Ob und mit wem sie über ihre Arbeit sprechen, können sie sich weitgehend selbst aussuchen – bis zu dieser Woche. Vier Chefs von Private Equity Firmen (PE) – das sind "private Kapitalbeteiligungsgesellschaften" – wurden am Mittwoch (20.6.2007) vor einen Finanzausschuss des britischen Unterhauses zitiert. Darunter auch Top-Manager der Firmen Kohlberg Kravis Roberts (KKR) und Permira, die Ende letzten Jahres die ProSiebenSat.1 Media AG übernommen hatten.

Die US-Gruppe Blackstone - einer der größten der Branche und Großaktionär der Deutschen Telekom - hätte ebenso gut auflaufen können. Doch dort war man vermutlich mit dem eigenen Börsengang beschäftigt. Am Freitag brachte Blackstone 12,3 Prozent seines Kapitals für umgerechnet 3,1 Mrd. Euro an die Wall Street. Der Preis der angeblich mehrfach überzeichneten Aktie lag mit 31 Dollar am oberen Ende der Spanne - ein Zeichen für die hohen Erwartungen der Anleger. KKR will bald nachziehen, berichtet die New York Times.

Fragen in London

Parlamentsgebäude Westminster, London (Quelle: dpa)

Investoren im Visier der Politik

Das parlamentarische Verhör der Weltenherrscher in der britischen Hauptstadt ist das neueste Kapitel in der zunehmend hitzigen Debatte um die Rolle von PE Firmen. Auch wenn die Londoner Befragung sich mehr auf technische Fragen der Finanzierung und Besteuerung beschränkte, markiert sie eine neue Qualität: Die Aktivitäten der Branche sind auf dem politischen Radarschirm ganz oben registriert worden – parteiübergreifend. Im Gegensatz zu Deutschland ist dieser Schritt gerade in Großbritannien von Bedeutung. Dort haben PE-Unternehmen bislang besonders gute Rahmenbedingungen und erwirtschaften mit ihren Investments einen Anteil von 1,25 Prozent des britischen Bruttoinlandsprodukt – in Deutschland sind es nur 0,31 Prozent.

Ein Kernbereich von Private Equity-Firmen sind Investment-Fonds, mit denen sie "unterbewertete" Unternehmen kaufen, sie umstrukturieren und nach durchschnittlich fünf bis sieben Jahren mit Gewinn wieder abstoßen – etwa durch einen Börsengang oder den Verkauf an ein anderes Unternehmen. Für ihre Einkaufstouren besorgten sich PE-Firmen in Europa im Jahr 2006 die Rekordsumme von 112 Mrd. Euro – 55 Prozent mehr als im Vorjahr, so der Europäische PE-Interessenverband EVCA. Klinkenputzen gingen sie dafür bei Rentenkassen, Banken und Versicherungen. Angelockt durch hohe Renditen, wird den PE-Firmen von diesen das Geld scheinbar fast hinterher geworfen. "Nur" 72 Milliarden Euro wurden auch für Investitionen ausgegeben, obgleich auch dies ein neuer Rekord ist. Damit wurden über 7500 Unternehmen gekauft. Rund 90 Prozent davon sind mittelständische Betriebe.

Private Equity Fonds "schaffen schlechte Arbeitsplätze"

Nahaufnahme Heuschrecke (Quelle: dpa)

Arbeitsminister Müntefering mag keine Heuschrecken

Die Kritik an der Branche entzündet sich hauptsächlich daran, in welcher Weise gekaufte Unternehmen umstrukturiert werden. Auf der Suche nach hoher Rendite fielen PE-Firmen über andere Unternehmen her, rationalisierten Arbeitsplätze weg, trennten und verkauften Unternehmenssparten, klagen insbesondere die Gewerkschaften. Dieses Bild veranlasste auch Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) zu seiner Feststellung, es seien "Heuschrecken" am Werk.

