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Welt

Ungarn: Frauen für den Balaton

Gulasch, Weißwein, günstige Preise – dafür ist der ungarische Plattensee bekannt. Doch die Schönheit des Sees ist durch Umweltverschmutzung und Touristenströme gefährdet. 600 Frauen machen sich für ihren Balaton stark.

Blick auf den grau-grün schimmernden Balaton

Blick auf den grau-grün schimmernden Balaton

Leise rauscht das Schilf am See

Leise rauscht das Schilf am See

Es ist, als ob das Schilf am Balaton Geschichten erzählen würde. Leise flüstert es Legenden von längst ausgestorbenen Adelsfamilien, von Wirten und ihren lieblichen Weinen, von tüchtigen Fischern und Fährleuten. Früher lebten die Menschen hier vom Weinanbau und Fischfang. Heute ist der Tourismus ihre Haupteinnahmequelle - und ihre größte Sorge, denn die Schönheit des Sees wird durch die Umweltverschmutzung und die Touristenströme gefährdet.

Frauenpower für die Umwelt

Vor allem in den 90er Jahren diskutierten in den Gemeinderäten die Männer über die fortschreitende Verschmutzung. Doch getan wurde kaum etwas. Schließlich krempelten die Frauen am Balaton die Ärmel hoch: 1995 gründeten sie den "Verein zum Schutz des Balatons". Ausschließlich Frauen dürfen hier Mitglied werden.

Einige Mitglieder des Vereins zum Schutz des Balatons

Einige Mitglieder des Vereins zum Schutz des Balatons

"Kluge Frauen können viel für den Balaton tun", findet Margit Szanyi. Die 67-Jährige ist eine von 600 Frauen, die sich zusammengetan haben, um die Schönheit ihres geliebten Sees zu erhalten. In 17 regionalen Gruppen engagieren sie sich, um die Umwelt zu schützen und das kulturelle Erbe des Balatons zu bewahren. Sie organisieren Informationsveranstaltungen für Anwohner und Touristen und erzählen viele alte Geschichten und Legenden, die sich um den Plattensee ranken.

Himmlische Fügung

Eine davon begab sich am nördlichen Ufer - im kleinen Ort Vonyarcvashegy. Hier thront auf einem Hügel eine kleine, weiß getünchte Kapelle mit schwarzem Dach. St. Michael ist die einzige Fischerkapelle Ungarns. Sie ist Teil einer Legende, die sich 1729 ereignet haben soll.

Die St. Michaels Kapelle

Die St. Michaels Kapelle

Es war im Winter, der Balaton war zugefroren und so gingen 46 Fischer gemeinsam auf das Eis hinaus und schlugen Löcher hinein um zu fischen. Auf einmal kam ein stürmischer Wind auf. Der Eisblock, auf dem die Fischer standen, brach ab und wurde hinaus auf den See getrieben. Sechs Fischer starben sofort. Die anderen waren dem Wind und den Wellen hilflos ausgeliefert.

In ihrer Not beteten sie und versprachen, dass sie, falls sie gerettet würden, Gott zum Danke eine Kapelle zu bauen würden. Und so plötzlich, wie der Wind aufkam, so plötzlich drehte er sich. Wie durch ein Wunder trieb der Eisblock mit den 40 Fischern zurück zum Ufer. Die Fischer hielten ihr Versprechen und bauten die St. Michaels Kapelle. Noch heute finden hier Gottesdienste, Taufen und Hochzeiten statt. Vom Hügel der Kapelle aus hat man einen wunderschönen Blick auf den See.

Ein (fast) geheimer Schatz am Balaton

Auch Margit Szaniy kommt häufig hierher. Sie ist nämlich nicht nur Mitglied in der Gruppe "Frauen für den Balaton", sondern auch aktiv im Verein zum Schutz der St. Michaels Kapelle. Hier engagiert sie sich für den Denkmalschutz der Kapelle und für die Natur. Die Arbeit in dem Verein bedeutet ihr sehr viel. "Ich bin eine begeisterte Einwohnerin hier. Ich sage immer: Vonyarcvashegy ist für mich der Mittelpunkt der Welt. Und in diesem Mittelpunkt ist die Kapelle ein Schatz."

Die meisten Schilder gibt es auf Ungarisch und Deutsch

Die meisten Schilder gibt es auf Ungarisch und Deutsch

Ein Schatz, den nicht jeder kennt. Touristen verirren sich nicht so häufig hierher. Und das, obwohl die Region um den Balaton eine Touristenhochburg ist. Das wohltemperierte Wasser und das milde Klima haben schon im 19. Jahrhundert zahlreiche Feriengäste an den See gelockt. Heute kommen jedes Jahr fast eine Million Touristen hierher. Die Bewohner haben sich längst auf ihre meist deutschen Gäste eingestellt. Schilder und Speisekarten gibt es auch auf Deutsch. Und in fast jedem Hotel und Restaurant wird man automatisch mit einem freundlichen "Guten Tag" begrüßt. Vielleicht ist es den Menschen am Balaton gerade wegen der vielen Touristen so wichtig, alte Traditionen zu bewahren.

Weinanbau und Weintrinken

Weinanbau am Balaton

Weißwein - eine Spezialität der Region

Eine weitere Organisation, die Gruppe der "Weinfrauen", widmet sich dem traditionellen Weinanbau. Über 40 Anwohnerinnen haben sich zusammengetan und tanzen und singen auf den vielen Weinfesten, die jeden Sommer in der Region stattfinden. Außerdem organisieren sie Weinproben - und natürlich trinken sie auch gern selbst einmal ein Schlückchen. "Das gehört zu meinem Alltag", erklärt eine der Weinfrauen. "Ich produziere meinen eigenen Wein auch nur für mich und meine Familie. Das mag ich. Ich trinke fast jeden Abend ein bisschen Wein zum Abendessen."

Es bleibt viel zu tun - zwischen Attraktion und Tradition

Der Balaton auf der Landkarte

Weinproben, Kulturprogramm, Wassersport – besonders in den Sommermonaten wird die Natur durch die zahlreichen Feriengäste strapaziert. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden immer neue Ferienhäuser gebaut, neue Strände angelegt und so den vielen seltenen Tieren am Ufer des Balatons die Rückzugsgebiete genommen. Außerdem hinterlassen die Touristen oft wahre Müllberge.

Es gibt also noch viel zu tun für die allgemeine Vereinigung "Frauen für den Balaton", meint die Vorsitzende der nördlichen Region Vetöné Zsóka: "Seit der Gründung unseres Vereins ist es unser Ziel, den Balaton mit den Augen der Frauen anders anzuschauen als andere Gruppen der Gesellschaft. Wir möchten unsere Erfahrungen und unsere Meinung über den See und die Umgebung an Ausländer und Einheimische weitergeben." Während sie das sagt, schaut Frau Zsóka gedankenverloren über den See. Dort macht gerade ein nostalgischer Dampfer der Balatoner Schifffahrtsgesellschaft seine Runde. Er tutet laut. Der Dampfer ist eine Touristenattraktion, aber auch ein Stück Tradition des Balatons.

Audio und Video zum Thema