1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Ungeliebtes Exil in der Türkei

Rund 80.000 syrische Flüchtlinge haben sich in türkischen Auffanglagern entlang der Grenze in Sicherheit gebracht. Angesichts anhaltender Kämpfe in der Heimat sinkt ihre Hoffnung auf eine baldige Rückkehr.

Abdullah Janoudi macht das, was er meistens tut in diesen Tagen: Er schaut sich die Nachrichten in einem arabischen Satellitensender an. Es geht meistens um die Lage in Syrien, Janoudis Heimat, die er vor einem Jahr verließ, nachdem er von den Sicherheitskräften Baschar al-Assads vorübergehend festgesetzt worden war. Die Festnahme war eine Warnung: Janoudi, ein Bär von einem Mann mit graumeliertem Bart und Händen wie Schaufeln, war erst kurz vor dem Ausbruch des Aufstandes gegen Assad im März 2011 aus einer Haftstrafe wegen seiner regierungsfeindlichen Haltung entlassen worden. Seine blauen Augen blitzen zornig, wenn er über den syrischen Präsidenten spricht. Dann schaut er wieder aufs Fernsehen. Mehr kann er nicht tun hier im türkischen Flüchtlingslager Öncüpinar an der Grenze zu Syrien.

Syrisches Flüchtlingskind auf dem Weg in ein Flüchtlingslager in der Türkei (Foto: Reuters)

Kaum Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die Heimat

Janoudi ist einer von rund 12.000 Syrern, die Unterschlupf gefunden haben in den Wohncontainern von Öncüpinar. Das Lager mit seinen festen Behausungen hat den Ruf, komfortabler zu sein als die anderen türkischen Flüchtlingscamps entlang der Grenze, in denen die Syrer in Zelten oder alten Fabrikgebäuden untergebracht sind.

"Das Leben in der Türkei ist schwer"

In Reih und Glied aufgereiht stehen die Container von Öncüpinar in der Sonne, in den engen Gassen zwischen den Behausungen staut sich die Hitze. Janoudi ist zusammen mit seiner Familie aus der Hafenstadt Latakya in die Türkei geflohen und nach Aufenthalten in anderen Lagern schließlich hier gelandet. Die Janoudis haben ihren Stolz, in der Heimat waren sie zwar nicht reich, aber durchaus wohlhabend – doch in Öncüpinar hilft ihnen das nichts. Janoudi hält ein Päckchen mit arabischem Kaffee in die Höhe. In Syrien habe so etwas umgerechnet etwa 40 Eurocent gekostet, sagt er. Im Supermarkt, den die türkischen Behörden im Lager von Öncüpinar einrichten ließen, kostet der Kaffee etwa einen Euro.

Syrische Flüchtlingskinder warten an der türkisch-syrischen Grenze auf die Weiterreise in ein Flüchtlingslager (Foto: Khalil Hamra/AP/dapd)

Siegesgewiss: Flüchtlingskinder warten an der türkisch-syrischen Grenze auf die Weiterreise in ein Camp

Jeder Flüchtling im Lager erhält eine Plastikkarte, auf der Geld im Gegenwert von neun Euro aufgeladen wird. Damit muss ein Flüchtling eine Woche lang auskommen. Viele klagen über die hohen Preise im Supermarkt. "Das Leben in der Türkei ist schwer", seufzt Janoudis Vater Omar.

"Schule, Moscheen und eine Schule"

Dabei sind die Janoudis nicht undankbar, im Gegenteil. Sie wissen, dass sie der Türkei möglicherweise ihr Leben verdanken. Auf die hohen Preise und die Verweigerung von Arbeitsgenehmigungen für die Syrer durch die türkischen Behörden angesprochen, lächelt der 73-jähige Omar Janoudi verlegen. "Was kann ich sagen? Ich bin zu Gast hier."

US-Außenministerin Hillary Clinton sagte kürzlich, die türkischen Camps für die Syrer gehörten zu den besten Flüchtlingslagern, die sie je gesehen habe. Tatsächlich sind die Bemühungen der Türken in Öncüpinar offensichtlich. Über Straßen aus Verbundpflaster rollt die lagereigene Müllabfuhr, es gibt zwei Moscheen, einen Kindergarten, eine Schule, eine Krankenstation und mehrere Spielplätze. Und das vor dem Hintergrund der häufig harten Realitäten in der Türkei selbst: So manches anatolische Dorf wäre froh, wenn es über eine Infrastruktur wie Öncüpinar verfügte.

"Heimweh und der Krieg vor der Haustür"

Syrische Flüchtlinge warten an der türkisch-syrischen Grenze auf die Weiterfahrt in ein Flüchtlingscamp (Foto: Reuters)

In der Fremde, aber in Sicherheit: syrische Flüchtlinge in der Türkei

Doch selbst das beste Flüchtlingslager ist kein Ersatz für die Heimat. Ein Grund dafür, dass im Container der Janoudis und anderer Syrer, bei denen das Geld noch für einen Fernseher und eine Satellitenschüssel gereicht hat, ständig die Nachrichten laufen, ist, dass die Flüchtlinge auf keinen Fall jenen Moment verpassen wollen, in dem der Sturz Assads gemeldet wird. Vor einigen Tagen bejubelten sie die Bilder eines abgeschossenen Regierungshubschraubers.

Auch ohne Fernsehen ist der Krieg in der Heimat ständig präsent in Öncüpinar. Für einige junge Männer wie Hassan Maseri ist das Lager ein Ort, an dem sie ihre Familien in Sicherheit wissen, wenn sie selbst nach Syrien zurückfahren, um zu kämpfen. "Nächste Woche gehe ich", sagt der 24-Jährige. Auf dem Basar der nahen türkischen Provinzhauptstadt Kilis hat Maseri seinen Ehering verkauft, damit seine Frau und seine Kinder in seiner Abwesenheit über ein kleines Geldpolster verfügen.

"Gedränge an der Grenze"

Unterdessen geht die Fluchtwelle aus Syrien in die Türkei weiter. Gleich neben dem Lager von Öncüpinar sind mehrere tausend Syrer im Niemandsland gestrandet. Die Türkei verweigert ihnen die Einreise, was mit fehlenden Lager-Plätzen begründet wird. Bald werde ein neues Flüchtlingslager fertig sein, und dann könnten die Menschen auch untergebracht werden, sagen türkische Diplomaten. Offenbar geht es auch darum, nach mutmaßlichen Mitgliedern der PKK-Kurdenrebellen unter den Neuankömmlingen zu suchen.

Angesichts des stärker werdenden Flüchtlingsansturms und der eskalierenden Kämpfe in Syrien sinkt bei den Syrern in Öncüpinar die Hoffnung auf eine baldige Heimkehr. Viele geben dem Westen eine Mitschuld an dem anhaltenden Gemetzel und daran, dass sie seit Monaten und teilweise seit mehr als einem Jahr in der Fremde festsitzen. "Wenn es eine Schutzzone gäbe oder ein Flugverbot, dann wäre alles schnell vorbei", sagt Salih Abdullah, ein Flüchtling aus der westsyrischen Provinz Idlib. Das glauben die allermeisten hier im Camp – aber niemand erwartet, dass die internationale Gemeinschaft bald handelt. "Allein aus meiner Familie sind acht Menschen getötet worden", sagt ein Syrer in Öncüpinar. "Ich frage mich, warum das Leben eines Syrers so wenig wert ist."