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Kultur

Ungehorsame Pfarrer wollen Reform

Geschiedene Katholiken, die wieder heiraten, sind laut römischem Kirchenrecht Ehebrecher. Pfarrern ist verboten, ihnen die Kommunion auszuteilen. Eine Freiburger Pfarrerinitiative opponiert gegen die Regel.

Schere mit ring © Jens Klingebiel #2903719. Quelle: http://de.fotolia.com/id/2903719

Symbolbild Liebe Schere und Ring

"Ich habe kein Gelübde abgelegt, dem Kirchenrecht zu folgen, sondern ich habe den Auftrag, mich den Menschen zuzuwenden. Das ist Seelsorge." Der Freiburger Priester Konrad Irslinger hat die Nase voll. Gemeinsam mit 13 anderen Pfarrern und Diakonen aus dem Erzbistum Freiburg hat er in einem Memorandum den Umgang der katholischen Kirche mit Wiederverheirateten kritisiert. Die Ehe gilt als unauflösliches Sakrament. Katholiken in zweiter Ehe bleiben vom Empfang der Sakramente ausgeschlossen, weil sie laut Kirchenrecht Ehebruch an ihrem ersten Partner begehen und in einem Zustand schwerer Sünde leben.

Bekenntnis zum Ungehorsam

Ein Dogma, das einer Kirche, die Barmherzigkeit predigt, ziemlich schlecht stehe, finden die Freiburger Pfarrer. Im Internet haben sie deshalb eine Unterschriftenaktion gestartet, an der sich bisher 195 Geistliche aus dem Erzbistum beteiligt haben. "Wir bringen mit unserer Unterschrift zum Ausdruck, dass wir uns in unserem Handeln gegenüber wiederverheirateten Geschiedenen von der Barmherzigkeit leiten lassen", heißt es in dem Aufruf der Priester. Ihnen sei bewusst, dass sie damit gegen geltendes Kirchenrecht verstießen. Damit machen die Priester öffentlich, was in Kirchengemeinden an der Basis schon längst Usus ist: Offiziell dürfen Pfarrer Wiederverheirateten zwar weder die Kommunion noch die Krankensalbung spenden oder die Beichte abnehmen. Viele tun es aber trotzdem – weil sie das geltende Kirchenrecht für unzeitgemäß halten.

Großer Leidensdruck

Pfarrer - Konrad Irslinger, Foto:ddp images/AP Photo/ Winfried Rothermel

Rebellischer Pfarrer - Konrad Irslinger

Denn auch immer mehr engagierte Katholiken leben heute in zweiter oder gar dritter Ehe. Und ihr Leidensdruck ist enorm. Sie fühlen sich zu "Sündern" und Christen zweiter Klasse abgestempelt, für die sich die Kirche nicht interessiere. "Der Druck ist der, dass hier Menschen sitzen und erzählen, wie enttäuscht und betroffen sie sind, dass sie sich deswegen von der Kirche abwenden", sagt Konrad Irslinger. "Das wollen wir nicht länger verschweigen, sondern öffentlich machen", so der Priester. Wie viele seiner Amtsbrüder hege er den Wunsch, dass die Kirche dieses Dilemma auflöse. Denn die Pfarrer befänden sich im ständigen Spagat zwischen Barmherzigkeit und Kirchenrecht.

Dauerdebatte seit Jahrzehnten

Die Freiburger Theologen sind bei weitem nicht die ersten, die einen neuen seelsorglichen Umgang mit Wiederverheirateten fordern: Das Thema wurde schon 1975 auf der Würzburger Synode angesprochen. Für Aufsehen sorgte 1983 ein Hirtenbrief zur Pastoral mit Geschiedenen, den die Bischöfe der Oberrheinischen Kirchenprovinz veröffentlichten. Darin traten der ehemalige Freiburger Erzbischof Oskar Saier, der Mainzer Bischof Karl Lehmann und Kardinal Walter Kasper, damals Bischof von Rottenburg-Stuttgart, dafür ein, dass wiederverheiratete Katholiken nach ernster Gewissensprüfung selbst entscheiden könnten, wieder zur Kommunion zu gehen. Um auf Wiederverheiratete zuzugehen, müsse die Kirche die Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe noch nicht einmal aufgeben, argumentiert auch der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff in seinem jüngsten Traktat zum Thema. Sie müsse wiederverheirateten Katholiken aber einen Weg zur Versöhnung mit ihrer Lebensgeschichte aufzeigen.

In Anwesenheit von Verwandten und Freunden schreitet ein junges Paar in einer Kirche zum Altar. Foto: dpa

Auch Ehen, die vor dem Altar geschlossen wurden, enden oft vor dem Scheidungsrichter.

Rom bleibt hart

An theologischen Lösungsansätzen mangelt es also nicht. Aber in Rom fehlt es offenbar an jeglichem Willen, auf die Gläubigen zuzugehen. Zuletzt war es ausgerechnet der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, der sich einen Rüffel einfing, als er vor der Deutschlandreise Papst Benedikts im Vatikan um mehr Barmherzigkeit für die wiederverheirateten Katholiken warb. Der Papst reagierte damals nicht. Über seinen Vatikangesandten in Deutschland, Nuntius Jean-Claude Perisset, ließ er Zollitsch, der zugleich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, ausrichten: Mit einer Veränderung der Lehre sei nicht zu rechnen.

Zollitsch zeigt vorsichtiges Entgegenkommen

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, predigt am Freitag (18.05.2012) in Mannheim in der Christuskirche beim Ökumenischen Gottesdienst auf der Kanzel. Foto: Uwe Anspach dpa/lsw pixel

Erzbischof Robert Zollitsch

Auch deshalb verwundert es nicht, dass der Freiburger Erzbischof nun vorsichtig geworden ist und erst einmal wenig begeistert auf den Aufruf der Rebellenpriester in seinem Bistum reagierte. Zwar ließ Zollitsch in der Vergangenheit zu Genüge durchblicken, dass auch er die Vorschriften gerne lockern würde. Allerdings nur im Konsens mit dem Vatikan und den deutschen Bischöfen. Die sind in der Sache aber längst nicht einer Meinung. Konservative Oberhirten, wie der Kölner Kardinal Joachim Meißner und der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sehen die Reformforderungen in puncto Wiederverheiratete skeptisch. Inzwischen hat das Bistum die Initiatoren des Memorandums zu einem Gespräch am kommenden Donnerstag eingeladen, an dem auch Erzbischof Robert Zollitsch teilnehmen wird. Die widerspenstigen Pfarrer zeigen sich optimistisch. Sie wollen nicht locker lassen. "Wir bekommen viele positive Rückmeldungen von Pfarrern aus anderen Bistümern – von Hamburg bis München", sagt Mitinitiator Konrad Irslinger.

Eine österreichischen Pfarrerinitiative hatte schon Ende letzten Jahres offen zum Ungehorsam gegenüber den Bischöfen aufgerufen. Dabei forderten die österreichischen Kirchenrebellen auch ein Ende des Zölibats und Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Auch die Freiburger Pfarrer haben bereits neue Reformforderungen angekündigt. Und eines ist ohnehin klar: Den von den Bischöfen ins Leben gerufenen Dialog wollen sie nur auf Augenhöhe weiterführen.