Gar nicht wahr, sagen dagegen Branchenverbände, wie der EVCA. Der Einstieg der PE-Investoren schaffe Raum, die Unternehmensführung zu verbessern und das Profil auf Kerngeschäfte zu konzentrieren. Sie stellten den unterstützten Betrieben wichtiges Know-How zur Verfügung und schafften damit Arbeitsplätze. Dafür führen sie mehrere Erhebungen an. Darunter eine Meta-Studie der Unternehmensberatung AT Kearney von 2006: Die fasst mehrere unabhängige Untersuchungen zusammen und konstatiert, dass in Europa die Zahl der Arbeitsplätze in PE-gesponserten Betrieben jährlich sogar um durchschnittlich 5,4 Prozent wächst. Das ist doppelt so viel in allen anderen Unternehmen.

Blackstone Firmenlogo (Quelle: AP)

Blackstone ist Großaktionär bei der Telekom

"Aber um welchen Preis?", kontert Michael Schlecht, Bereichsleiter Wirtschaftspolitik der Dienstleitungsgewerkschaft Verdi. "Die Löhne sinken, Arbeitszeiten werden länger, die Arbeitsbedingungen schlechter." Jüngstes Beispiel dafür sei der Gewerkschafts-Kompromiss mit der Deutschen Telekom vom Mittwoch. Der Staat als Großaktionär habe lange nicht so drastisch vorgehen können. Doch die Blackstone-Beteiligungsgesellschaft, die vergangenes Jahr eingestiegen war, "hat sich nun als Kettenhund der Bundesregierung bewährt", sagt Schlecht.

PE-Lobby: "Verschließen uns nicht der Kontrolle"

Wie der Name nahe legt, sind PE-Firmen nicht wie börsennotierte Unternehmen an detaillierte Bericherstattungspflichten gebunden. Trotzdem tätigen sie hochriskante Investments mit Milliardenbeträgen – rund zwei Drittel davon Bankkredite. Bei schlechten Investment-Entscheidungen rollen dann nicht nur Manager-Köpfe. Wall Street gerät gleich mit ins Trudeln, so die Befürchtung. Ohne Regulierung ist dieses Risiko langfristig kaum tragbar.

Das streiten auch Branchenvertreter nicht völlig ab. Doch eine Kontrolle müsse sich auf die Banken beziehen, die die Kredite bereitstellen, sagt Dörte Höppner, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK). "Aber auch wir verschließen uns nicht der Regulierung. Das Problem ist, dass es in Deutschland in dem Bereich bislang überhaupt keine gesetzliche Grundlage gibt", sagt sie. Ändern soll dies ein Private Equity Gesetz, das nächstes Jahr beraten werden soll. Es wäre denkbar, dass die Risiko-Investoren dann ebenfalls Bericht erstatten, oder die Qualifikation ihrer Fonds-Manager zertifizieren müssten.

Arbeitnehmer finanzieren Heuschrecken

Streikende Arbeiter mit symbolischem Sarg (Quelle: AP)

Die Rentenbeiträge von Arbeitnehmern finanzieren auch die Kriegskassen der PE-Firmen

Mit vereinten Kräften könnten Arbeitnehmer die PE-Industrie auch an ganz anderer Stelle an die Kandare nehmen: Der größte Geldgeber für die Private Equity-Fonds sind Rentenkassen. Ohne deren Kapital – Beitrage von Millionen Arbeitnehmern – stünde die PE-Branche wohl vor dem Aus.

Um hier etwas zu bewegen, müssten die Gewerkschaften auf der ganzen Welt an einem Strang ziehen, sagt Michael Schlecht von Verdi. Auch das Geld, mit dem Blackstone jetzt bei Telekom Dampf macht, kommt aus einem Pensionsfond - in Kalifornien. "Doch es ist unwahrscheinlich, dass kalifornische Angestellte sich fragen, was bis zum sonnigen Lebensabend mit ihren Rentenbeiträgen anderswo geschieht."

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