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Fokus Osteuropa

Ungarns Minderheit in der Vojvodina blickt nach Europa

Seit fünf Jahren ist Ungarn Mitglied der Europäischen Union. In der nordserbischen Provinz Vojvodina leben etwa 300.000 Ungarn. Wo sieht diese ungarische Minderheit Nordserbiens ihre Zukunft und wie sieht sie aus?

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Novi Sad, die Hauptstadt der Provinz Vojvodina, gehörte Jahrhunderte lang zu Ungarn

Der stämmige Mann in geräumigem, mit traditionellem Handwerk geschmücktem Büro im Zentrum der Provinzhauptstadt Novi Sad glaubt die Antwort zu wissen. Das müsste er ja auch. Istvan Pasztor ist der Führer der größten Ungarn-Partei in der Vojvodina: „Wir haben keinen Alternativstaat zu Serbien. Uns sind gute Beziehungen zum Mutterland Ungarn wichtig. Wir können aber nicht darüber hinwegschauen, dass Serbien unser Heimatland ist. Deswegen sind wir sehr an der Zukunft Serbiens interessiert.“

Während er spricht, macht Istvan Pasztor einen resoluten Eindruck. Dass es ihm an Selbstbewusstsein nicht fehlt, zeigte der Politiker letztes Jahr, als er für den Posten des serbischen Staatschefs kandidierte.

Ungarische Kulturelite

Pasztor ist keineswegs eine Ausnahme. Die Ungarn in der Vojvodina gehörten zur kulturellen Elite des Landes, sagt der wohl bekannteste Bürgerrechtler von Novi Sad, der Slowake Pavel Domonji: „Die Ungarn hier haben eine starke Kulturelite. Sie haben eine starke und einflussreiche politische Elite. Die Ungarn sind der europäischen Idee stark verbunden und haben ein existentielles Interesse an einer effizienten europäischen Integration Serbiens. Wenn diese nicht läuft, werden sie schnell frustriert. Und sie erhöhen den Druck auf Ungarn, zumindest die doppelte Staatsbürgerschaft für sie einzuführen.“

Die Regierung in Budapest weigert sich aber, mit der Ausstellung von Pässen der großen ungarischen Minderheit im Nachbarstaat Tür und Tor zur Übersiedlung ins ungarische Kernland zu öffnen. Stattdessen unterstützt Budapest lieber die von Ungarn bewohnten Gebiete in Serbien wirtschaftlich und kulturell.

In Novi Sad, der Hauptstadt der Provinz, die bis vor 90 Jahren fast neun Jahrhunderte lang zu Ungarn gehörte, gibt es nur ein ungarisches Schauspielhaus. Das Haus feiert gerade sein 35. Jubiläum. Während im Saal des denkmalgeschützten Gebäudes das 20-köpfige Ensemble probt, erzählt mir in der Empfangslobby die Dramaturgin Kata Gyarmati: „Wir spielen auf Ungarisch, haben aber für fast jedes Stück Dolmetscher dabei. Die Übersetzung bekommt der Zuschauer über Kopfhörer. Wir versuchen, unsere Stücke auch auf dem Lande aufzuführen, für die Menschen in Dörfern, in denen Ungarisch gesprochen wird. Sie sollen auch etwas vom Theater haben.“

Warnung vor Gettoisierung

Seit zwei Jahrzehnten beobachtet man in der Provinz, wie die Ungarn sich um die Grenzstadt Subotica und die kleineren südlicheren Städte Senta und Ada konzentrieren. Öffentlich mag keiner darin eine Tendenz erkennen. Hinter vorgehaltener Hand wird aber vor einer Gettoisierung der Ungarn gewarnt. Diese werde sowohl von der Minderheit gewollt, als auch von der serbischen Mehrheit betrieben. Politiker dementieren, doch Medien spekulieren: Hier werde ein künftiges autonom ungarisches Gebiet geschaffen. In Ada zum Beispiel, einem mehrheitlich ungarischen 10.000-Seelen-Ort, reihen sich auf der einen Seite der Hauptstraße die ungarischen und auf der anderen Seite die serbischen Kneipen. Zwischenfälle gibt es keine, was aber auch an der Distanz der beiden Volksgruppen liegen mag.

Das Zentrum des ungarischen Lebens in der Vojvodina aber ist Subotica mit seinen 100.000 Einwohnern. Die Journalistin Zsuzsana Szerencses weiß die Stadt zu schätzen: „In Subotica ist es völlig normal, dass der Kellner einen in zwei Sprachen anspricht. Dann antwortet man auch völlig natürlich in seiner Muttersprache. Das ist wie ein Reflex.“

Erinnerung an schwierige Zeiten

Die angesehne Reporterin arbeitet für serbische Medien und wohnt in der Provinzhauptstadt Novi Sad. Sie zündet eine Zigarette nach der nächsten an und erklärt ihre persönliche Sicht der kulturellen Zugehörigkeit der Vojvodina: „Für mich ist es ganz normal, dass ich in meinem Haus, mit meiner Familie Ungarisch rede. So war es für mich auch nur natürlich, dass ich einst meine Kinder in einer ungarischen Schule angemeldet habe.“

Über den Cafetisch gebeugt und mit dem starken schwarzen Kaffe vor ihr, sieht das schmale Gesicht von Zsuzsana Szerencses noch blasser aus, als sie sich an die Zeiten des Nationalismus in Serbien in den 90-er Jahren erinnert: „Ich persönlich wurde nie angegriffen. Doch wir alle waren uns der potentiellen Risiken bewusst. Die Tatsache, dass man befürchtete, Probleme zu bekommen, weil man auf der Straße mit dem eigenen Kind in seiner eigenen Sprache spricht, zeugt doch genug von der unnatürlichen Stimmung, die damals herrschte. Die Zeiten sind zum Glück vorbei.“

Autor: Filip Slavkovic

Redaktion: Bernd Johann

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